Spy Game

von Petra Hallmayer

München, 10. Dezember 2016. Sie können Gesetze brechen, ohne belangt zu werden und in das Leben selbst des bravsten Bürgers eindringen. Spätestens seit den Enthüllungen des Whistleblowers Snowden und dem NSA-Skandal kann keiner mehr leugnen, über welch gespenstische Macht sie verfügen. Einblicke in die undurchschaubaren und kaum zu kontrollierenden Netze der Geheimdienste versprechen Rimini Protokoll in ihrem neuen Projekt "Top Secret International (Staat 1)", das den Auftakt einer Tetralogie bildet. Für die aufwendige Kammerspiel-Produktion hat die Gruppe einen ungewöhnlichen Spielort gewählt: die Münchner Glyptothek.

Am Eingang des Museums für antike Skulpturen erhalten die Besucher Kopfhörer und Notizblöcke, ehe sie einzeln zum Rundgang aufbrechen. Bald schon meldet sich im Kopfhörer wechselweise eine männliche und eine weibliche Stimme, die "das System" vertritt, das immer weiß, wo man sich gerade befindet und einen fortan durch die Säle dirigiert. Mal werden uns kleine Aufgaben gestellt ("Mach ein Stoneface!"), mal hören wir Interviews mit Experten, etwa dem früheren israelischen Botschafter Avi Primor, einem Sprecher der Firma Hacking Team, einem Geheimpolizisten, CIA- und BND-Mitarbeitern.

Wachsamkeit und Paranoia

Sie schildern Auslandseinsätze, Beschattungsaufträge und die gruselig realen Möglichkeiten der totalen Überwachung. Sie erzählen von der Ausbildung von Spionen, davon, wie man jenen Blick erlernt, für den nichts mehr selbstverständlich und harmlos ist, alles zum Indiz wird. Wie da ein Insider die Ausweitung des Verdachts beschreibt, die Verwischung der Grenze zwischen Wachsamkeit und Paranoia, das erinnert an die Thesen des Soziologen Luc Boltanski und gehört zu den fesselndsten Momenten der Inszenierung. Überhaupt stellen die Interviews, die etwas unbeholfen mit Verweisen auf die Exponate verbunden werden, den spannendsten Part von "Top Secret International" dar. Darauf hätte man sich sehr gerne in Ruhe konzentriert. Die interaktiven Spiele jedoch, die Helgard Kim Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel um das Recherchematerial herum inszeniert haben, sind erstaunlich belanglos.

TopSecret2 560 BennoTobler uVerdächtig, verdächtig! © Benno Tobler

Beharrlich versucht uns die Stimme des Systems einzureden, dass wir von verdächtigen Subjekten umgeben sind, die nur zur Tarnung den Barberinischen Faun oder den Kopf des Marc Aurel betrachten. Das aber ist zu albern, um einen tatsächlich zu verunsichern. Via Kopfhörer werden uns Fragen gestellt, die darüber entscheiden, wie unser Parcours weiter verläuft, doch auf die man schwerlich ernsthaft antworten kann. So sollen wir mittels Handzeichen signalisieren, ob wir eine E-Mail auf dem Laptop unseres Partners öffnen würden, die einen "seltsamen Betreff" aufweist. Was bitte soll das sein? Ein Liebesgruß von Susi? Die Ankündigung eines Selbstmordattentats? Sind die Fragen konkreter formuliert, malen sie Szenarien aus, angesichts derer kein normaler Mensch weiß, wie er sich verhalten würde. Wer kann schon sagen, ob er fähig wäre, jemandem "Gewalt anzutun", um Menschenleben zu retten.

Schließlich dürfen wir noch ein bisschen Geheimagent spielen. Wir erhalten eine Einladung zu einem konspirativen Treffen im Museumscafé mit einem anderen Besucher, dem wir einen Zettel in die Hand schmuggeln müssen. Dann werden wir auf die Toilette gelotst, wo wir die Geschichte eines Iraners hören, den der Geheimdienst mit brutalsten Mitteln gezwungen hat, für ihn zu arbeiten. Daneben klingen die Versuche des Audioguides, uns das Fürchten zu lehren mit Sätzen wie "Denkst du, die Toilette wäre ein sicheres Versteck?" oder "Hörst du Geräusche aus der Kabine nebenan?" nicht nur kindisch, sondern fast obszön.

TopSecret3 560 BennoTobler uSpionage für jüng und alt © Benno Tobler

Wie viele Projekte des Regiekollektivs basiert "Top Secret International" auf der Vorstellung, dass inszenierte Live-Erlebnisse uns mehr über die Wirklichkeit vermitteln als reine künstlerische Fiktion. Darüber lässt sich streiten, doch immer wieder ist es Rimini Protokoll geglückt, Realität und Fiktion so intelligent zu verknüpfen, dass daraus unvergessliche Theaterabende entstanden sind. Hier aber wirkt die Umsetzung der Publikumseinbindung befremdend kopflos und naiv. So schlicht wie bei diesem Museumsspaziergang lässt sich Wirklichkeitserfahrung nicht simulieren. Statt es in interaktive Spielereien einzubetten, hätte man aus dem Interviewmaterial ein aufregendes Hörspiel machen können. Das wäre sinnvoller gewesen.

 

Top Secret International (Staat 1)
von Rimini Protokoll
Regie: Helgard Kim Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel, Recherche / Interviews: Kefei Cao, Timothy Carlson, Uwe Gössel, Alexander Manuiloff, Shahab Anousha, Interaction Design: Steffen Klaue, System Development: Martin Ohmann, Stefan Curow, Technische Leitung: Sven Nichterlein, Ausstattung: Dido Govic, Lena Mody, Katharina Schütz, Produktionsleitung: Jessica Páez, Spielleitung: Anna Donderer, Daniel Schauf, Dramaturgie: Imanuel Schipper,  Sprecher: Peter Brombacher, Wiebke Puls, Anna Drexler, Katja Bürkle.
Dauer: ca. 1 Stunde und 30 Minuten

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Patrick Bahners, der die Inszenierung für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (14.12.2016) sah, meint dieses Stück könne leicht "nach New York exportiert werden, es ist nur scheinbar ortsspezifisch." Außerdem fragt Bahners: "Ist es unfair zu erwähnen, dass am Premierentag dauernd das System zusammenbricht?" Er sah "zwei von Anfang bis Ende geheimnislose Stunden. Die Schnitzel für diese Jagd wurden produziert durch das Zerreißen eines unsichtbaren Blattes Konzeptpapier."

"Der Erlebnischarakter führt nicht zwingend bei jedem Zuschauer zu einer tieferen Reflexion", meint Christoph Leibold auf Deutschlandradio Kultur (11.12.2016). "Dauernd wird man aufgefordert, irgendwo hinzuschauen, hinzugehen." Das erfordere so viel Konzentration, dass man den Aussagen der oft hochkarätigen Experten meist nur oberflächlich folgen könne. "Bedauerlich. Die Chance richtig zuzuhören lässt einem 'Top Secret International' leider nicht."

"Auch wenn ich meine, allein zu sein, fühle ich mich beobachtet. Ist das schon Paranoia?“, fragt sich Bernd Noack auf Spiegel-Online (11.12.2016). Rimini Protokoll hätten ihn in ein perfekt ausgeklügeltes Spiel verwickelt. Ein direkter Zusammenhang zwischen der hier in Szene gesetzten antiken Wirklichkeit und der Geschichte bestehe nicht, aber gerade das mache den Reiz aus: "Der neutrale Ort wird zum Schauplatz globaler Verwicklungen, ja sogar Verbrechen und versteckter Aktivitäten, die helfen, einen Krieg vorzubereiten oder einen Terror-Anschlag zu verhindern."

"Den glaubhaft authentisch erscheinden Geschichten, erzählt in einer Umgebung aus Zeugnissen einer 'versteinerten' Vergangenheit, steht eine Spielsituation gegenüber, die auch vor Albernheiten nicht zurückschreckt", beobachtet Matthias Hejny in der Abendzeitung (12.12.2016). Eine der Regieanweisung laute, sich wie der "Barberinische Faun" zu räkeln. "Ein derart auffälliges Verhalten widerspricht den Grundregeln, die der Spion-Nachwuchs im Trainingslager Glyptothek nach wenigen Schritten begriffen hat", so Hejny: "James Bond wäre nicht gerührt, sondern hätte sich geschüttelt."

"Mit dem Stück gelingt es Rimini Protokoll kaum, Geheimdienste auf eine taktile, weniger abstrakte Ebene zu holen", schreibt Lukas Latz in der Süddeutschen Zeitung (12.12.2016). "Trotzdem könnte das Stück für viele Zuschauer ein Weckruf sein, sich mit den Gefahren von Überwachung und intransparenten Sicherheitsbehörden auseinanderzusetzen. Und Datenschützern legt es nahe, dass gute Geheimdienstarbeit die Gesellschaft schon auch sicherer macht."

Man erfahre wenig Neues, findet auch Sabine Leucht in der tageszeitung (13.12.2016). Es stecke durchaus Wissenswertes in den Interviews. Allerdings sei man zu sehr okkupiert "von diesen unbeholfenen bis ärgerlichen Immersionsspielchen. Aufforderungen wie 'Mach ein Stoneface!' sind albern, die dauernde Frage, ob man sich beobachtet fühlt, ist nur blöd."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Top Secret International, München: Ist das noch Theater?Dodo 2016-12-11 10:41
Vielleicht habe ich es in der Kritik übersehen - was genau hat das noch mit Theater zu tun? Ich lasse gern meinen Theaterbegriff erweitern, aber das klingt doch sehr nach einem spielerischen Audioguide durch ein Museum.
Ich meine das gar nicht polemisch, ich wüsste nur gern: gibt es da Schauspieler oder Performer? Ist das live gesteuert oder alles aus der Konserve? Gibt es ein gemeinsames Erlebnis der "Zuschauer"?
Vielleicht kann das jemand beantworten?
#2 Top Secret International, München: neue Theaterformengaga 2016-12-11 14:46
Also von welchem Stern kommst Du #1 denn?
Schon mal was von neuen Theaterformen gehört?!
Ja-es gibt ein gemeinsames Erleben der "Zuschauer" - in der Kritik steht doch auch beschrieben,dass es zu einer Begegnung mit andern Zudchauern im Museumscafe kommt. Die Texte sind vermutlich zum Teil von Schauspielern eingesprochen worden und zum andern Aufzeichnungen von 'Experten',d.h. original Tonaufnahmen aus der Recherchephase.
#3 Top Secret International, München: unstatthafte EinmischungWicht elle 2016-12-11 15:39
Wenn man Frau Haugs Ausführungen in DR folgt, haben hier jedoch gar keine Recherchen stattgefunden, die irgendetwas aus der Arbeit der Geheimdienste erhellen, sondern lediglich Haltungen, die von Menschen zu dieser Arbeit und ihren Ergebnissen eingenommen werden.
Ich weiß wirklich nicht, ob das interaktiv ist, wenn der Museumsbesucher, der faktisch gar kein Zuschauer ist, sondern eben ein zum An-Schauen von Artefakten aufwendigst verführter Zu-Hörer, zu hören bekommt: "Du fragst ihn, warum wir Geheimdienste haben." Fakt ist: Er, der zum Anschauen verführte Zuhörer, fragt aber gar nicht!- sondern er hört sich geduldig an, was Rimini-Protokoll ihm einflüstert, dass er es tun würde, während er selbst eigentlich nur Rimini-Protokoll zuhört, die sich einen Schauspieler der Kammerspiele für ihre Einflüsterungen gechartert haben. Einflüsterungen, die den Teilnehmern an dieser Art inszeniertem Theatertheater vormachen sollen, dass sie selbst keine Einflüsterungen bekämen, sondern wirklichwirklich Zuschauer statt nur geführte Anschauer zu sein. Und damit ihnen vorspielen, dass sie irgendetwas zu melden hätten in diesem Staat. - Sehr gut. Sehr gut, dass es so große neue Kunstrichtungen gibt, die voll neben den unangefochten althergebrachten Dramatik-Klassikerinszenierungen von Regietheaterregisseuren bestehen! Wir sind alle so gut zueinander und wollen nur das beste für die Bürger! Dass die sich emanzipieren nämlich! Durch neue performative Formen! Von sich! Von ihrem eigenen Kopf! - Und vor allem vom klassischen Sprechtheater neuerer, ernstzunehmend kraftvoller Prägung - Wie gut, dass ich niemals einen Guide nehme in einem Museum. Das allein begreife ich schon als unstatthafte Einmischung in meine Wahrnehmung. Nicht auszudenken, ich käme zufällig auch noch an so einen inszenierten Guide! - (Mir ist schon wieder schlecht... ) Ich ahne jetzt, was z.B. Chris Dercon mit dem neuen Theater meinen könnte, das er ausbreiten möchte wie einen Kunst-Mantel über dem rückständigen, unneugierigen, literaturunkundigen Berlin, um das Sprechtheater, das heutig sein könnte, ganz zum Schweigen zu bringen...
Es könnte bei einem solchem nämlich zu echten, uninszenierten Interaktionen zwischen Theater und Publikum, die in ein Café nicht mehr hineinpassen, kommen - Das wünschen offenbar nicht einmal das Goethe-Institut und die Geheimdienste!
#4 Top Secret International, München: Erfinden und BenennenAlexander 2016-12-11 16:16
@gaga Es ist schon eine interesante Frage inwieweit man etwas (hier das Theater) immer neu erfinden kann ohne das es etwas anderes ist als das es benannt wird.
Ob man sich aufspielen muss und den Gesprächsparner ersteinmal heruntermachen muss (Zitat: "Also von welchem Stern kommst Du #1 denn?") ist eine anderes Thema.
#5 Top Secret International, München: ärgerlich unausgereiftTourist 2016-12-11 16:51
Ich war dort. Es war grauenhaft! Nichts hat funktioniert. Ständig wurde man zurückgeschickt damit das System die Verbindung wiederherstellt werden könne.Nichts dergleichen ist passiert außer minutenlangen Klangschalentönen. Zwischenzeitlich kurze Dialoge,die schnell wieder abbrachen. Diese Veranstaltung ist noch nicht ausgereift und das Geld zum Fenster hinausgeworfen. Es waren Mitarbeiter vor Ort die man ansprechen konnte, das Problem ließ sich leider nicht beheben. Geldrückerstattung wurde in Form von Gutscheinennen für die gleiche Veranstaltung mit Geltungszeitraum bis Februar 2017. Ärgerlich!
#6 Top Secret International, München: eher für die MuseumsseiteDodo 2016-12-11 17:08
Liebe/r gaga #1,
danke für die Antwort. Ja, ich habe von neuen Theaterformen gehört, fände es aber dienlich, wenn Leute wie Sie nicht andere gleich total abwatschen ("welcher Stern"), wenn die anderen sich erkundigen.

Vielleicht erklärt diese überhebliche Reaktion ja besser als manch Aufsatz, warum es Lilienthal schwer hat.

Inhaltlich ist die Antwort im Übrigen ja dürftig. Schauspieler*innen sprechen auch sonst Audioguides ein, Recherche wird in Museen auch so betrieben. Das Herstellen einer einzelnen Begegnung im Museumscafé ist nett, dafür brauchte ich aber bislang keine Anleitung.

Vielleicht ist es eine schöne Spielerei, ein interessanter Tag und irgendwie auch etwas, was man mal machen kann. Und natürlich kann man auch auf alles das Label Theater kleben.

Derzeit fände ich passender, wenn das auf einer Museumsseite besprochen würde mit der Überschrift "Glyptothek probiert neues Audioguide-Format aus".
#7 Top Secret International, München: Frage an den Spiegel-KritikerWicht elle 2016-12-11 20:05
Was genau ist ein neutraler Ort, Herr Noack?
#8 Top Secret Int., München: Verlustängste?prä_post 2016-12-12 13:46
Wie so oft bei Diskussionen und Kommentaren zu Beispielen neuer Theaterformen ist mir auch hier nicht klar, worin eigentlich das ungeheure Problem besteht, Arbeiten wie diese auch als Theater zu benennen. Das klingt mir zu oft nach Verlustängsten, was wiederum die Frage aufwirft, wo und wem denn wirklich was weggenommen wird, wenn man Aktionen wie diese als Theaterform benennt? Ist es denn wirklich immer noch so schwer interdisziplinäre Projekte anzuerkennen, müssen da immer wieder dieselben Grabenkämpfe ausgefochten werden, nur weil hier keine Zuschauer*innen vor einer wie auch immer gearteten Bühne sitzen?
#9 Top Secret International, München: Speerspitze des NeuenEs nervt 2016-12-12 15:19
Es wird einfach jemandem der Verstand weggenommen, wenn etwas öffentlichkeitswirksam als Theaterform bezeichnet wird, das keine ist. #6: Ja. Gehe ich mit, neues Audioguide-Format. Wem nimmt man denn konkret was weg, wenn man das so benennt, #8?

Bemerkenswert ist, dass Leute, die meinen, "neue" Theaterformen zu machen, immer nur einfach sagen, dass dies "neue" Theaterformen seien, was sie machen, aber nie richtig ausführen und mit entsprechenden Vergleichen und Beispielen belegen, was genau denn nun daran im Vergleich zu alten Theaterformen neu ist.

Das ist ein Problem. Wenn das angeblich neue einfach als Neues behauptet wird, ohne dass es als Neues gegen ihm gegenüber hervorgebrachter Kritik trotzdem als Neues besteht. Das Problem ist dann eine ästhetische Lüge, die ohne jede Scham verbreitet werden soll. Da sollte doch zumindest die Philosophie etwas dagegen haben dürfen, wenn in ihrem Fach dilettiert wird von Künstlern. Und das ist bisher noch nicht verboten worden, dass hier auch philosophisch, also u.a. ästhetisch argumentiert werden darf.
Vielleicht nützte der Diskussion, wenn man einmal versuchte die Begriffe "Form" und "Format" äathetisch zu definieren und mit Beispielen von Theater undoder als Theater behaupteten neuen Kunstformen zu belegen.
#10 Top Secret International, München: Inszenierung?Vlaamse 2016-12-12 23:13
#8 - ein "ungeheures Problem" ist das wahrscheinlich nicht. ABER:

Wie #9 schon gesagt hat, geht es ja erst einmal um ästhetische Kategorien.

Darüber hinaus geht es aber natürlich auch um etwas anderes, z.B. Geld, Aufmerksamkeit usw. Dieser Audioguide ist ja nicht eine nette Gabe von Rimini Protokoll, sondern wahrscheinlich eine ziemlich üppig bezahlte "Inszenierung" der Kammerspiele. Wenn man also fragt, wem da etwas weggenommen wird: dem halt, der jetzt nicht inszenieren kann, weil er nicht zum Zuge kommt.

Dann geht es auch um Aufmerksamkeit: Nachtkritik schickt da nen Kritiker hin und alle andere Medien auch - statt sie zu anderen Aufführen zu senden. Vielleicht weil man noch an Namen wie Kammerspiele und Rimini glaubt?

Und da macht die Frage der Einordnung eben schon auch etwas aus. Oder wird jetzt hier auch künftig über die Konzerte berichtet, die die Kammerspiele veranstalten?

Noch eine Bemerkung: Ganz schön bezeichnend, dass hier als Sprecherinnen mit Anna Drexler und Katja Bürkle zwei genannt sind, die die Kammerspiele verlassen. Ich hätte als Schauspielerin auch keine Lust, Audioguides einzusprechen und das dann noch als "Inszenierung" durchgehen zu lassen.
#11 Top Secret Int., München: Ausschließungsphantasienprä_post 2016-12-13 17:30
Naja, sorry für die Polemik #9, aber das Denken nimmt man sich schon auch selbst weg, wenn man sich dermaßen gegen alles sträubt, was nicht dem eigenen Begriff entspricht. Damit sage ich keineswegs, dass neu immer besser sei #10, aber Theater und Kunst entwickeln sich ebenso weiter wie ihre Begriffe und, ja, auch ihre Ästhetiken. Übrigens ist das Bashen irgendeines gearteten "Neuen" auch noch lange keine philosophische oder ästhetische Diskussion...

Man kann diese Arbeit auch Audioguide nennen, meinetwegen, wobei diese Geste ja nicht einfach als Benennung, sondern als Abwertung ins Feld geführt wird, und damit als Abgrenzung von vermeintlich "wahrer" Kunst oder Theater. Das wird ja direkt deutlich, wenn man anschließend die Besprechung der Arbeit auf Seiten wie Nachtkritik lieber nicht sähe. Ich bin froh, dass die Nachtkritik-Redaktion Interesse auch an solchen Formen hat, sicherlich wurde hier ja im Vorfeld auch kein klassischer Theaterabend angekündigt. Über die Qualität der Arbeit an sich lässt sich dann ja hier wie man sieht wunderbar streiten. Aber solche generellen Ausschließungsphantasien sind dann zu einfach.
#12 Top Secret International, München: GähnenKoch 2016-12-13 23:41
Schon in den Achtzigern und Neunzigern hat man Zuschauern Kopfhörer verteilt und sie sich selbst, dem Text und dem Raum überlassen. Damals war es vielleicht noch neu, eine Erkundung, eine Ausweitung. Dies heute als neu zu bezeichnen, ist schon sehr anmassend und kunstgeschichtlich fern und Menschen, die dem aus Erfahrung relativ gähnend gegenüberstehen, Konservatismus vorzuwerfen relativ lächerlich, weil der Vorwurf auf die Kritiker selbst zurückfällt.
Ich kann allen, die hier in verschiedenen Foren das "Neue" so verteidigen empfehlen, einen Blick zurückzuwerfen und zu sehen, wie alt das sogenannte Neue eigentlich ist.
#13 Top Secret, München: rausgegangenThomas Hülsmann 2017-02-25 21:06
Unendliche, nicht zusammenhängende Interviews - die habe ich auch und besser in der Zeitung gelesen. Der Sinn der "Entscheidungen" und die Verbindung zum Stück war nicht zu verstehen. Die App ist ein paar Mal hängengeblieben. Wir sind dann rausgegangen.
#14 Staat 1: Top Secret International, HKW Berlin: LeserkritikKonrad Kögler 2018-03-11 13:46
In „Staat 1: Top Secret International“ schickt Rimini Protokoll die Zuschauer mit Kopfhörern und Ortungsgeräten durch die Sammlungen des Neuen Museums auf der Museumsinsel. Wir mischen uns unter die Touristenmengen, die sich vor der Nofretete-Büste stauen, und bekommen Anweisungen, wie wir uns im Strom zu verhalten haben.

Unterwegs begleiten uns Soundbites des Ex-BND-Chefs Gerhard Schindler („Es gibt keinen sauberen Nachrichtendienst; es wird gelogen, verraten, betrogen, korrumpiert“) oder von André Hahn, dem Vertreter der Linken-Fraktion im PKGr (Parlamentarisches Kontrollgremium der Geheimdienste), der sich darüber beklagt, dass ein Großteil der angeforderten Akten geschwärzt ist und seine Aufklärungsarbeit somit einem Stochern im Nebel gleichkommt.

Die Info-Häppchen aus der Welt der Geheimdienste begleiten einen anregenden Spaziergang durch die antiken Sammlungen, werden aber zu oft durch alberne Spielchen unterbrochen. Die Route des Parcours ist technisch ausgetüftelt, stößt aber beim geplanten Treffen mit einem Kontaktmann an ihre Grenzen, weil zu viele Spieler gleichzeitig ankommen und sich Zeichen geben.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2018/03/11/staat-von-rimini-protokoll-spielerische-annaeherung-an-facetten-der-demokratie-im-hkw-und-neuen-museum/
#15 Top Secret International, München: mäßige LehrstundeSascha Krieger 2018-03-26 12:51
Ständig sollen wir unser Umfeld beobachten, ohne dass das irgendeine Konsequenz hätte, uns Fragen stellen, wer vielleicht vom Geheimdienst beobachtet werden könnte, ob Toiletten gute Verstecke seien, ob sich jemand verdächtig verhält oder wie sich Verhalten verändert, wenn einer den Raum Museum betritt. Zwischendurch tauscht man konspirativ Zettel aus. Das ist irgendwo zwischen Küchenpsychologie und Spion spielen für Grundschulkinder. Nur leider quält sich Top Secret International uninspiriert entlang in diesem Nicht-Spannungsfeld auf Alberneheiten, Expertenerzählungen und konsequenzfreien Entscheidungspielchen. dabei sabotiert jedes Element das andere. Wer den Erzählungen lauschen will, wird ständig weitergehetzt, wer wirklich erfahren will, wie sich der Blick verändert, wenn man aus einer anderen Perspektive auf Menschen schaut, die davon nichts ahnen, sieht sich durch narrative Versatzstücke torpediert. Hier muss – im Gegensatz zu den stärkeren Arbeiten von Rimini Protokoll – niemand wirklich Haltung entwickeln, sich positionieren, echte Entscheidungen treffen, andere Blicke ertragen und sich selbst fragen, ob das auch die eigene Perspektive sein könnte. Top Secret International dagegen lässt den Teilnehmer von der Angel, bleibt mäßig erkenntnisreiche Lehrstunde und harmloses Spiel. Am konspirativsten fühlt sich der Rezensent, wenn er mit der Pressemappe in grellstem Orange unter dem Arm durch die Berliner Mitte marschiert. Aber da hat er das „System“ schon längst wieder verlassen.

Komplette Rezension: stagescreen.wordpress.com/2018/03/26/viel-horch-und-etwas-guck/

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