Der Superganove und die leeren Rahmen des Regimes

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 16. Dezember 2016. Von wegen Louis de Funès. Fantomas, das ist nicht nur Jean Marais mit ungesunder Gesichtsfarbe gejagt vom konfusen Kommissar Juve in den Filmen von André Hunebelle aus den 1960ern. Fantomas, das ist zuerst die Hauptfigur in über 40 von Pierre Souvestre und Marcel Allain zwischen Februar 1911 und September 1913 produzierten Kriminalromanen. Fantomas, das ist auch die utopische Figur in Julio Cortázars Erzählung "Fantomas gegen die multinationalen Vampire" aus 1975. Unter dem Eindruck des Mitte der 1970er abgehaltenen 2. Russell-Tribunals über Menschenrechtsverletzungen in Lateinamerika und Südafrika lässt der argentinisch-französische Schriftsteller seine eigene Reise nach Paris mit dem Inhalt eines Fantomas Comic-Heftes zur Auseinandersetzung mit Verantwortung verschwimmen.

Ein Phantom reist in den Iran

Nach derselben Erzählstruktur funktioniert "Fantomas Monster. Teil 1 / Iran: Fantomas gegen die Macht der Auslöschung". Regisseur Gin Müller startet damit eine Wiederbelebung des ursprünglich seriellen Charakters der Fantomas-Geschichten. Wie der Titel verspricht, geht es an diesem Abend nicht um Lateinamerika, sondern um den Iran. Und dorthin reist nicht das Erzähler-Ich von Cortázar, sondern Parastou Forouhar, in Teheran geborene Künstlerin. Ihre Eltern, Vertreter der politischen Opposition, wurden 1998 vom iranischen Geheimdienst ermordet. Aus ihrem Buch Das Land in dem meine Eltern umgebracht wurden! Liebeserklärung an den Iran zitiert der Abend genauso wie aus ihren Bildern und Animationen. Dafür aber steht nicht sie selbst als sie selbst auf der Bühne, sondern Edwarda Gurrola, Schauspielerin aus Mexiko, als "die Erzählerin".

brut fantomas 02 560 c Christine Miess uMiniaturhintergründe für die Verfertigung der Bilder beim Prozess der Erinnerung: "Fantomas Monster" im brut in Wien  © Christine Miess

Diese Erzählerin startet ihre Reise in Wien. Am Naschmarkt kauft sie vor dem Flug noch ein Fantomas-Comic. Darin kämpft der Maskierte gegen die Macht der Auslöschung, also gegen das Verschwinden der Orte, die an den Widerstand gegen das Regime erinnern. Kaum sitzt Gurrola neben Kaveh Parmas und Stefanie Sourial, die an diesem Abend alle anderen Rollen übernehmen, in einer Flugzeug-Reihe, schon klappt nicht nur das Heft in ihrem Schoß auf, sondern auch eine große Projektionswand, auf der fortan ein Live-Comic entsteht. Und das geht so: Links auf der Bühne eine Kamera, vor der posiert, vorne Miniatur-Bildhintergründe, in die retuschiert und auf der Wand charakteristische Comic-Kacheln, in die hinein projiziert wird. Das was hier als Inhalt des emanzipatorischen Comics entsteht, verschwimmt von vornherein mit der Erzählung von der Erzählerin, die in den Iran reist, um eine Trauerfeier für ihre Eltern abzuhalten.

Trash und Dokumentation

Jedes Kapitel des Abends, und es gibt derer viele, setzt sich aus drei Ebenen zusammen. Im Präteritum wird die Handlung vorangetrieben. So "trat" das Flugzeug irgendwann in den iranischen Luftraum ein, Gurrola und Sourial legen also ein Tuch über ihre Haare. So wird auch die Geschichte der iranischen Revolution von 1979 referiert und Gedanken über den Antikolonialismus dargebracht. Zu einer anderen Ordnung gehören die Sequenzen, in denen Gurrola "ich" zu sich selber sagt und über ihr ambivalentes Verhältnis zum Iran spricht. Auch die aufgenommenen Geschichten über die Iran-Reisen von Forouhar gehören zu dieser Kategorie der intimen Auseinandersetzung.

brut fantomas 01 560 c Christine Miess uEdwarda Gurrola, Kaveh Parmas, Stefanie Sourial © Christine Miess

Die dritte Ebene, das ist Fantomas und der Live-Comic. Parmas trägt eine rosa Strumpfhose über dem Kopf und zerschlägt bei jedem Exit Fensterglas. Klirr! Und klick! Zwischen den einzelnen Photos setzen die drei ihre jeweiligen Gespräche fort. So kommt es zu einem surrealen Zusammensein von darstellender und bildender Kunst. Oder von Trash und Dokumentation. Was im Angesicht der Wahrhaftigkeit des Themas und in Zusammenhang mit den filigranen Musikarrangements Bilder von großer Ambivalenz entstehen lässt.

Surreal

"Man kann Regime stürzen. Es ist gefährlich, aber es geht", sagt Gurrola irgendwann über die iranische Revolution. Dann fährt sie als Comic-Figur mit dem Auto durch Teheran und zeigt auf Wandgemälde. Da ist zum Beispiel Ali, der erste Kalif der Schiiten, dessen Gesicht nicht gezeigt werden darf und also durch einen Wasserfall ersetzt ist. Die Erzählerin attestiert eine interessante Nähe zwischen Propaganda und Surrealismus. Und surreal ist an diesem Theaterabend vieles und dies auf allen Ebenen. Die Lächerlichkeit eines sich noch am Leben haltenden Regimes zeigt sich im Verbot einer Ausstellung, das umgangen wird, indem die leeren Rahmen eine viel größere Kritik darstellen als es jede Darstellung hätte tun können. Die leeren Rahmen des famos vielfältigen Bühnenbaus werden so präzise mit Projektionen gefüllt, dass schon alleine deswegen dieser Theaterabend ein beglückendes Erlebnis darstellt. Nebenher verwischen sich die Grenzen von Realität und Fiktion, Trauer und Widerstand, und ein zukünftiger Iran ersteht im Traum. Fantomas war schon am Sprung, "schließlich hatte er auf dieser Welt viel zu tun".

 

Fantomas Monster. Teil 1 / Iran: Fantomas gegen die Macht der Auslöschung
von Gin Müller / Gorji Marzban / Jan Machacek
Konzept, Dramaturgie & Regie: Gin Müller, Konzept, Bühne & Video: Jan Machacek, Text: Parastou Forouhar, Gin Müller und Gorji Marzban, inhaltliche Beratung: Gorji Marzban, dramaturgische Beratung: Haiko Pfost und Katalin Erdödi, Bühnenbau: Franz Kapfer, Ausstattung: Rupert Müller, Sound: Sabine Marte, Video Programmierung & Sound Mastering: Oliver Stotz, Kostüme: Heidi Schatzl.
Mit: Edwarda Gurrola, Kaveh Parmas, Stefanie Sourial.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.brut-wien.at


Kritikenrundschau

Gin Müller bringe Fantomas mit iranischen Gewaltregimes zusammen. "Und nicht nur das: Fantomas Monster ist als Live-Comic angelegt", so Helmut Ploebst im standard (18.12.2016). Was bedeute, dass Schnappschüsse aus den Szenen in Anordnungen leerer Bildrahmen, die an vergrößerte Comicheftseiten erinnern, auf die Bühne projiziert werden. "Verschränkung der komischen Ebene mit dem in ein billiges Kostüm gekleideten und immer durch geschlossene Fenster stürmenden Fantomas und der Erzählung über die brutale Wirklichkeit kann als Satire auf die Wahrnehmung gelesen werden. - derstandard.at/2000049505423/Fantomas-Monster-Gegen-die-iranische-DiktaturDie Verschränkung der komischen Ebene mit dem in ein billiges Kostüm gekleideten und immer durch geschlossene Fenster stürmenden Fantomas und der Erzählung über die brutale Wirklichkeit kann als Satire auf die Wahrnehmung gelesen werden. - derstandard.at/2000049505423/Fantomas-Monster-Gegen-die-iranische-DiktaturDie Verschränkung der komischen Ebene mit dem in ein billiges Kostüm gekleideten und immer durch geschlossene Fenster stürmenden Fantomas und der Erzählung über die brutale Wirklichkeit kann als Satire auf die Wahrnehmung gelesen werden."

 

 

 
Kommentar schreiben