Woanders ist es auch nicht anders

von Willibald Spatz

München, 17. Dezember 2016. Dies ist kein gemütlicher Theaterabend. Schon beim Betreten der Kammer 3 wird man angetanzt, zum Mitmachen animiert. Die Musik wird immer lauter, man soll wenigstens klatschen, auch wenn man sich nur hinsetzen will. Die szenische Lesung "She He Me" ist Teil des "Open Border Ensemble Festivals", ein Versuch, der von der syrischen Theatermacherin Rania Mleihi sowie Malte Jelden und Björn Bicker ins Leben gerufen wurde. Das Ensemble bietet Theatermenschen, die auf ihrer Flucht in München gelandet sind, die Möglichkeit in Deutschland in ihrem Beruf zu arbeiten.

In der Haut von Oum Kulthoum

Amahl Khouri gehört zum "Open Border Ensemble". Sie hat mehrere Jahre lang Trans- und Homosexuelle in verschiedenen arabischen Ländern interviewt. Von drei der so erfahrenen Schicksale erzählt nun "She He Me". Obwohl der Anfang des Abend auf Party und fröhlich macht, ahnt man doch schnell, dass es so heiter nicht weiter gehen wird. Auf der Leinwand, auf der später die deutschen Übersetzungen zu sehen sein werden, werden die drei bereits vorgestellt: Es geht um "Randa, 42, ein transsexueller Mann aus Algerien", zur Zeit in Schweden lebend, um den 28-jährigen Omar aus Jordanien, der in Amman lebt und schließlich um "Rok, Libanese, 28, schlanker Körperbau, bärtig (Frau zu Mann), lebt in New Jersey". Außerdem wird vermerkt: "Die Schauspieler spielen mehrere Rollen". Während einer seine Geschichte erzählt, schlüpfen die beiden anderen Schauspieler für die Szenen der anderen in Komparsenrollen.

sheheme 01 560 c Ana Huber uDonia Massoud, Nour Alhusseini & Mouawia Saleh © Ana Huber

Randa sucht den Kontakt zum Publikum, fordert zum Tanz oder verlangt, dass man ihr die Frage stellt, wovon sie denn lebe in Schweden. Die anderen geben sich schüchterner und tauen erst nach und nach auf. Zumindest tun sie so, was  glaubhaft den Rollen entspricht, in die sie im Laufe ihrer Lebenswege gedrängt wurden. Randa musste übereilt fliehen, ihre Familie – Sohn und Frau – zurücklassen, landete in einem libanesischen Männerknast, wurde herausgeholt und lebt nun in Schweden als politische Aktivistin – die erste Transsexuelle in einem schwedischen Stadtrat. Rok musste erst nach New Jersey zum Vater, um zum Mann werden. Die ärgsten Konflikte hatte er im Libanon mit seiner Mutter auszufechten – Stoff für die witzigsten Szenen des Abends. Omar merkte früh, dass er die Sängerin Oum Kulthoum nicht nur toll fand, sondern auch sie sein wollte. Mit diesem Wunsch stieß er in Amman und in seiner Familie vor allem auf Ablehnung. Auch die Flucht in die homosexuelle Szene machte ihn nicht glücklich, weil hier ebenfalls wieder Geschlechter-Rollen-Erwartungen an ihn heran getragen wurden.

Schluss mit Geschlecht

So unterschiedlich die jeweiligen Lebensläufe auch sein mögen, sie haben gemeinsam, dass sie in Gesellschaften stattfinden, in denen offene Diskriminierung die Regel ist. Beleidigungen wie "Schwuchtel", "Schande" oder "Du solltest dich schämen" mussten alle drei sich anhören. Jeder von ihnen verbrachte viel Zeit in Phasen trostlosen Alleinseins. Formal geht die Inszenierung damit im besten Sinne leger um. Die komischen und die ernsten Augenblicke liegen nur wenige Sätze von einander entfernt. Die Schauspieler*innen habe ihr Textheft immer bei sich oder auf einem Notenständer liegen. In ihre Rollen schlüpfen sie so schnell, wie sie aus ihnen auch immer wieder grinsend herausfallen. Es kommt daher auch nie Verbissenheit auf und der Zuschauer hat auch nie das Gefühl, man solle hier belehrt werden – obwohl am Schluss deutlich der Wunsch formuliert wird, dass dem "Geschlechtsdenken ein Ende" gesetzt wird.

Es ist gut, dass in den Kammerspielen eine solche Aufführung möglich ist, weil man auch an den unmittelbaren Zuschauerreaktionen merkt, dass sich hier das Ensemble, das Publikum und die betrachteten Minderheiten auf Augenhöge begegnen. Das "Open Border Ensemble" ist eine Bereicherung fürs Theater hier.

 

She He Me
Szenische Lesung von Amahl Khouri
In Arabisch und Englisch, mit dt. Untertiteln
Regie: Amahl Khouri, Text: Amahl Khouri, Textdramaturgie: Jocelyn Clarke, Bühnenbild: Sina Gentsch, Kostüme: Mohamad Alhamod, Regieassistenz: Anna Prucker, Übertitel: Katharina Fucker, Scherief Ukkeh.
Mit: Donia Massoud, Nour Alhusseini, Mouawia Saleh.
Dauer 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

"In der szenischen Lesung performen drei Darsteller aus Syrien und Ägypten die Biografien dreier Transsexueller. Menschen, die ihre Kinder verlassen müssen, Menschen, die von Polizisten erniedrigt werden, Menschen, die von ihrer Mutter verwünscht werden", so Tobias Krone auf dradio Fazit (18.12.2016) im Rahmen eines Berichts über das Open Border Festival. Ingesamt gelungen sei das Festival, "über dem allerdings eine Frage steht: Wie geht es weiter mit dem Open Border Ensemble an den Kammerspielen? Björn Bicker und Malte Jelden wollen sich aus der künstlerischen Leitung zurückziehen." Sie strebten eine feste Installierung des im Haus an, "die Kammerspiele wollen dagegen weiterhin nur Projekte finanzieren. Wer das Open Border-Ensemble künftig leitet, ist also offen. Die finanzielle Förderung immerhin steht – bei dem künstlerischen Potenzial ein solides Investment."

 

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