Schlüsselfigur aller Zeiten

von Matthias Schmidt

Meiningen, 24. November 2016. Durch Euripides ist sie uns als die Kindsmörderin bekannt, seit Christa Wolf als eine Frau, die zum Opfer gemacht wurde, indem Mann sie zur Täterin machte. Und Heiner Müller sagte einmal auf die Frage, wer seine Medea sei, das könne jeder selbst entscheiden, "sie kann auch eine Türkin in der Bundesrepublik sein." Bei Patric Seibert, leitender Dramaturg am Südthüringischen Staatstheater in Meiningen und nun verantwortlich für eine neue Fassung des Stoffes, lebt Medea in einem Rot-Kreuz-Flüchtlingszelt. Ein Bild wie aus den Nachrichten. Ein Lager auf Lesbos? Die Frau aus Kolchis, die mit ihrem Mann Jason nach Korinth kam, eine Art Inbegriff der aktuellen Flüchtlingslage? So lässt sich, auf den ersten Blick, das ziemlich plakative Bühnenbild verstehen. Am Ende hat es sich als deutlich zu plakativ für das herausgestellt, was Seibert auf der Bühne der Meininger Kammerspiele aus zahlreichen Fassungen der "Medea" zusammengestellt hat. Seiberts neue "Medea" ist kluges Theater für den Kopf und eben kein plumpes politisches Aktualisieren einer irgendwie auf Heutiges passenden mythologischen Vorlage.

Die Inszenierung beginnt mit Medeas Satz "Ich will nicht Medea sein". Raus aus ihrer Haut will sie, raus aus der Rolle, die ihr zugeschrieben ist. Ihr Zelt ist umgeben von Absperrkordeln; sie ist eingehegt wie ein Museumsstück, eingesperrt wie ein Objekt kulturgeschichtlicher oder völkerkundlicher Neugier. Hinter ihr laufen brutale Szenen aus Pasolinis Medea-Film, um den Hals trägt sie ein Schild mit der Aufschrift "Barbarin / Schwarzmeerküste". Sie ist ausgestellt wie einst Indianer und Afrikaner in den so genannten Völkerschauen, und aus diesem Klischee will sie entkommen. 70 Minuten lang wird sie es versuchen, dutzende verschiedene Medea-Texte vortragend. Sie wird sich als enttäuschte Liebende präsentieren, als Rächerin, als Heilerin, als Wahnsinnige, als Opfer, als Täterin, als Bereuende.

Zeitreise mit musikalischer Begleitung

Sie wird Texte über sich selbst zitieren und darüber den Kopf schütteln, dass sie, die heute vielleicht eine Frau im besten Alter genannt würde, etwa in Hans Henny Jahnns "Medea" als "ergrautes Nachtgespenst der Hölle" beschrieben wird, von dem Jason sich befreit. Oder dass es bei Grillparzer als Warnung an ihre Söhne heißt, "in schlimmeren Feindes Hand wart ihr noch nie!" Sie wird sich anklagen, und sie wird sich verteidigen. Ulrike Walther gelingt es souverän, all diese Medea-Facetten zu verkörpern, zu differenzieren. Sie allein trüge diesen vielschichtigen und textlich nicht ganz einfachen Abend locker. Dass sie ab und an versucht (oder versuchen muss, weil es nun einmal da ist?), mit dem Flüchtlings-Lager-Setting um sich herum zu interagieren, wirkt eher aufgesetzt und zeigt im Grunde, dass es diese Bildanalogie ins Heute gar nicht gebraucht hätte.

Medea2 560 Marie Liebig u© Marie Liebig

Vor allem deshalb nicht, weil sie ja einen Spielpartner hat, der viel stärker ist als der Plastikmüll rings um das Zelt: ein musikalisches Motiv, immer wieder in Variationen auf dem Cello gespielt von Oliver Schwieger. Anfangs wirkt es kurz, als trenne die Musik nur die Medea-Versionen, mehr und mehr aber wird daraus ein Dialog zwischen Medea und der Musik. Streckenweise verschmelzen die beiden Stimmen regelrecht, mal ganz abgesehen davon, dass dieses Motiv Ohrwurm-Potential hat und Oliver Schwieger es perfekt an Medeas jeweilige Stimmung anpasst.

Postfaktisch hassten schon die alten Griechen

Die eigentliche Leistung dieser Medea-Collage aber besteht darin, dass sie zeigt, vor allem in den Passagen aus Christa Wolfs "Medea", wie leicht wir Menschen Gerüchten vertrauen, uns von Vorurteilen und einfachen Wahrheiten verführen lassen. Die Griechen hassen Medea, die fremde Frau, die Jason sich (und ihnen) mitbrachte. Und von der sie profitierten, immerhin hat Medea Jason zum Goldenen Vlies verholfen. Trotzdem diskreditieren und kriminalisieren sie Medea. Medea-Bashing geht ganz einfach. "Am Ende glauben die Leute alles", heißt es, und das wiederum passt unbedingt in eine Zeit, in der die Wörter "postfaktisch" und "Polarisierung" die Debatten bestimmen.

Seiberts Medea öffnet schließlich die Kordeln und tritt heraus aus ihrem Gehege: "Ist eine Welt zu denken, eine Zeit, in die ich passen würde? Niemand da, den ich fragen könnte." Steckt hinter der "Barbarin" gar die Möglichkeit einer Utopie? Heiner Müller ist tot, der hätte sicher eine Antwort gehabt. So wie er 1983 auf die Frage, warum Jasons Tod (er wurde von seinem eigenen Schiff erschlagen) der Übergang vom Mythos zur Geschichte sei, sagte: "Dass das Vehikel der Kolonisierung den Kolonisator erschlägt, deutet auf ihr Ende voraus." Das ist die Drohung des Endes, vor dem wir stehen. Das "Ende des Wachstums".

Medea
Regie: Patric Seibert, Bühnenbild: Helge Ullmann, Kostüme: Marie Liebig, Dramaturgie: Gabriela Gillert.
Mit: Ulrike Walther, Oliver Schwieger (Cello).
Länge: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.das-meininger-theater.de

 

Kritikenrundschau

Nach dieser "Medea“ in den Meininger Kammerspielen habe man weder ein wiedererkennendes "Ah" noch ein staunendes "Oh" auf den Lippen, sondern greife zum Programmheft, um zu verstehen, was der Meister uns eigentlich sagen will, so Siggi Seuß in der Main Post (4.12.2016). Patrick Seiberts Inszenierung spielt mit dem Medea-Komplex, als Jongleur verschiedener Medea-Texte – von Euripides über Grillparzer bis zu Heiner Müller und Christa Wolf – "lässt der Regisseur seine tragische Heldin in Gestalt von Ulrike Walther 70 Minuten lang mit ihrem Schicksal hadern". Doch trotz des leidenschaftlich vorgetragenen Potpourris unterschiedlicher Medeatexte wirken ihre Äußerungen wie verzweifelte Reden an ein wissendes Forum. Fazit: "Trotz aller guten Absichten, ungemein bemüht."

Der Cellospieler sei der eigentliche Clou, so Susann Winkel im Freien Wort (28.11.2016) Denn der schmächtige Musiker passe in die verquere Figurenlogik nach der Jason so gar nichts Derb-Heldenhaftes hat und Medea so gar nichts Exotisches. Die auf- und abschwellende Komposition bringe Rhythmus und Steigerung in das Erzählte. Das könnte sehr berühren, gelinge aber nur selten in gut einer Stunde Spieldauer.

 

 
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