Meine Tänze passen nicht in deine Glitzerstöckelschuhe

von Eva Biringer

Wien, 20. November 2016. Es ist ein Trauerspiel. Medea, die Fremde, soll Walzer tanzen, in absurd hohen Glitzerstöckelschuhen und einem Lilifee-Rock, der ständig im Weg ist. Eine Demütigung auch, weil sie unter Beobachtung jener Frau steht, die ihr den Mann ausspannt. Wie Medea, die Nicht-Entfremdete tanzt, haben wir bereits gesehen. Unter einem roten Schleier, Symbol einer lange zurückliegenden Bluttat, zuckt sie über die Bühne, prügelt die Erde, stößt Urschreie aus. Ein archaisches Bild, ähnlich den rasenden Tänzern in Pina Bauschs "Sacre du printemps". Für diese Art Ausdruckstanz ist kein Platz in der Fremde, weil er die Praktizierende als eben genau das kennzeichnet: fremd.

Flucht in die Fremde

"Medea" ist der letzte Teil von Franz Grillparzers Trilogie "Das goldene Vließ", uraufgeführt 1821 am Burgtheater. Anna Badora inszeniert das Stück jetzt am Wiener Volkstheater. Aus Liebe beschafft die Barbarin Medea dem Griechen Jason das Goldene Vlies und flüchtet mit ihm ins Exil. Zunächst gewährt König Kreon dem Paar und seinen zwei Kindern Schutz, verstößt dann Medea und gibt Jason seine Tochter zur Frau. Am unzumutbaren Ende tötet die Verlassene erst ihre Konkurrentin, dann ihre eigenen Kinder.

Medea1 560 Lupi Spuma uEin ikonisches Bild der Theatergeschichte: Medea vor ihren Kindern. In Wien ist Stefanie Reinsperger die Kindermörderin Medea. © Lupi Spuma

Grillparzers Vorlage fügt dem tiefschwarzen Mythos einige Grauschattierungen hinzu. Seine Medea zeigt Momente der Schwäche, ist nicht nur Furie, sondern auch Mensch. Stefanie Reinsperger beherrscht alle Töne der von der Regie erweiterten Farbpalette, von sengendrot (ihre anfangs bedingungslose Liebe zu Jason) über versöhnlichblau (den Anstrengungen, ihren Gastgebern zu genügen) bis hin zu höllenschwarz (der Kindsmord, konsequent umgesetzt). Was Medea nicht beherrscht, sind die Glitzerstöckelschuhe.

Feinripp versus wallende Samtkleider

Gekonnt unterstreichen Werner Fritz' Kostüme die Kluft zwischen Schutzsuchenden und Schutzgewährenden. Während die Titelfigur und ihre Amme (Anja Herden) die schweren Stiefel einer Kriegerin tragen, dazu wallende Samtkleider und verschnürtes Haar, gibt Evi Kehrstephan als Kreusa im perwollweißen Hosenanzug die Ehefrau von Welt. Günter Franzmeier als ihr Vater Kreon erinnert noch mal daran, was ein perfekt sitzender Herrenanzug leisten kann – ganz im Gegensatz zu Jason, der keine Sekunde seinen sogenannten Mann steht. Von allen Figuren ist er die erbärmlichste, ein Hanswurst im "Wife beater" genannten Feinrippunterhemd.

Gábor Biedermanns Opfer-Opportunismus als Jason verhindert jedes Mitleid. Stattdessen ist man ganz bei Medea, die ihre Identität und vermeintlich barbarischen Bräuche aufgibt für ein von Platons Kugelmenschen schwafelndes Männlein. Während sie mit ihren Kindern in einem Zelt (Bühne: Thilo Reuther) haust, das Fernsehzuschauer aus ARD-Brennpunkten kennen, nistet sich Jason in Kreons Palast ein.

Mit einem Ohr bei heutigen Flüchtlingsfragen

Nicht nur optisch, auch inhaltlich wirft die Inszenierung tagespolitische Fragen auf. Wann wird aus Integration Assimilation? Ist Identität nur ein Konstrukt, das insbesondere in Zeiten der Unsicherheit herbeigesehnt wird, wie es der Philosoph Zygmunt Baumann behauptet? Besteht die Lösung der sogenannten Flüchtlingskrise darin, das Fremde anzunehmen, statt auf einem "Wir" und "Die" zu bestehen, wie Migrationsforscher Mark Terkessidis (ebenfalls im Programmheft zitiert) vorschlägt?

Medea3 560 Lupi Spuma uNur kurze Zeit vereint: Stefanie Reinsperger als Medea und Gábor Biedermann als Jason
© Lupi Spuma

In gewisser Weise ist auch die Regisseurin eine Fremde. Von Graz wechselte Anna Badora 2015 als künstlerische Leiterin ans Volkstheater. Nicht allen passt dieser Richtungswechsel, denn: Wien sieht im Zweifelsfall lieber brillante Schauspieler als postdramatische Auswüchse. Brillant wie Stefanie Reinsperger, die in der kommenden Spielzeit vom Volkstheater ans Berliner Ensemble wechseln wird. Man kann diese Inszenierung auch als einen unfreiwilligen Kommentar zu diesem Personalwechsel lesen: Eine gebürtige Wienerin verlässt ihre Heimat, um sich den seltsamen Bräuchen der deutschen Hauptstadt anzunähern.

Dass der Stadt mit Stefanie Reinsperger eine der ganz Großen verloren geht, beweist jede der 150 Minuten dieser Inszenierung und insbesondere die letzte Szene. Da tanzt Medea noch einmal zur Melodie des verhassten Exils. Medea als Mörderin, ihre toten Kinder über die Schultern gelegt. Aus den Lautsprechern lodert das Feuer, in dem Kreon und Kreusa umkommen: Alles Walzer, alles brennt. Sie tanzt mit geschlossenen Augen und barfuß, keine Stöckelschuhe bringen sie mehr zu Fall. Ein Trauerspiel – und eine Freude, dem zuzusehen.

 

Medea
von Franz Grillparzer
Regie: Anna Badora, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Werner Fritz, Musik: Klaus von Heydenaber, Licht: Tamás Bányai, Dramaturgie: Heike Müller-Merten.
Mit: Michael Abendroth, Gábor Biedermann, Günter Franzmeier, Anja Herden, Evi Kehrstephan, Michael Köhler, Stefanie Reinsperger, Sarah Pritchard-Smith, Luana Otto, Phillip Bauer, Nikolaus Baumgartner, Oskar Salomonowitz, Simon Stadler-Lamisch, Johannes Brandweiner.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.volkstheater.at

 

Kritikenrundschau

"Diese Medea bereut nichts. Weder praktisch noch theoretisch", schreibt Simon Strauss in der Dreifach-Rezension aktuelle "Medea"-Inszenierungen in Wien, Duisburg, München in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (29.11.2016). So wuchtig-stürmisch spiele Stefanie Reinsperger ihre Medea, so sehr strömt Leben aus allen ihren Poren, drängt Frauenkraft aus ihrer Gestalt, dass man für keinen Moment an ihrer Überzeugung zweifele. "Badora hat dem Seelendrama alles Antikisierende, alles Hochheilige genommen. Grillparzers tragisches Weltgefühl kommt hier ganz unverblümt daher, die Schicksalsverfangenheit der Figuren ergibt sich natürlich, ohne ausgestellte psychologische Erklärungsversuche." Der Wiener Medea liege das Intellektuelle fern, "hier wird aus dem Bauch heraus gespielt, ist das Unheil noch unaufgeklärt und die Dialektik todbringend, nicht diskursfördernd".

enau auf dieses Flüchtlingsdrama hin inszeniert Regisseurin Anna Badora das 1821 in Wien uraufgeführte "Dramatische Gedicht". Es ist der dritte Teil der Trilogie Das Goldene Vlies und dessen Kulminationspunkt. - derstandard.at/2000047917452/Medea-Asylantrag-einer-Frau-die-gut-tanzen-kann

Genau auf dieses Flüchtlingsdrama hin inszeniert Regisseurin Anna Badora das 1821 in Wien uraufgeführte "Dramatische Gedicht". Es ist der dritte Teil der Trilogie Das Goldene Vlies und dessen Kulminationspunkt. - derstandard.at/2000047917452/Medea-Asylantrag-einer-Frau-die-gut-tanzen-kannAufs Flüchtlingsdrama hin inszeniere Regisseurin Anna Badora das Dramatische Gedicht, schreibt Margarete Affenzeller im standard (22.11.2016). Das Asylthema stehe im Zentrum "– und das in behäbigen, vereinfachten Zeichen". Badora räume dem Assimilierungsnarrativ viel Platz ein, und man blicke auf diese Auf Medea blickt man am Volkstheater vor allem durch die Brille heutiger asylpolitischer Überlegungen (Checklist Integration). Dadurch aber reduziert man die Titelfigur auf die verratene Gattin mit Migrationshintergrund, deren Kleidermode und impulsives Temperament die distinguierten Griechen stören. Dass diese gutmeinende, kämpferische, aber bis zu einem gewissen Grad doch anpassungswillige Figur zum Kindsmord schreitet, kommt dann einigermaßen überraschend. - derstandard.at/2000047917452/Medea-Asylantrag-einer-Frau-die-gut-tanzen-kaMedea vor allem durch die Brille heutiger asylpolitischer Überlegungen. "Dass diese gutmeinende, kämpferische, aber bis zu einem gewissen Grad doch anpassungswillige Figur zum Kindsmord schreitet, kommt dann einigermaßen überraschend." - Eine Leerstelle in der sonst doch sehr dichten Kausalitätskette Badoras, so Affenzeller.

Reinsperger ist maßlos in ihrer Energie, raumgreifend in ihrer Körperlichkeit. "Volkstheater-Intendantin Anna Badora inszeniert diese Szene ein bisschen wie aus der Crossdresser-Filmkomödie 'Charleys Tante'", Reinsperger wirke wie in Drag. "Aber der Witz zündet nicht, alles an diesem Abend ist zu bieder, zu brav, zu kurz gedacht", findet Karin Cerny auf Spiegel online (21.11.2016) und ist auch sonst nicht begeistert. "Badora hetzt durch die Story, (...) möchte einfach viel zu viel erzählen und tippt dabei alles nur kurz an." Wenn nach dem müden Abend trotzdem mehr als herzlich geklatscht wurde, "liegt das sicherlich auch daran, dass Reinsperger noch einmal ordentlich gefeiert werden musste".  Denn in Wien herrsche gerade Aufregung: "Seit ein paar Wochen hält sich hartnäckig das Gerücht, die junge Schauspielerin würde Oliver Reese ans Berliner Ensemble folgen."

Eine Inszenierung, die alle Kraft aus ihrer zentralen Figur und ihrer Darstellerin zieht, so Christina Böck in der Wiener Zeitung (22.11.2016). Und Reinsperger sei am besten, wenn sie im Samtkleid schamanenartig knurr-grölt, wenn sie so verzweifelt-wütend wie ungläubig ob seiner Untreue Jason anspringe. Fazit: "Anna Badoras 'Medea' geht keine großen Risiken ein, wird aber auch niemanden vor den Kopf stoßen. (...) Eine Inszenierung, die wie ein Friedensangebot an zuvor verärgerte Abonnenten wirkt. Auch recht."

 

 
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