Diskutieren Sie diesen Text!

von Christoph Fellmann

Zürich, 17. Dezember 2016. Stimmt das eigentlich, dass Donald Trump bald neuer US-Präsident ist, oder ist das auch nur wieder eine Behauptung der Lügenpresse? 86,3 Prozent der Menschen nämlich halten gemäß einer frei erfundenen Zahl die traditionellen Nachrichtenmedien nicht mehr für vertrauenswürdig und beschaffen sich ihre Informationen lieber von den 60 Billionen Webseiten, die das Internet bereithält. Wobei letztere Angabe womöglich ebenfalls nicht ganz wasserdicht ist, stammt sie doch aus dem neuen Theaterstück von Guy Krneta, in dem er 85 Prozent der Menschen sagen lässt, es hänge von der Schauspielerin oder dem Schauspieler ab, ob sie der gerade referierten Statistik glauben. Und Kunden, die ein Ticket für dieses Stück erwarben, hatten sich zuvor bereits für Aufführungen nicht-dokumentarischen Theaters interessiert!

Da sehen Sie mal: Es geht an diesem Abend also um die Krise der alten Medien sowie auch der neuen, die bekanntlich nur ein paar Datenkonzernen in Kalifornien zu Gewinnen verhelfen. Krneta, der in Basel lebende Theater- und Spoken-Word-Autor, hat dafür in der Deutschschweizer Medienszene recherchiert und mit Journalisten, Verlegern und Geldgebern gesprochen. Das Ergebnis wird in einem runden, fast antik zu nennenden Forum gereicht, das Muriel Gerstner in die Box des Zürcher Schiffbaus eingebaut hat und in dem das Publikum rund um einen runden Tisch im Zentrum herum Platz nimmt. Und in dieser offenen Arena dreht sich die Rede nun um Big Data und Fake News, um wegbrechende Reklameeinnahmen und Native Advertising, um den Rechtsrutsch in den Redaktionen, die Analyse von Donald Trump oder um die Idee, dass Information gratis sein soll.

Wutreden in Slam-Manier

Der Text wird dabei nur zum Teil von den fünf Schauspielerinnen und Schauspielern gegeben. Zu hören sind auch eingespielte Einwürfe aus einem Expertengespräch mit der Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen, der Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel, dem Soziologen Dirk Baecker und dem Journalisten Constantin Seibt, und dazu befragt Laurin Buser auch immer wieder das Publikum sowie wechselnde Live-Gäste (an der Premiere waren es der Verleger Peter Wanner und der Journalist Stefan Keller). Gerne sei an dieser Stelle auf die Kommentarspalte verwiesen, denn vielleicht fanden das bestimmte Zuschauerinnen und Zuschauer ja interessant? Menschen aus der Medienszene jedenfalls haben die ziemlich genau gleichen Debatten und Argumente in der Regel schon bis zum Überdruss ausgetauscht; also auch der Schreibende.InFormation3 560 MatthiasHorn uAltpapier oder Smartphones: Woher nur kriege ich die beste Qualitätsinformation?
© Matthias Horn

Ergiebiger sind die zwischen die Debatte gesetzten Monologe, in denen Krneta mehrmals und in bester Slam-Manier zur Wutrede ausholt: So begegnet man einem langjährigen Abonnenten, der am Telefon die Zeitung abbestellt, und einem Journalisten, der die gedruckte Presse fulminant und insgesamt doch recht einsichtig für tot erklärt: "Schlussendlich landet der Artikel online, und der erste Kommentar darunter wird öfter geliked als unsere ganze, schöne Arbeit." Mit großer Freude vernimmt man im Gegenzug dafür auch die Beschimpfung des "Qualitätslesers": "Ein Qualitätsleser liest im Schnitt acht Prozent von seiner Qualitätszeitung; und diese acht Prozent reichen Ihnen also um festzustellen, dass unsere Zeitung Ihren Erwartungen nicht mehr genügt?"

Lasst uns eilig noch ein Thema anschneiden!

In diesen Passagen beweist Krneta seine Klasse in der Beobachtung und Bespielung des wutbürgerlichen Tonfalls. Und mehr noch, die Kraft dieser Rants beglaubigt in diesen Momenten auch jene mediale Vertrauenskrise, die sonst papieren diskutiert wird; allerdings, ohne die Beschränktheit und die Selbstbezogenheit dieser Wutredner zu verschweigen. Doch letztlich sind auch diese Szenen bloß Nummern in einem Abend, der es stets eilig hat, noch ein Thema anzuschneiden und die Experten – und das Publikum! – dazu zu befragen. Davor kapituliert auch der Regisseur: Sebastian Nübling lässt sein Ensemble zwar einmal einen Stapel aus Altpapier bauen oder ein andermal aus Emoji-Masken heraus sprechen. Doch fast scheint es, als wolle er dem Abend gerecht werden, indem er ihn gerade nicht im Theater ankommen, sondern als Themenabend einfach mal so stehen lässt.

Und so ist das Theater dann wie Fernsehen, das über Zeitungen diskutiert. Diskutieren Sie diesen Satz, aber auch Donald Trump in der untenstehenden Kommentarspalte!

 

In Formation
von Guy Krneta
Uraufführung
Regie: Sebastian Nübling, Bühne: Muriel Gerstner, Kostüme: Pascale Martin, Musik: Lars Wittershagen, Dramaturgie: Andreas Karlaganis, Irina Müller.
Mit: Klaus Brömmelmeier, Laurin Buser, Rahel Hubacher, Henrike Johanna Jörissen, Nicolas Rosat sowie Experten.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

"Klug gebaut" rase der Abend durch die aktuelle Debatte der Medienkrise und mache dabei "rasend hoffnungslos", schreibt Daniele Muscionico in der Neuen Zürcher Zeitung (19.12.2016). "In Formation" sei sowohl "Forumstheater", indem es das Modell einer Forumszeitung auf die Bühne bringe – "hier wird partizipativ Aufklärung betrieben" – als auch "ein Bocksgesang auf die Medienkrise". Für einen Journalisten im Wachzustand lasse sich keine tristere Abendunterhaltung denken, so Muscionico: "Für ein branchenfremdes Publikum sehr wohl".

"In zwei Dutzend Szenen kriegt die helvetische Presselandschaft ihr Fett weg: vom Rechtsrutsch in Basel bis zur NZZ; von der Kannibalisierung durch die ­Onlineauftritte, die kein Geld generieren, bis zu jener merkwürdigen Verflüchtigung der Macht, die sich im raschen Wechsel in den Führungsriegen widerspiegelt", schreibt Alexandra Kedves im Tagesanzeiger (19.12.2016). "Aber immerhin: Die Leidenschaft für die vierte Gewalt lebt. 'In Formation' hat sich formiert und fetzt bitter-bravourös gegen das Begräbnis an."

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