Eine höhere Art Non-Sense

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 2. Dezember 2016. Achtung! Bei dieser Veranstaltung wird Stroboskop-Licht eingesetzt. Unangenehme zwanzig Minuten lang. Oder zumindest zehn unendlich unangenehme Minuten lang. Und wenn dann nach zwanzigminütiger Anfangs-Verspätung und zehnminütiger Club-Beschallung etwas los geht, dann ist es der Nonsens. Der nach hinten los geht. Oder auch nicht. Der jedenfalls zwei Stunden dauert. Dass solche Art von Nonsens überhaupt gar nicht gehen kann, sondern mühsam auf der Stelle stampft, macht die Sache nicht angenehmer. Da mag das Programmheft noch so sehr irgendwelche "Möglichkeiten" beschwören oder gar behaupten, dass der "Nonsens die sinnvollste Form zwischenmenschlicher Kommunikation ist".

Aber: Es geht nicht nur um angenehm oder unangenehm, es geht um "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre". Das ist ein Tausend-Seitenroman von Clemens J. Setz, aus dem Thirza Bruncken und Esther Holland-Merten eine Bühnenfassung gemacht haben. Vom Umfang her recht schlank, sind es die redundanten Tanzeinlagen und die Zeitlupen-Abläufe, die dem Abend die Länge auftragen. Fünf Schauspielende sagen Text, konstante Figuren gibt es keine, lineares Erzählen noch viel weniger.

die stunde zwischen1 560 Chloe Potter uTanzend mit dem Text Schritt halten? Mirco Reseg, Miriam Fussenegger, Jeanne Devos, Dominik Warte und Marta Kizyma © Chloe Potter

Von den Sprechenden weggerückt

Nathalie im Wohnheim mit Herrn Dorm. Nathalie beim Streunen und also beim Oralverkehr. Nathalie begeistert von den Betreuerinnen-Gesprächen. Und Nathalie mit Herrn Hollberg beim Spaziergang. Der Text der Bühnenfassung ist der Text des Romans. Unter erheblichen, was sag ich, supra-erheblichen Auslassungen, inhaltlich nicht nachvollziehbaren Zusammenkreuzungen von Szenen und einer Hervorhebung der Third-Person-Perspektive. Die penetrante Wiederholung von "sagte sie" und "dachte sie" rückt den Text noch weiter von den ihn Sprechenden weg.

Wohin? In die Künstlichkeit einer Guckkastenbühne vielleicht. So ein Ding aus Pappe steht da jedenfalls riesengroß und suggeriert ein Salonzimmer. Eine Bühne auf einer Bühne. Und auf der Bühne auf der Bühne ein ganzes Gruselkabinett von Schauspielkunst. Oder zumindest genau das, was in us-amerikanischen Filmen gerne als zeitgenössisches Theater parodiert wird. Die eine wackelt, der andere schreit, jemand sagt einen Satz mit Grabesmiene, alle drehen sich im Kreis, dann zieht sich jemand aus. Das Dosengelächter und der Dosenapplaus greifen in die selbe Trickkiste: Hauptsache, sich die "Textlandschaft" von Setz vom Leibe zu halten. Zudem stecken die fünf Schauspielenden in Kostümen, wie soll sagen, als hätte jemand versucht einen Kindergeburtstag mit dem Motto "sehr seriöse Erwachsene" zu veranstalten. Alles in allem, eine Very Very Bad Taste Party.

Eine Geschichte gäbe es aber schon

Keine von diesen Very Well Made Bad Taste Parties. Wo die Perücke mähnt, die Schuhe lacken, die Bekleidung leopardet und während der Tom Jones-Karaoke eine verrückte Art von Glückseligkeit entsteht. Obwohl, Perücken hält der Abend sogar bereit. Jeanne Devos, Miriam Fussenegger und Marta Kizyma stehen blond-gelockt auf hohen Schuhen. Marta Kizyma erleidet die Anekdote vom Mimik-Oktopus und seinen Mimikry-Künsten. Worte und Hände haucht sie dabei gleichermaßen ins unbestimmte Nichts. Genau so viel, nämlich nichts, bleibt durch das holprige Gehabe vom Gesagten über. Und genau da, nämlich beim Nichts-Verstehen, bleibt die Inszenierung, naja, stehen.

Ohne den Abend allzu sehr in die Pflicht seiner Vorlage stellen zu wollen, nacherzählbare Geschichte gäbe es da schon. Nathalie, Betreuerin in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung, gerät in ein Arrangement hinein, das zwischen einem Stalker und seinem zum Täter gewordenen Opfer besteht. Der Roman bleibt seiner Protagonistin in allen 1000 Seiten und allen verästelten Macht- und Gedankenspielen treu. Sie hat eine Vorliebe für Nonseq: "P r i n z A l b e r t . M e h l . I c h l ö s e E i s w ür f e l a u f . D e s h a l b  s o v i e l e  z a h m e H i r s c h e ." Kommt von Non sequitur und meint einen Fehlschluss, also eine Situation, in der die geschlussfolgerte These nicht aus den angegebenen Prämissen folgen kann.

die stunde zwischen2 560 Chloe Potter uDeshalb so viele zahme Hirsche? Miriam Fussenegger und Jeanne Devos   © Chloe Potter

Nonseq wäre aber auch, und so würde ich Setz lesen, eine höhere Art von Nonsens. Also eine solche, die sich eben nicht nur durch eine bloße Aneinanderreihung von irgendwas in der Hoffnung auf "Möglichkeiten" herstellt. Sondern die durch aufmerksames Konstruieren einen Boden bereitet, von dem weg eine verrückte Art von Glückseligkeit entstehen kann. Setz untersucht in seinem Roman die Beschaffenheit von Fehlschlüssen. Die Inszenierung macht aus dem Inhalt Hackfleisch und versteht Nonseq als Einladung zum nicht linearen Nonsens.

Ich halte das für einen Fehlschluss.

 

Die Stunde zwischen Frau und Gitarre
von Clemens J. Setz
in einer Bühnenfassung von Thirza Bruncken und Esther Holland-Merten
Regie: Thirza Bruncken, Bühne & Kostüme: Christoph Ernst, Dramaturgie: Esther Holland-Merten.
Mit: Jeanne Devos, Miriam Fussenegger, Marta Kizyma, Mirco Reseg, Dominik Warta.
Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

www.werk-x.at

 

Kritikenrundschau

"Eine berauschende Inszenierung", jubelt Margarete Affenzeller vom Standard (4.12.2016). Die Bühnenfassung finde für die Äquilibristik von Erleben und Distanz des Romans bezeichnende Übersetzungen. Affenzeller lobt die Schauspieler als "fabelhaft" und bemängelt einzig, manche Passagen würden zu lang geraten, "vor allem für diejenigen, die den Roman eventuell nicht gelesen haben und die aus den hier vorliegenden Sprechkostproben vermutlich wenig ableiten können. Die sollten sich treiben lassen."

"Was Thirza Bruncken und Esther Holland-Merthen aus dem surrealistischen 1000-Seiten-Roman (…) gemacht haben, wirkt wie einzelne wahllos verstreute Puzzleteile eines abstrakten Gemäldes“, schreibt Heiner Boberski in der Wiener Zeitung (4.12.2016). Trotz aller Effekthascherei bleibe der Abend langweilig. Immerhin: "Es geht explizit um Nonsens, pardon: Nonseq, wie der hier verwendete Begriff lautet: Das bedeutet das Fehlen jeder logischen Abfolge. Insofern spiegeln Werk und Inszenierung durchaus das soziale Leben von heute wider."

"Der Konzentration nicht unbedingt förderlich ist das zusammenhanglose Treiben der Darsteller, oft mehr Tanz als Theater", schreibt Eva Biringer in der Welt (8.12.2016) und lenkt ein: Ein "der wahnhaften Moderne verpflichtetes Werk wie 'Die Stunde zwischen Frau und Gitarre'" müsse wahrscheinlich als "überforderndes Neuronenfeuerwerk" auf die Bühne gebracht werden. Mit Thirza Brunckens Inszenierung verhalte es sich wie mit den tausend Seiten des Romans: "Man hält sie aus", so Biringer: "Womöglich ist Non sequitur ja die zeitgemäße Antwort auf die Diktatur der Referenz. Wenn zu viele Zeichen alles bedeuten, ist Sinnlosigkeit ein Segen."

 
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