Wir sind Käfigtiger

von Dirk Pilz

Berlin, 18. Dezember 2016. Am Ende rollt sogar ein Ball über die Bühne. Ein-, zweimal sind auch Fangesänge zu hören, kurz wird der Kommentar von Béla Réthy zum EM-Endspiel 1996 eingespielt, es gibt zudem ein paar Trikots der deutschen Männerfußballnationalmannschaft und goldene Turnschuhe. Aber: keine Jubelfernsehbilder, keine Fahnen, keine Kabinenspinde. Es wird weitgehend auf Ballsportbebilderung verzichtet. Vielen Dank.

Der Abend ist auch so drall genug: Wir sind im Testosteron-Theater. Es flippen die Sprüche durch die Luft, es dampfen die Leiber. Fällt einer hin, heißt's: "Steh' auf, du Pussy." Gelingt ein Trick, ruft's: "Das ist Professionalität, Digga!" Das N-Wort kommt ausgiebig vor, an Sexismen wird nicht gespart, an Schweiß nicht und nicht an Schimpfworten. Was soll man machen: Wir sind beim Fußball. Ist halt so.

Zwischen Wedding und Wilmersdorf

Aber es sind da doch Unterschiede. Von ihnen handelt dieser Abend gottlob auch. Er hat das Buch Die Brüder Boateng. Drei deutsche Leben zwischen Wedding und Weltfußball von Michael Horeni zur Vorlage – es erzählt die Geschichte von Jérôme, Kevin-Prince und George. Sie spielten auf Beton und im Käfig, kämpften, trainierten, rivalisierten. Aber der eine (Jérôme) wächst in Wilmersdorf auf, die anderen im Wedding. Die Differenzen werden bleiben, der Fußball ist keine Erlösungsanstalt. Sie werden kenntlicher, schärfer, wenn der eine in Haft sitzt (George), der andere aus der U-21-Nationalmannschaft fliegt (Kevin) und der Jüngste Weltmeister wird. Kann man die unterschiedlichen Lebens- und Glücksverläufe begreifen? Soll man sie kleinreden oder großzeichnen, bestehen lassen einfach?PengPengBoateng 01 560 c VerenaEidel uTamer Arslan, Nyamandi Mushayavanhu und Daniel Mandolini sind Kevin, George und Jérôme
© Verena Eidel

Nicole Oder, die Regisseurin und Fassungsschreiberin, stellt sie aus. Sie versöhnt nichts, sie schlägt sich auf keine Seite, sie formuliert auch keine Botschaften. Allein der Spielort betont das Unfertige, Unrunde: ein Kreuzberger Hinterhof, die Probebühne des veranstaltenden Off-Hauses Heimathafen Neukölln. Man sitzt auf wackligen Musikboxen, die Farbe blättert von den Wänden, die Bierflaschen klappern: Theater in ausgestellt ruppigem Ambiente. Off-Charme zum Anfassen.

"Wir machen Alarm. Bo-Bo-Boa-Clan!"

So spielen sie auch, immer rau, nie nett, gern ungehobelt. Der Derbste von allen ist Kevin, der Michael-Ballack-Foulspieler, der Autospiegeldemolierer, der "Geile-Schnecken"-Aufreißer. Tamer Arslan gibt dieser seiner Knall-Figur, was sie verlangt: dicke Sprüche, laute Posen. Nyamandi Mushayavanhu pinselt seinen Jérôme dagegen mit Kompromissgeist und Feinfühligkeit aus, dazu viel beißender Ehrgeiz, viel Willen. Passt alles, entspricht auch der offiziellen Boateng-Brüder-Lehre.

Aber die Inszenierung findet einen guten Dreh, dem Erwartbaren halbwegs zu entkommen: Sie singen und tanzen, sie rappen, sie üben sich in Popping, Locking, Beatboxing, ihr Meister ist Daniel Mandolini aka "MANDO", der George-Spieler. "Egal, was wir machen, wir machen Alarm. Bo-, Bo-, Boa-Clan." Dazu Nebel und Lichtwechsel. "Wir sind Käfigtiger", tönen sie, "beiseite, beiseite, wenn die drei Brüder wieder bei der Panke erschein'". Die Nummern sitzen, hier spielen sie sich frei: eine Dramaturgie von Song zu Song und wieder zurück. Raphael Hillebrand, der Choreograph, gibt den Vortänzer und den U-21-Trainer gleichermaßen, passt auch gut. "Wenn du wie ein Mädchen trainieren willst, dann zieh' dir einen Rock an", blafft er zu Kevin. Tja, der Männerfußball: Da ist er wieder.

Im Knast

Es ist dabei, kurz, auch von Rassismus die Rede, vom Gauland-Spruch allerdings nicht, besser so. Das gesellschaftliche Ausgrenzungsklima ist ohnehin immer zu spüren, der seelendeformierende Leistungsdruck genauso. "Ihr braucht doch Typen wie mich", brüllt Kevin am Ende, "damit ihr mit dem Finger zeigen könnt." Pause. Böser Blick. "Fickt euch. Fickt euch. Fickt euch." Haben wir verstanden danach.

Einmal ist es übrigens sehr still auf dieser Dampfbühne: George im Knast, er schreibt einen Song. Das ist vielleicht die stärkste Szene: Man lernt einen Menschen kennen, kein Schweißbild. Und Kevin sagt: "Das Leben ist krumm und hässlich." Ja.

 

Peng! Peng! Boateng! Drei Brüder zwischen Wedding, Wilmersdorf und Weltfußball
nach dem Buch von Michael Horeni "Die Brüder Boateng"
Regie: Nicole Oder, Bühne: Emmanuelle Bischoff, Kostüme: Anna Lechner, Dramaturgie: Vera Schindler, Sounddesign: Bastian Essinger, Lichtdesign: Tobias Pehla.
Mit: Tamer Arslan, Raphael Hillebrand, Daniel Mandolini, Nyamandi Mushayavanhu.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.heimathafen-neukoelln.de

 

Kritikenrundschau

Es ist der Abend der drei Körper-Artisten, findet Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (20.12.2016). Denn inhaltlich sei "Peng! Peng! Boateng!" nur "ärgerlich unkritisches Image-Theater fürs Boateng-Geschäft, ohne Distanz zu seinen Vorlagen". Dass der Abend trotzdem nicht nur eine verlängerte Boateng-PR-Kampagne wird, verdanke Nicole Oder der Zusammenarbeit mit dem Choreografen und Tänzer Raphael Hillebrand. "Der nämlich übersetzt die Story komplett in bildreiche Beats und Bewegungen."

"Viel gelernt über die Boatengs und dabei schöne Tanzmoves gesehen", resümiert Magdalena Bienert im RBB INforadio (19.12.2016). Die Besetzung sei gelungen, "aber ein bisschen mehr Härte und Schnelligkeit hätte dem Stück aber gut getan".

Die Regisseurin male keine simplen Gut-böse-Bilder, schreibt Oliver Kranz auf der Website des Deutschlandfunk (19.12.2016). Kevin Prince erscheine nicht "als Monster", Jérôme nicht "als Heilsbringer". Im Gegenteil. Obwohl die Inszenierung immer wieder in den Kraftausdrücken schwelge, zeichne sie "sensible Charakterporträts" – ein "gelungener Mix aus Fußball, Hip-Hop und psychologischem Theater".

"Ohne Pause rauscht, tanzt, schreit, streitet und versöhnt sich das Stück durch die Biografie der berühmtesten deutschen Fußballfamilie der Gegenwart und konzentriert sich dabei vor allem auf die ersten Kennenlern-Jahre im Käfig, als aus dem Weddinger Straßenjungen Kevin-Prince und dem Wilmersdorfer Mittelklasse-Boy Jerome erst Brüder, dann Freunde, Mitspieler und schließlich Gegenspieler werden." So berichtet Alex Raack für das Fußballkultur-Fachmagazin 11Freunde (online 21.12.2016). "Rein optisch haben die Darsteller nicht viel mit den realen Vorlagen zu tun, aber es ist sehr angenehmen, dass sich das Theater diese Freiheiten nehmen darf, weil es bei einem guten Stück ja nicht darum geht, Doppelgänger zu produzieren, sondern die Geschichten des Lebens auf die Bühne zu bringen. Das machen alle drei gut."

 

 
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