Rebell Duckface

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 25. November 2016. "Ach Kudlich", sagen sie am Ende. Sie. Also wir. Weil wir, das Publikum, wir bekommen Pappschilder in die Hände gedrückt. Wir sind aber auch sie. Also ein historisches Publikum, das sich mit dem Ende der Erbuntertänigkeit zufrieden gibt, die gleichzeitige Fesselung in das durch die Raiffeisenbank entstehende Kreditwesen gar nicht recht bedenken will. "Ach Kudlich", sagen die und nehmen den Politiker Hans Kudlich somit sowas von nicht ernst. Er, der "Bauernbefreier", der 1848 im österreichischen Reichstag den Antrag auf Aufhebung der bäuerlichen Untertänigkeitsverhältnisse gestellt hat, er ist in der Inszenierung von Marco Štorman immer schon eine lächerliche Gestalt.

Unterschied zwischen Traum und Revolution

Der 2016 zum ersten Mal vergebene Preis der österreichischen Theaterallianz sieht vor, dass die so entstandene Produktion durch alle sechs beteiligten Häuser tourt. Demnach ist "Kudlich – Eine anachronistische Puppenschlacht" von Thomas Köck, das im Schauspielhaus Wien uraufgeführt wurde, mit fünf jungen Gastschauspielenden besetzt. Nicolaas van Diepen ist dabei Kudlich. Und Arabella Kiesbauer, intellektuell verzweifelte Moderatorin. Und noch allerlei anderes im chorischen Sprech. Als Kudlich trägt er den Hosenträger sehr zufällig, aber sehr lässig über die Schulter gerutscht. Die Lippen rot, die Haare verwuschelt, die Worte durch das dauernde duckface vernuschelt. Er kenne keinen Unterschied zwischen Träumen und revolutionärem Denken. Behauptet er.

Kudlich02 560 c MatthiasHeschl uAuf auf, zur Befreiung der Bauern! © Matthias Heschl

Weil die Bühne nicht frontal sondern arenal, äh, so wie eine Arena, gebaut ist, vernuschelt nicht nur Kudlich seine Sätze. Je nach Sprechrichtung kann dem Text mal mehr, mal weniger gefolgt werden. Außerdem rasendes Tempo, chorische Wut, Wien 1848 und Wien 2016 kommen miteinander in diverse Analogien und Genealogien. Ein selten auslassender treibender Klangteppich verheizt die revolutionäre Stimmung hin zu ihren traurigen Enden. Sicherlich schöne Bildarrangements verpuffen von seitwärts zu faden Rückenansichten. Der Stier, aus Holzscheiben klirrend nach vorne geschoben, die Pietà aus Hans und sterbendem Bruder Hermann, die Zeitlupen Szenen mit denen aktivisches Sprechen durch kommentierendes Sprechen unterbrochen wird, alles ist einen Tick zu sehr nach vorne, also doch frontal gedacht.

Und wer dieser Kudlich sei, dieser Revolutionär, der gegen Vintage Möbel Fetisch, Smartphones und Selbstausbeutung die Solidarität zwischen Bauern und künstlerischem Prekariat behaupten will. Auf jeden Fall keine tragische Figur. Also keine solche die trotz und wegen der Umstände zu Großem und zum Scheitern finden kann. Dieser Kudlich nimmt sich selber tragisch, er genießt seine Existenz als Anachronismus, als Arabella weiß er dann sogar um seine Verwicklung in die von ihm kritisierten Umstände. Deshalb will er auch nicht nur die Lage, also die Lebensumstände, der Bauern verändern, sondern diese gleich über den ganzen komplizierten Zusammenhang von Freiheit und Macht aufklären. Die den Text von Köck grundierende These lautet nämlich: Mit jeder Revolution, mit jeder Befreiung wird die auf die Unterdrückten ausgeübte Macht nicht weniger, sondern im Gegenteil nur umso perfider. Ein Teufelskreis. Aus dem auszubrechen dann doch auch irgendwie erklärtes Ziel zu sein scheint.

Kreide fressen, Macht ausbauen

Ernst zu nehmende Figuren gibt es aber auch. Max Gindorff darf als Hermann unhistorische Momente der Liebe zur abgeklärten Lisa-Maria Sexl als Lina erleben. Und als Georg Büchner himself schwere, oh so schwere Sätze von sich geben. Profiteure des schwärmerischen Streites um die Möglichkeit und Unmöglichkeit für etwas Partei zu ergreifen sind wie immer die Rechten. Das Konglomerat aus Wenzel Bumsti Hofer und Frauke P. Kickl ist FPÖ, AfD, Pegida und der ganze Neoliberalismus in einem. Peter Elter und Katharina Haudum sprechen da spöttisch überlegen. Fressen Kreide und erfreuen sich am eigenen Machtausbau. Die Inszenierung bietet ihnen die größten Momente der Aufmerksamkeit und Komik.

Puh. Alles ziemlich kompliziert. Historischer Unterbau, gegenwärtiger Wiedererkennungswert, theoretische Zwickmühlen, Elemente der Ausstattung und Kostüme gehen in dieser Inszenierung verworrene Beziehungen miteinander ein. Diese aufzudröseln und auf ihre genaue Bedeutung hin zu befragen scheint nicht Interesse der Veranstaltung zu sein. Schnell und schick, von Kudlich zu Hofer, vom Reichstag zum Badeschiff, die Hosenbeine immer schön in die Socken gesteckt, alles überall korrumpiert. Ja eh.

 

Kudlich – Eine anachronistische Puppenschlacht
Uraufführung
von Thomas Köck
Regie: Marco Štorman, Bühne & Kostüme: Jil Bertermann, Musik: Gordian Gleiss, Dramaturgie: Tobias Schuster.
Mit: Nicolaas van Diepen, Peter Elter, Max Gindorff, Katharina Haudum, Lisa-Maria Sexl.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.at

 

Kritikenrundschau

Norbert Mayer schreibt in der Wiener Zeitung Die Presse (28.11.2016): Angereichert werde der Abend über den Bauernbefreier Hans Kudlich mit Wahlkämpfer Wenzel Bumsti Hofer und Frauke P. Kickl, außerdem mit TV-Moderatorin Arabella und Schlagersänger Gabalier, Büchner und Kleist – das klinge "zuweilen läppisch", oft "recht anspruchsvoll", aber "erhellend" sei es "meist nicht". Akustisch sei der Abend katastrophal. Štorman hetze die jungen Schauspieler "rücksichtslos in stetes Stakkato", das tue weder ihnen noch dem "übertrieben künstlichen Text" gut. Was sie dabei engagiert von sich gäben, "auch chorisch", ermüde bald. Nur "punktuell" kann der Abend – "eine gut gemeinte Synthese von fadem und ideologiekritischem Theater" - überzeugen.

Michael Wurmitzer schreibt auf derStandard.at (27.11.2016): Thomas Köck ziehe von der Figur Kudlich aus "historische Schleifen". Sie verbänden die "Abhängigkeit der nunmehr freien Bauern vom entstehenden Raiffeisen-Konglomerat" mit einer "neoliberalen, ideologiefreien, halt- und haltungslosen Postgesellschaft unserer Tage". Das Stück zeige nicht, es führe nicht vor. Was es zu sagen habe, spreche es aus. "Propagandaparolen, Gegenreden und kluge Minianalysen trägt es gleichermaßen im Munde". Köck handhabe das sprachliche Instrumentarium "dosiert-furios". "Sensibel-effektvoll" arbeite die Inszenierung von Marco Storman dem "Gelingen des Abends zu", "kraftvoll" spiele das Ensemble, doch am meisten beeindrucke die "Textwucht".

 
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