Tschechows traurige Clowns

von Susann Oberacker

Hamburg, 3. Mai 2008. "Stille." Mit diesem Wort beginnt im Hamburger Thalia Theater Anton Tschechows "Onkel Wanja". Stille wird auch am Ende dieser Inszenierung von Oberspielleiter Andreas Kriegenburg herrschen. Dazwischen liegen vier Akte unerfüllter Sehnsüchte. Für die hat Kriegenburg, Regisseur und Bühnenbildner in einer Person, ein traumhaftes Theaterland geschaffen. Eine Welt, in der Tschechows leblose Menschen wie traurige Clowns aussehen. In der ein Birkenwald in raschelnden Stoffbahnen vom Bühnenhimmel hängt. In der zu den Worten "ein Gewitter ist im Anzug" ein Blitz als gezackter Pfeil auf die Bühne getragen wird. Eine Welt, in der alles behauptet werden darf.

Kriegenburg und seine Schauspieler etwa behaupten, sie spielten "Onkel Wanja". Sie wandeln durch die Stoffbirken wie durchs gutseigene Wäldchen und schlürfen Flüssigkeiten, zu denen sie Tee oder Wodka sagen. Sie sehen sich zum Verwechseln ähnlich und nennen sich doch ganz bestimmt Iwan, Michail, Maria oder Jelena. Sie haben an diesem Abend, in dem wir im Thalia Theater sitzen, die Aufgabe, uns die Geschichten ihrer Figuren zu erzählen: mit ihrer Schauspielkunst, clowneskem Witz und – wenn es ganz intim sein muss – mit Mikroports.

Kostüme in Übergröße

Da ist zunächst die Titelfigur: Iwan Petrowitsch, genannt Wanja und Onkel seiner Nichte Sonja. Die zwei bewirtschaften gemeinsam das Gut von Sonjas verstorbener Mutter. Die Erlöse schicken sie brav an Sonjas Vater Alexander, einen emeritierten Professor, der mit seiner zweiten Frau Jelena in der Stadt lebt. Das mag nicht ganz gerecht erscheinen, aber so weit, so gut. Ihren Konflikt bekommt die Geschichte erst durch den Sommerbesuch des Ex-Professors nebst junger Gattin auf dem Lande. Von hier an nimmt das Drama seinen Lauf. Denn: Der Professor ist nicht das Genie, für das Wanja ihn hielt, sondern ein Schwätzer. Und Wanja sieht seine Arbeit an einen Unnützen vertan.

Gekleidet sind die Figuren in ein einheitliches Beige (Kostüme: Andrea Schraad). Das Besondere: Alle Kostüme haben Übergröße. Die Hosen sind viel zu lang und zu weit. Die Kleider der Frauen haben lange Schleppen. Das ist typisch für Clowns, zeigt aber auch die Kleinheit der Figuren: "Ich hatte doch Talent", ist einer der Schlüsselsätze in diesem Stück. Doch genutzt hat sein Talent niemandem. Alle sind tatsächlich viel geringer, als sie glauben zu sein.

Wer das Leben kennt, trinkt Wodka

An Clowns erinnern auch die Gesichter: Hochgemalte Brauen, weiße Unterlippen und große gemalte Pupillen unter den Augen. Aufgerissen wirken die, doch sie sehen nichts. Sehen nicht das Dilemma ihrer Figuren: das Gefangensein in der Leere und das gleichzeitige Sehnen nach einem erfüllten Leben.

Auf diesem Dilemma balancieren die Thalia-Schauspieler virtuos: Jörg Pose in der Titelrolle und Katharina Matz als altes Kindermädchen Marina. Helmut Mooshammer als Wanjas "Gegenspieler" und Schwager Alexander, Natali Seelig als dessen Frau Jelena. Und Alexander Simon in der Rolle des saufenden Arztes Astrow, in den Lisa Hagmeisters Sonja hoffnungslos verliebt ist. Pose und Simon sind zwei Clowns par excellence. Zwei, die das Leben kennen und ahnen, dass letztlich nur sie selbst schuld an dessen Leere sind. Dagegen gibt es nur zwei Mittel: Wodka und Humor.

Not a girl, not yet a woman

Sonja dagegen ist die einzige ohne Schleppe am Kleid. Im Gegenteil: Ihr Rock ist zu kurz, dafür der Reifrock so sperrig wie ihre Sexualität: Mit "Aaah" und "Uiiih" gibt sie sich ihrer Sehnsucht nach dem Arzt Michail Astrow hin. Der wiederum sehnt sich nach einem Licht und sieht doch Sonjas Streichholzflämmchen nicht. Lisa Hagmeister spielt das bravourös: Im Benehmen ist sie ein junges, pubertierendes Mädchen, im Begreifen eine erfahrene Frau. "Es muss ja weitergehen", sagt sie am Ende zu ihrem Onkel Wanja, "und deshalb werden wir einfach weiterleben." Die "Gäste", der Professor und seine Frau Jelena, sind abgereist. Zurück bleiben Sonja, ihr Onkel Wanja, ein Berg von übereinander gestapelten Klappstühlen, die das Ende des Sommers symbolisieren, und das alte Leben. Zurück bleibt: Stille.

Andreas Kriegenburgs Inszenierung, die parabelhaft die Geschichte von "Onkel Wanja" erzählt, wirkt wie ein Spiegel zwischen den Zeiten – zwischen Tschechows Stück von 1899 und unserer Gegenwart von 2008. Einer Gegenwart, in der junge Menschen behaupten, sie hätten das Zeug zum Superstar – auch wenn sie am Ende feststellen müssen, dass sie nur zum Mittelmaß taugen.

 

Onkel Wanja
von Anton Tschechow
Aus dem Russischen von Alexander Nitzberg
Regie und Bühne: Andreas Kriegenburg, Kostüme: Andrea Schraad. Mit: Helmut Mooshammer, Natali Seelig, Lisa Hagmeister, Verena Reichardt, Jörg Pose, Alexander Simon, Harald Baumgartner, Katharina Matz.

www.thalia-theater.de

 

Weitere Wanjas gefällig? Bitte schön: Jürgen Goschs Wanja in Berlin und Thorsten Lensings & Jan Heins Onkel Wanja auf Tour.

 

Kritikenrundschau

Werner Theurich findet, in Andreas Kriegenburgs Inszenierung laufe alles "so präzise ab wie in einem Uhrwerk. So glatt, so sauber, so langweilig". Auf Spiegel online (4.5.2008) schreibt er weiter, Jörg Pose überzeuge als Wanja "gerade durch den Verzicht auf seine sonst oft drastischen Mittel", er treffe "sehr anrührend die schwierige Melange aus Melancholie, Wut und Machtlosigkeit seiner Rolle", forciere nicht, gehorche treulich der in dieser Inszenierung radikalen "Vorgabe des Ensemblestils". Auch Lisa Hagmeister gebe der Sonja ein "großartiges Gesicht zwischen Überschwang und Enttäuschung, ein ganzes Füllhorn an Emotionen und Facetten". Leider sei es Andreas Kriegenburg nicht gelungen, "diese wunderbaren Einzelleistungen zu einem dramatischen Sog zu formen", die Inszenierung verliere sich "in der Zeichnung der Charaktere", die Figuren würden "statisch und entrückt".

Till Briegleb, um harsche Urteile nie verlegen, zeiht Kriegenburg des "tödlichen Regiefehlers", Langeweile langweilig zu inszenieren. Nach zehn Minuten hätte man Buh schreien müssen, schreibt Herr Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (5.5.2008). Aber dann, wenn die Birken im Schnürboden verschwunden sind, "beginnen zwei Schauspieler langsam zu vergessen, wie sie aussehen, vergessen den blasierten Ton und die zu großen Hosen, die öden Scherze und kraftlosen Gesten, und erfinden doch noch das große Leid neu". Lisa Hagmeisters Sonja und Alexander Simons Arzt Astrow "erobern sich diese Inszenierung, verwandeln sie in ein sehr zartes Spiel um Sehnsucht und Angst, um das Lieben und den Selbstschutz, den diese schönste menschliche Tätigkeit braucht, um nicht in Verletztheit und Verzweiflung umzuschlagen". Und dann gerät Herr Briegleb, und das ist schön, wirklich noch einen ganzen Absatz lang ins Schwärmen besonders über Frau Hagmeister, aber auch über Herrn Simon, der eine "geradezu utopische Figur von männlicher Sensibilität und Großherzigkeit" auf die Bühne stelle. Zum Schluss vollende sich doch noch "eine schöne Tragödie um das Unglück der Liebe".

Für "bewegend antipsychologisch" befindet Irene Bazinger in der FAZ (5.5.2008) die Inszenierung. Kriegenburg benütze die üblichen Russland-Accessoires "Birke, Samowar, Melancholie", allerdings "nicht zum Beweis von etwas, das sowieso von Anfang an feststand, sondern um die folkloristische Künstlichkeit zu betonen, der sie entsprangen". Die Figuren schienen wie "Fabelwesen aus dem Unterholz einer anderen Welt hervorgeweht zu werden", ihre Augen "schwarz und weiß geschminkt, bei manchen wie mit gläsernen Substituten garniert. Sie haben Mikroports im Gesicht, durch die ihr Säuseln und Flüstern, ihr Summen und Kichern wie eine Übertragung aus einem alten Radio klingen". Mögen die Tschechow-Menschen bei Kriegenburg "auch schlecht zivilisierte Käuze" sein, so helfe ihnen doch "eine schöne kapitale Kraft sogar durch Malaisen, die sie vermutlich nicht besonders interessieren, obwohl es ihre eigenen sein sollen". Und mit "dieser distanzierten, dezidiert antipsychologischen Problembewältigungsstrategie auf famosem darstellerischen Niveau gelingt es Kriegenburg, Tschechows Stück die unechte Melancholie auszutreiben", mit der sich andere Tschechow-Inszenierungen an ein heutiges Publikum anbiederten.

"Keine verwehte Melancholie, kein sanfter Schmerz, kein In-russischen-Seelen-Wühlen", schreibt Anke Dürr in der Frankfurter Rundschau (6.5.2008), und wenn das am Anfang dann wirklich klar sei, nähere sich Kriegenburg aus der "gewonnenen Distanz" wieder an "Tschechow und das Innenleben seiner Figuren" an. Obwohl vieles an die Münchner Inszenierung der "Drei Schwestern" erinnere, "nicht zuletzt die phantasievoll versponnenen Spitzenkleider der Frauen, wieder entworfen von der Kostümbildnerin Andrea Schraad" assoziiere man diesmal keine düstere Totenkammer, "sondern eher ein heiteres Irrenhaus". Und die Poesie der Manege habe es Kriegenburg angetan, "wenn dann noch Luftballons ins Spiel kommen, ist das oft verdammt nah am Roncalli-Kitsch". Doch trotz der Masken und absurden Klamotten der Figuren: "Ihr Inneres ist nackt." Und so sei Kriegenburgs Umweg über den Anti-Tschechow "nur seine sehr spezielle Art, Respekt zu zeigen vor dem Meister."

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