Spieglein, Spieglein an der Wand

von Johannes Siegmund

Wien, 10. Dezember 2016. "Ein Rätsel bleiben." Das sind die letzten Worte Ludwigs II, bevor der König ins schwarze Wasser geht. Die Inszenierung "Ludwig II, nach dem Film von Lucino Visconti" von Bastian Kraft im Akademietheater Wien tut dem Mondkönig diesen Gefallen. Auch nach zwei Stunden bleibt völlig offen, wer Ludwig II war. Das liegt allerdings nicht an der vielschichtigen Psychologie des Königs. Es liegt daran, dass sich die Inszenierung in medialen Reflexionen verliert, anstatt eine eigene Perspektive auf Ludwig II zu entwickeln.

Bewährte Methode

Nach dem großen Erfolg seiner letzten Inszenierung Dorian Gray in Wien setzt Kraft wieder auf filmisch-theatrale Selbstreflexion und auf den Schauspieler Markus Meyer. Meyer spielt Ludwig II und als Filmeinblendung alle anderen Rollen. Einzig Richard Wagner und seine Cousine Elisabeth sind mit Schauspieler*innen besetzt und binden den König noch an die reale Welt. Denn während Bayern erst den Krieg gegen Preußen und dann seine Souveränität verliert, verliert sich Ludwig II. zunehmend in seiner Traumwelt. Er baut Schlösser, entdeckt seine Homosexualität und spielt mit Kammerdienern und Künstlern ein narzisstisches Spiel.

Passend dazu hat der Bühnenbildner Peter Baur einen gewaltigen Spiegel schräg über die Bühne gehängt. Dieser Spiegel ist halbdurchsichtig und dient gleichzeitig als Vorhang für die filmischen Einspielungen, die auf die Spiegelungen der weißen Kostüme der Schauspieler*innen projiziert werden. Wem es jetzt zu reflexiv wird, der*die hat mein vollstes Verständnis. Das Setting ist hyperreflexiv: Ein Regisseur macht ein Theaterstück über einen Film und projiziert dafür Filmaufnahmen auf die Spiegelung von Schauspieler*innen.

LudwigII. 560 ReinhardWerner uLudwigs Welt – ein Fegefeuer der Eitelkeiten © Reinhard Werner

Das ästhetische Konzept entpuppt sich als ästhetisches Korsett. Die Schauspieler*innen kommen nicht gegen die eingespielten Riesengesichter, die überwältigende Kraft der Ton- und Filmaufnahmen an. Mit unveränderlichen Filmaufnahmen lässt sich nicht spielen, und so bleiben die Schauspieler*innen blass. Ihre live gesprochenen Texte sind brillant getimt, die Dialoge wirken trotzdem hölzern.

Anstatt sich in medialen Reflexionen zu verlieren, hätte die Inszenierung auch eine mutige Interpretation des geschichtlichen Materials liefern können. Dabei hätte sie sich von Visconti inspirieren lassen können. Sein Film verursachte einen Skandal. Nicht nur verschlang die Produktion damals wahnwitzige 12 Millionen Mark, zudem war sie ein Frontalangriff auf den bayerischen Stolz. Den Fokus so auf das Privatleben des Königs zu richten und seine Homosexualität offen zur Schau zu stellen, wurde als Beleidigung empfunden. Es hagelte Verrisse. Sogar der Politiker Franz Josef Strauss kritisierte den Film. Der gesundheitlich geschwächte Visconti konnte nicht einmal die Zensur und damit die radikale Kürzung seines Filmes verhindern.

LudwigII 560 ReinhardWerner uDer Monarch und die Cousine: Markus Meyer, Regina Fritsch © Reinhard Werner

Besitzt das Leben des letzten absolutistischen Herrschers Europas auch heute noch Sprengkraft, oder ist Ludwigs Vermächtnis nur noch ein Märchenschloss als Fotomotiv für Pauschalurlauber*innen? Von zwei Ausgangspunkten her ließe sich Ludwigs Leben auch heute noch etwas abgewinnen. Da ist zum einen die Dekadenz eines Königs, der den eigenen Staat exorbitant verschuldet, um Schlösser zu bauen. Bauliche Großprojekte, die aus narzisstischen Bedürfnissen heraus geplant werden und Unsummen an Geld verschlingen, sind immer noch erstaunlich aktuell. Man denke an die Elbphilharmonie oder den neuen Bahnhof in Stuttgart.

Zum anderen ist Ludwigs Begeisterung für Wagners Gesamtkunstwerke und sein Schlösserbauen vielleicht nie ein Rückzug in romantische Fantasiewelten gewesen. Die Politik hat seitdem oft ästhetische Mittel verwendet um, wie ein Gesamtkunstwerk, umfassender zu werden. Die Macht künstlerischer Mittel ist auch heute in populistischer und postfaktischer Politik nicht zu unterschätzen.

Krafts Spiegelkabinett hätte das mutigere Setzen von Inhalten gut getan. Es genügt eben nicht Theaterbilder, Filmgeschichte und historische Vorlage ineinander zu spiegeln und Reflexionen übereinander zu schichten. Kraft hätte auf die Vielfältigkeit und Aktualität des Stoffs vertrauen und das Verhältnis von Politik und Kunst befragen können, anstatt sich in den narzisstischen Selbtreflexionen des Königs zu verlieren.

 

Ludwig II.
nach dem Film von Luchino Visconti
Bühnenfassung von Bastian Kraft
Regie: Bastian Kraft; Bühne: Peter Baur; Video: Jonas Link; Kostüme: Dagmar Bald; Musik: Arthur Fussy; Licht: Norbert Piller; Dramaturgie: Hans Mrak.
Mit: Markus Meyer, Regina Fritsch, Johann Adam Oest.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause.

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Es ist gut gegangen, eine Bühnenversion zu schaffen, die in nicht einmal zwei Stunden mit nur drei Schauspielern sowie exzessiven Video-Spielereien Visconti nach Wien zitiert", so Norbert Mayer in der Presse (12.12.2016). Vor allem auch, weil "der König von Markus Meyer exzellent gespielt wurde". Ludwig dürfe glänzen. "Gerade deshalb bleibt er in diesem Spiel mit all seinen Reflexionsebenen, all der Oberflächlichkeit ein Geheimnis." Das Ende sei trotz aller Überladung mit Symbolen ein eindrucksvoller Schluss, der einem buchstäblich den Atem raube. "Zuvor aber wird gezaubert, in Schwarzweiß auf der Bühne. (...) Mit etwas Fantasie ist diese Box das Innere einer gigantischen Spiegelreflex-Kamera." Das Wunder der Verwandlung aber vollbringe Meyer, er "schafft großes Kino".

Bastian Kraft im Akademietheater die faszinierende wie ungreifbare (Innen-)Welt des Bayernkönigs: ein Abend voller Spiegelungen und Projektionen - derstandard.at/2000049133338/Ludwig-II-Das-vage-Bild-des-MonarchenBastian Kraft blicke in "die faszinierende wie ungreifbare (Innen-)Welt des Bayernkönigs: ein Abend voller Spiegelungen und Projektionen", schreibt Margarete Affenzeller im Standard (12.12.2016). Dem em Gedanken des Bildermachens folgend, inszeniert Bastian Kraft den Abend peripher gar als Making-of des Filmdrehs, um Realitäts- und Abbildungsebenen zu verwirren. Sogar damalige Filmkritiken werden zum Besten gegeben. - derstandard.at/2000049133338/Ludwig-II-Das-vage-Bild-des-MonarchenDDGedanken des Bildermachens folgend, "inszeniert Bastian Kraft den Abend peripher als Making-of des Filmdrehs, um Realitäts- und Abbildungsebenen zu verwirren." Der Abend "fasziniert in seinem Bilderwerfer-Malstrom, in seinen vielfältigen Überlagerungen und schafft nicht zuletzt durch lückenlos hörbare Sprache (das ist im Theater selbst an den besten Plätzen nicht immer so) hohe Konzentration; es wird punktuell gar richtig magisch."

Während man noch rätsele, "warum Bastian Kraft diesen Humbug von einem Stück, das uns – genau genommen – gar nichts angeht, auf die Bretter der Akademie hat hieven müssen, spendet das Premierenpublikum der Besetzung, besonders freilich dem 'Kini', frenetischen Applaus", berichtet Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13.12.2016). Begeistert ist allerdings auch er von Markus Meyer, der hier seine Verwandlungskunst ins schier Atemberaubende steigere.

"Dramaturgisch ist alles tipptopp durchdacht, bühnentechnisch ziemlich perfekt umgesetzt", schreibt Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (15.12.2016). Aber was solle mit all dem Aufwand eigentlich gezeigt werden? "Die kompakte, keine zwei Stunden lange Inszenierung verzichtet auf opulentes Dekor, und statt todestrunkener Wagner- und Schumann-Melodien kommt metallischer Elektrosound von Arthur Fussy aus der Tonanlage. Nichts soll vom Kopfkino des melancholischen Monarchen ablenken. Das funktioniert aber nicht, im Gegenteil: Man sieht kein Drama, sondern immer nur, wie's gemacht ist."

 
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