Immer mitten ins Gesicht

von Christian Rakow

Basel, 10. Dezember 2016. Irgendwann, noch früh an diesem Abend, beschleicht einen das Gefühl, dass man hier gar nicht bei Tschechow sitzt, sondern bei Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf": wo sich Paare ordentlich die Meinung geigen und obendrein der Schnaps in rauen Mengen genossen wird, damit die Contenance nur so zerrinnt. Bloß dass hier, weil wir denn doch bei Tschechow sind, nicht nur zwei Paare aufeinander losgehen, sondern gleich ein ganzes Nervenbündelkabinett.

Zack, zack sind alle platt

Machen wir uns nichts vor. Drei auf vier Tschechow-Aufführungen sind zähestes Zeit-Totschlagen mit deprimierenden Figuren, die einander nichts zu sagen haben, aber dennoch viel und sehnsuchtsvoll daherreden (das übrige Viertel entwirft subtile Menschenstudien, aber davon später mehr). Nicht so dieser. Von Simon Stone war nach allem, was man von ihm bisher zu sehen bekam (etwa Ibsens John Gabriel Borkman beim Berliner Theatertreffen 2016) Bleiernes auch nicht zu erwarten. Stone gibt Gas, greift in die Vollen, klotzt Konstellationen raus. Zack, zack. Ihr mögt Euch nicht? Sagt: "fuck you"! Keine Präliminarien. Mit schnellen Strichen wird der alte Text "überschrieben", also in eigene Dialoge überführt, die im Probenprozess mit dem Ensemble entwickelt worden sind.

Schwestern1 560 Sandra Then uNix mehr Moskau. Ins Ferienhaus von Lizzie Clachan zieht es die drei Tschechow-Schwestern in Basel  © Sandra Then

Im Ergebnis gibt’s einen Tschechow wie nach dem Schnellschleudergang. Bügeln nicht mehr nötig, weil eh schon alle platt. Soll heißen: Simon Stone trimmt Tschechows grüblerische Gesellschaft von anno 1901 radikal auf heutige Wohlstands-Satire. Man trifft die "Drei Schwestern" in einem Ferienhaus an, wie aus der Hochphase des Funktionalismus herübergerettet, auf drei Etagen, mit großen Glasfensterfronten (Bühne: Lizzie Clachan). Von dem notorischen Wunsch "Nach Moskau! Nach Moskau!" zu entfliehen, sind noch diffuse Lebensabschnittspläne übrig: Irina verschlägt es für eine Weile nach Berlin, der Bruder Andrej würde als IT-Programmierer gern ins Silicon Valley gehen. Und Masha hat für sich und ihren Lover Werschinin alias Alexander schon mal ein Appartement in Brooklyn ausgeguckt. Aber leider – so viel Tschechow muss sein – wird sich Alexander zu seiner suizidgefährdeten Frau bekennen.

Binge-Watching und dünne Hemden im Alpenwind

Die Übersetzungsleistungen von Stone und seinem Ensemble sind kunstvoll, well-made: Irina, etwa, die jüngste der drei Schwestern, tritt uns als Geisteswissenschaftsstudentin entgegen. Wie es sich gehört, möchte sie sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, schließlich schreibt sie schon "Aufsätze über die aktuelle Flüchtlingswelle in Bezug zu Asylerzählungen in der posthomerischen griechischen Mythologie". Aber als die Geflüchteten letzthin am Bahnhof eintrafen, hatte sie sich leider genau an dem Abend an der TV-Serie "Transparent" festgeguckt und verpasste die Willkommensfeier. Lacher im Baseler Theater. Die Überzeichnung sitzt. Überhaupt dürfte der Abend wieder zum Hit werden: Bestes Entertainment-TV jetzt auch live im Guckkasten.

Schwestern2 560 Sandra Then uWeihnachten bei Losern auf'm Sofa? © Sandra Then

Weil Stones Tschechow-Adaption über weite Strecken auf Comedy aus ist, wird’s weniger ein Schaulaufen der titelgebenden "Drei Schwestern". Die Lehrerin Olga (Barbara Horvath), deren unverheiratete Mauerblümchen-Existenz Stone aus einer verheimlichten lesbischen Einstellung heraus erklärt, bleibt ähnlich randständig wie Irina (Liliane Amuat) in ihrer schiefen Beziehung zum ungelenken Baron Tusenbach alias Nikolai (Max Rothbart). Mascha (Franziska Hackl) zerrt mit einiger Virtuosität an ihrem Alexander herum. Doch da ist nicht viel zu bewegen, weil dieser Mann sich als betont dünnes Hemd in den Alpenwind hängt. Nicht nur dieser.

Stone sucht den Typus des verweichlichten Losers und findet ihn in nahezu allen Beteiligten: in Elias Eilinghoffs Alexander, der seinen Antrittsbesuch bereits mit aufgeschnittener Pulsader absolviert und überhaupt den suizidalen Emo-Boy gibt. Und vor allem in Andrej, den Nicola Mastroberardino mit herzzerreißender Fahrigkeit als Drogenabhängigen, Online-Poker-Süchtigen und als gescheitertes IT-Genie vorstellt. Um sie herum ein Meer an Versoffenheit, Desolatheit, Laschheit. Tür zu, Tür auf. Schon steht der nächste Slacker in der Designerwohnung. Alle reden mehr oder weniger schwer bekifft, was durch die Mikroports noch unterstützt wird, durch die ihre Sentenzen frei ins Irgendwo schweben.

Dragoner der Direktheit

Stone haut die One-Liner raus, dass es nur so kracht, ein Satz, ein Treffer. Er arrangiert mit minutiösem Timing, in der ersten Hälfte knallhart auf Soap-Opera getrimmt, mit wachsender Dauer auf große Oper und Mut zum Pathos. Wenn's emotional werden soll, schmuggelt er Atmo-Sounds rein oder das Team musiziert gleich selbst am Klavier ein Medley von Beyoncé (Halo) über Britney Speares (Baby one more time) bis Rihanna (Umbrella). Was schon okay geht, würde er nicht auch noch die Figuren mit reichlich Selbsterklärungswillen dopen: "Ich halt diese Scheißempathie von Dir nicht aus", "Ich kann keine Verlierer um mich haben, Du Loser", so wird hier stets klipp und klar angesagt, was man eigentlich auch so begriffen hätte.

Und da sind wir denn wieder beim Beginn: Das Viertel an Tschechow-Abenden, das einen verstört und nachsinnend entlässt, lebt vom großen Spiel des Indirekten, vom Verschwiegenen, vom Angedeuteten. Simon Stone dagegen zeigt sich als Dragoner der Direktheit. In-your-face, würde es bei ihm heißen. Immer mitten ins Gesicht. Kein Geheimnis, wenig Irritation. Komödie wird gemacht, es geht voran. Bis zum bitteren Ende, von dem Roland Koch als Arzt Roman klagend zu berichten weiß: "Wir sind alle Betrüger. Das Leben ist ein einziger Beschiss."

 

Drei Schwestern
von Simon Stone nach Anton Tschechow
Übersetzung aus dem Englischen von Martin Thomas Pesl
Regie: Simon Stone, Bühne: Lizzie Clachan, Kostüme: Mel Page, Licht: Cornelius Hunziker, Musik: Stefan Gregory, Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit: Barbara Horvath, Franziska Hackl, Liliane Amuat, Nicola Mastroberardino, Cathrin Störmer, Michael Wächter, Elias Eilinghoff, Simon Zagermann, Max Rothbart, Roland Koch, Florian von Manteuffel.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.theater-basel.ch

 

Wie das Drei Schwestern-Gastspiel beim Berliner Theatertreffen ankam, lesen Sie hier.

 

Kritikenrundschau

"Cool, aber doch mit einem Maximum an Emotion aufgeladen, mit perfekten szenischen Übergängen" – Jürgen Berger sah für die Süddeutsche Zeitung (14.12.2016) ein sehr gutes Drehbuch. "Als habe Quentin Tarantino zusammen mit Christoph Waltz (..) den surrealen Reiz der russischen Avantgarde entdeckt." Auch wenn Stone die Schwestern mit neuem Text in die Gegenwart führe, bleibe er "ein ziemlich treuer Tschechow-Adept". "Einmal mehr kapiert" man, "warum Simon Stone derzeit ein so begehrter Theatermacher ist." Er sei "mit so viel Herzblut am Werk, dass er das Beste aus dem herausholt, was man Schauspielertheater nennt."

"Ein Stück von Tschechow – ohne ein Wort, ohne einen Satz von Tschechow selber. Muss das sein? Kann das sein?", fragt Alfred Schlienger in der Neuen Zürcher Zeitung (12.12.2016). Und antwortet selbst: "Von den vielen Tschechows, die ich in meinem Leben gesehen habe, ist es der berührendste und mitreissendste (...) emotional klar die gewagteste – erhellend und subtil erschreckend. Roh und elegant, laut und leise." Das Ensemble entwickele eine Präzision, Intensität und Echtheit, die einen fast vergessen lasse,, dass das inszeniert sei. "Und gleichzeitig gelingt es der Regie, einen Rhythmus ins Menschen- und Seelengewusel zu bringen, der das (manchmal zu) hohe Tempo mit Phasen der Entschleunigung und Besinnung variiert." Keine Sekunde zäh oder langweilig.

"Diese drei Schwestern und ihre Freunde reden unsere Sprache, unseren Banalitätensprech – aber etwa zehnfach potenziert. Sie haben unsere Probleme – aber etwa zehnfach potenziert", schreibt Susanna Petrin in der Baseler Zeitung (12.12.2016). Entsprechend kurzweilig sei die Premiere, "dieses beschleunigte Tschechow-Kondensat hat einen unentziehbaren Zug, eine vorwärtspreschende Energie". Ist das noch Tschechow? Das wäre die biederste aller Theaterfragen. "Hauptsache, es ist gut, Hauptsache, es gelingt. Und diese Inszenierung ist gut."

"Nach Moskau!" komme selbstredend nicht vor, "denn der Regisseur und Autor hat das vorrevolutionäre Setting des zaristischen Russlands in die globalisierte Gegenwart der Mittzwanziger bis Mittdreißiger von heute verlegt", so Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (12.12.2016). "Die studentische WG, die sich zur Sommerparty trifft, scheint ADS zu haben: Wie aufgezogen wuseln die jungen Leute durch die zweistöckige Szenerie", - ein manisch-hysterischer Haufen von Sprücheklopfern und Weltverbesserern, die einander wenig zuhören. Wie ein verbaler Schlagabtausch in den nächsten greife, wie übergangslos aus einem Zimmer ins nächste überblendet werde, "das ist von allerhöchster, oft sehr komischer Virtuosität". Der Katzenjammer komme nach der Pause: "Lauter Tragödien, lauter Zusammenbrüche, Heulen, Schreien, Zähneklappern". Fazit: "Nie entfernt sich Simon Stone weiter von Tschechow als in diesem plakativen Showdown: Alles Gleitende, Unausgesprochene, Angedeutete, schmerzlich Erahnte zieht er mit brutaler Hand ins Offensichtliche."

In Basel gehe es zu "wie in einer Scripted-Reality-Soap von RTL 2", berichtet Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13.12.2016). Tschechows gar nicht so alte Russen seien bei Stone absolut modern, aber er verfüge diesmal nicht über die Schauspieler, die eine so radikale Überschreibung ins Jetzt tragen. Kurz: "Tschechow ließ seinen Figuren ihre kleinen und großen Geheimnisse, in Simon Stones Fassung werden sie zu Tode gequatscht."

Erstaunlicherweise "plangen wir mit den Figuren", findet Alexandra Kedves im Zürcher Tagesanzeiger (12.12.2016). "Über weite, wenn auch nicht sämtliche Teile des 160-minütigen Abends spüren wir den Sog des gähnenden Lebenslügenlochs, das die Dekadenzler des 21. Jahrhunderts verbal zuschütten wollen. Wir lachen über ihre Selbstironien, die die unsern sein könnten; fühlen, wimpernschlagkurz, gar Tränen aufsteigen." Man sehe, "dass wirklich keiner am Theater derart den Dreh fürs TV-Förmige heraushat" wie Stone. Das neue Leiden an der Sinnlosigkeit klinge dort schräg, wo der Regisseur wild übersteuert. Insgesamt aber gelte: "Leben ist anderswo; doch Theater ist genau hier."

Joachim Lange schreibt auf der Website des Wiener Standard (20.12.2016): Das von Lizzie Clachan "architekturpreisverdächtig" entworfene Ferienhaus sei offen für "dieses besondere Tschechow'sche Theatergefühl, das sich einstellt, wenn man den Leuten beim Leben zuschaut". Die Diagnose sei bei Stone "ähnlich deprimierend wie bei Tschechow – nur dass er dessen Verweis auf die Gegenwart als Zeit der Handlung wörtlich nimmt". Die Meisterschaft der Regie müsse sich hier nicht "am Lärm der Stille, sondern am Stillstand eines beschleunigten Dauergequassels bewähren", was dem Regisseur "bei dieser fabelhaften Truppe scheinbar mühelos gelingt".

 

Pressestimmen zum Gastspiel beim Berliner Theatertreffen 2017:

"Lange gab es keine so intelligente, gut gebaute Tschechow-Inszenierung mehr wie Simon Stones 'Drei Schwestern' vom Theater Basel", schreibt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (8.5.2017). Anfangs irritiere das Schnell- und Dauersprechen über die Mikroports, nerve der ungeheure Redezwang und Mitteilungsdruck. "Und plötzlich gerät der Zuschauer in den Sog, den Tschechow-Maelstrom", so Schaper: Motive aus der 'Möwe' und dem 'Kirschgarten' blitzen auf. Kein Wort ist noch 'original' Tschechow, aber darunter liegt der ganze Lebensvorrat: gebrochene Herzen, Verzweiflung, Tod, und immer weiter so."

"Pures Schauspielertheater" hat Ulrich Seidler gesehen – "so richtig old school mit Figuren, mit Handlung, mit So-tun-als-ob, mit Pathos und vorgeführten Gefühlsausbrüchen – und es war herrlich!" In der Berliner Zeitung (8.5.2017) schreibt Seidler: "Wer über ein gewisses Maß an Verzweiflungsbereitschaft verfügt, konnte sich auf die gute alte Theaterart identifizieren, so richtig mit Tränchen – und mit Glücksglucksern, die die Freude an Gelungenem auslöst."

Für Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (10.5.2017) war es auch mit dieser Produktion "ein sehr gelungener, beglückender Auftakt des Theatertreffens" 2017. Simon Stone biete "so großartiges Schauspielertheater, dass man die Aufführung fast für ein Statement halten konnte: Macht euch keine Sorge um die Ensemblekultur, hier seht ihr mal, wie grandios, richtig und wichtig sie ist und welch kluges, menschlich mitreißendes Theater auf der Höhe der Zeit sie nach wie vor hervorbringt."

Berührt zeigt sich Katrin Bettina Müller von der taz (12.5.2017) von der Entwicklung, die die Figuren in diesem Stück nehmen. Sie begännen als wissende Poser. "Aber wie sie dann verzweifeln im letzten Akt, in Wut geraten über sich und andere, und dabei alles aus dem Haus, das sich die eine, die Schwägerin Natascha, die unter ihnen nie willkommen war, unter den Nagel gerissen hat, wegtragen müssen, da wachsen sie einem Herz, erschrickt man über ihre Ratlosigkeit, leidet mit ihren Ängsten."

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Drei Schwestern, Basel: wie's klingtcechonte 2016-12-11 17:26
Klingt nicht sehr nach Tschechow.
#2 Drei Schwestern, Basel: wie's auch klingtUnd? 2016-12-11 22:17
Das klingt wie eine Kritik aller Stones-Abende. Theater als Soap. Letztes Jahr noch mega, jetzt alle langsam aufgewacht? Guten Morgen!
Und nun auf zum nächsten Sternchen...
#3 Drei Schwestern, Basel: Muss man..?grrlll 2016-12-14 01:16
Nach Martin Halters Kritik sieht man sich die Namen Schulte, Schlienger und Petrin an und fragt sich, muss man sich die jetzt merken?
#4 Drei Schwestern, TT Berlin: sexistischHolger Syme 2017-05-07 20:13
Toll. Simon Stone erfindet die drei Schwestern als zwei Männerzerstörer und eine glücklicherweise homosexuelle und daher ungefährliche Staubtrockenmoralistin neu. Umgeben von Männern die, wenn nicht von ihnen, dann von anderen Frauen vernichtet und seelisch verkrüppelt wurden oder werden. So ziemlich die sexistischste Tschechow-Variante die ich mir nur vorstellen kann, und der dann auch noch durch die Umwandlung des unentfliehbaren Landgutes in ein Urlaubschalet jeglicher dramatische Zwang genommen wird. Das ganze wäre ärgerlich beliebig wenn der reaktionäre Naturalismus nicht dem reaktionären Geschlechterbild entspräche.

Hier mein Wutschnauben, ausführlich, auf Englisch: www.dispositio.net/archives/2439
#5 Drei Schwestern, TT Berlin: wohlstandsverwahrlostKonrad Kögler 2017-05-08 00:20
Hübsche, junge Menschen in einer schicken Villa mit Glasfassaden. Wie die Drehbühne kreisen sie ständig um ich selbst, um ihre Wohlstandsverwahrlosung und um ihre Neurosen. Sie brabbeln wie auf Speed vor sich hin, lieben, betrügen, trennen und hassen sich.

Was nach einem perfekten Stoff für die Daily Soap im Vorabendprogramm klingt, ist eine – sehr angestrengt auf cool und hip gebürstete – Überschreibung des Tschechow-Klassikers „Drei Schwestern“. Leider fehlt den banalen Dialogen der nötige Esprit. An Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ fühlte ich mich nicht erinnert: von der Eleganz und der Präzision der Pointen ist diese Tschechow-Überschreibung aber leider weit entfernt.

Arg bemüht wirken die Exkurse über Trump, der wenige Wochen vor der Premiere in Basel zum US-Präsidenten gewählt wurde, und die kleinen Anspielungen auf Willkommenskultur an Bahnhöfen für Flüchtlinge, das Berliner SoHo House oder den Hype um US-Serien.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2017/05/07/tt-2017-drei-schwestern-aus-basel-die-tschechow-ueberschreibung-von-simon-stone-glueckt-nicht/
#6 Drei Schwestern, TT Berlin: weichgespültLenor 2017-05-08 01:31
Weichspülgang wäre wohl zutreffender, nach Eindruck in Berlin. Was soll's, Hype ist Hype
#7 Drei Schwestern, TT Berlin: reingefallenRTL 2017-05-08 09:36
Dann sagt der Stone auch noch bei der Preisübergabe, "ich hatte nur dIdee fucking Idee des Bühnenbildes, wir haben jede Szene nur einmal probiert..." . Ja, so hohl sah es auch aus! Glückwunsch Jury fürs REINGEFALLEN....
#8 Drei Schwestern, TT Berlin: Bühnen verkleinernDR 2017-05-08 11:45
Ja, hat das der Stone echt gesagt? - Ich bin baff! Für so eine einzige fucking Idee war die dann ja aber auch noch fucking wenig originell! Ich meine, wir hatten die Mode der buchstabengewordenen Karthasis-Signale: "OPFER", "REVISOR", "WELT" usw.usw. usw. Und dann haben wir jetzt seit eigentlich Peymann - aber das würde ja niemand zugeben, dass das neuzeitlich auf den zurückgeht, was weiß ich bis auf seinen Tasso etwa - des Haus in the House: Der Kasten im Guckkasten: als Bretterbude, als Blackbox, als Whitkubus, als Puppenhaus, als Käfig, als digitalisiertes Podium, als schickes Glashaus, aus dem die Figuren mit den durchgeistigt überschriebenen - oder wie ich gerade eben gelernt habe: botgesampelten - Wort-Steinen nach dem Publikum werfen, auf dass es sich gezielt getroffen fühle - Stone hat da echt den Anschluss verpasst, wenn das also seine einzige fucking Idee war für Tschechow in ohne Esprit: Jetzt leben wir nämlich schon in der Zeit der als Puppen verkleideten Schauspieler, gern kombiniert mit fatsuit-Stramplern: Avantgarde hier Kennedy und Mondtag. Deshalb ist mein avantgardistischer Vorschlag, die Bühnen auf jeden Fall auf die neue Kastengröße zu verkleinern, reicht ja scheinbar aus. Oder die Puppenhäuser gleich zu digitalisieren und als betretbaren Film ansehbar zu machen und die Schauspieler bitte gleich ohne Kostüm auf Marionettenrollenspiel als neue Lebensaufgabe zu drillen... oder oder - Bitte, lieber Holger Syme: Wutschnauben auch hier, ohne extra Nachschlagen woanders - auch wenn das Bloggerherz vielleicht dann blutet, weil es sich in den unbezahlten Dienst fürs Podium stellt (das sollte bitte ein Gruß sein, wenn wir kürzlich schon eine Gesprächschance verpasst haben, netter gehts leider nicht...)
#9 Drei Schwestern, TT Berlin: platt, denkfaul, sexistischSascha Krieger 2017-05-09 13:09
Irgendwann ergreift jeden und jede die Leere, die man vorher zu verbergen suchte. Sie bricht sich Bahn mit reichlich Pathos – der Zuschauer soll es schließlich merken – und paart sich mit fein dagegen gesetzter Beiläufigkeit, etwa wenn der gutmütig stoffelige Nikolai im Badezimmer Selbstmord begeht. Klar, ein Duell wie bei Tschechow hätte hier auch nicht gepasst. Schließlich ist kaum einer hier lebensfähig, außer vielleicht der leicht pyromanische Dauervögler Herbert/Bob, der bis zum Bersten mit Schwulenklischees aufgeladen ist, und die prollige Pragmatikerin Natascha, die aus der Selbstsucht ganz effizient eine Waffe gemacht hat, das unterschätzte Dummchen, das sich als schlauer erweist als die versammelte Intelligenz zusammengenommen. Ja, so platt ist der Abend über weite Strecken tatsächlich. Glücklich wir hier keiner, die ichbezogenen Zombies implodieren, passend zum Kulturpessimismus, der in großzügigen küchenphilosophischen Dosis über der Bühne ausgekippt wird. Am Ende ist das Haus so leer wie die Leben und Seelen der Protagonist*innen, und den Rezensenten zieht es nur noch an die nächste Bar. Alkoholinduziertes Vergessen – welch süßer Gedanke.

Das wäre ärgerlich, ließe sich aber schnell als der Fehlgriff abtun, den sich die Theatertreffen-Jury eigentlich in jedem Jahr mindestens einmal leistet. Platt, denkfaul, aber harmlos. Dass das nicht so ist und der Abend sogar ins Gefährliche kippt, liegt an seinem Frauenbild. Das weibliche Geschlecht ist hier nämlich so weit wie nur irgend möglich entfernt vom Proto-Feminismus der Vorlage. Im Gegenteil: Die wenn auch scheiternden – zum Teil zumindest an den feindlichen Umständen – selbstbestimmten Frauen ersetzt Simon Stone durch selbstsüchtig manipulative Monster, berechnend, machtbewusst, gern auch aus Langeweile verletzend. Die Männer sind größtenteils schwach aber gutmütig, allen voran der verloren dreinblickende Andrej, der Teddy-äugige Engel Nikolai und der seine existenzielle Verzweiflung unter polternder Jungenhaftigkeit versteckende Theo. Sie alle sind Opfer der vierköpfigen Hexenbande – im Schlussakt reiht sich auch die zuvor vergessene Olga mit einer mehrminütigen Brüllattacke ein – die die Fäden zieht und alle mit ins Unglück stürzt. Die moderne Frau als sadistische Manipulatorin, die monströse Machtbesessenheit als Endpunkt feministischer Emanzipation – am Ende bedarf es für den Brechreiz zumindest bei diesem Rezensenten nicht einmal mehr des Alkohols. Das Rest-Publikum dagegen ist so begeistert, wie es die Jury gewesen sein muss. Der Durst nach sanft vergiftetem und doch leicht rezipierbaren Hochglanztheater scheint groß zu sein.

Komplette Rezension: stagescreen.wordpress.com/2017/05/09/hexensabbat-in-hochglanz/

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