Ein Intendant wird besichtigt

von Rainer Nolden

27. Dezember 2016. Es dauert noch eine Weile bis zu seinem Achtzigsten im kommenden Juni. Aber die hochpreisende Festschrift zum runden Geburtstag ist bereits erschienen – unter dem Holzhammertitel "Claus Peymann – Mord und Totschlag – Theater / Leben".

peyman mord und totschlagPasst schon. Peymann hat sich von Anfang an fürs Risiko- und Konfrontal-Theater entschieden. Damit ist er meistens recht gut gefahren und manchmal, dann gern auch mit Höchstgeschwindigkeit, gegen die Wand. Wobei er fast immer triumphal aus den Trümmern geklettert ist, mögen die nun in Stuttgart, in Wien oder Berlin zum Himmel geraucht haben. Ein Antreibungs- und Übertreibungskünstler, so wird er geschildert, so lässt er sich nicht ungern beschreiben und feiern, ein Rathaus- und Landtagsschreck, ja Landesschreck auch, der es nicht nur mit dem CDU-Mann und einstigen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg Hans Filbinger, sondern auch mit ganz Österreich aufnahm, der mit einem Spendenaufruf für den Zahnersatz der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin die Bundesrepublik gegen sich aufbrachte und mit der geplanten Einstellung des RAF-Terroristen Christian Klar als Praktikant am Berliner Ensemble die gesamte Boulevardpresse (und schließlich auf die Einstellung verzichtete). Ein Bürgerschreck im besten Sinne des Wortes, der sich von den Bürgern nicht erschrecken ließ: "In den Unterlagen der (österreichischen) Staatspolizei … stellte sich heraus, dass ich … zu dem Kreis der gefährdeten Personen gehöre. Wochenlang wurde meine Post nach Bomben abgesucht. Mehrfach wurde ich aufgefordert, meine Wege zur Arbeitsstätte in der Burg täglich zu ändern." Theatermachen kann lebensgefährlich sein.

Peymanns Kopf als WG

Blättert man durch den umfangreichen Band, wird man den Eindruck gewinnen, Peymanns vornehmstes Ziel sei es gewesen, den Mief der Adenauer-Nachkriegsjahre, die bis in die 1970er hineinwaberten, und die "Oh, du mein Österreich"-Mentalität der Alpenrepublikaner endgültig mit den Mitteln der Kunst wenn schon nicht vollkommen aus dem Land treiben zu können, so doch ordentlich aufzuquirlen. Für André Heller – er inszenierte 1993 in Peymanns Burgtheater-Ära sein Stück "Sein und Schein" – war Peymann eine "Art Wohngemeinschaft", in der ein "eleganter Herr, ein trotziger Kindskopf, ein brillanter politischer Analytiker, ein Griesgram mit Tobsuchtsneigung" sich die Wohnung im Kopf teilten.

Ohne lebende Dichter kein Theater

Offenbar nur mit all diesen Eigenschaften wird man zu einem der wichtigsten Nachkriegsintendanten im deutschsprachigen Raum, der sich wie kein zweiter Theaterchef für zeitgenössische Autoren und Autorinnen eingesetzt hat: "Ich kann mir Theater ohne den Beitrag der lebenden Dichter nicht vorstellen", schreibt er 1995 und klopft sich bei der Gelegenheit gleich selbst auf die Schulter: "Zumindest unter den Regisseuren meiner Generation bin ich eine Ausnahme. Wenn ich mich umschaue unter den zehn, zwölf Kollegen, die zählen, sind es nur klassische Texte, mit denen sie sich beschäftigen." 46 Uraufführungen hat Peymann, Stand jetzt, inszeniert, darunter die berühmten Thomas-Bernhard-Abende, die Handke-, Turrini-, Jelinek-Werke. Peymann wusste schon auch immer selbst sehr genau, wie bedeutend ein Peymann fürs Gegenwartsdrama ist.

"Ich bin 2017 frei"

Die Interviews, Zeitungsausschnitte, der ausführliche Briefwechsel mit Freunden und Feinden und die zahlreichen Fotos – eine lebendige Zeitgeschichte des jüngsten und jüngeren Theaters aus der Perspektive seiner Macher und seiner Gegner, gebündelt in einer Person, die trotz allem weiterarbeitet "in einer Welt, wo Träume und Anarchie wenig Platz haben und wo es töricht erscheint, Träume zu haben, wo materielles Denken und Profit die Politik bestimmen und die Kunst leicht konsumierbar geworden ist und die Künstler auf den Unterhaltungssektor abkommandiert werden sollen": Das ist dieses Buch. Es entwirft eine Welt, so die unausgesprochene Botschaft, in der man auf einen wie ihn eigentlich nicht verzichten könne. "Ich bin ab 2017 frei", verkündete er vor einem Jahr in einem Interview, das er der "WAZ" gab. "Ich komme nach Bochum zurück und bringe den Haußmann und den Hartmann mit. Dann kommen drei Männer und retten das Bochumer Schauspielhaus vor dem Untergang." Aber das tut ja schon Johan Simons. Peymann wird sich eine andere Wirkungsstätte suchen müssen. 80 ist schließlich kein Alter.

 

Claus Peymann – Mord und Totschlag
hrsg. von Jutta Ferbers, Anke Geidel, Miriam Lüttgemann und Sören Schulz. Alexander Verlag Berlin, 536 Seiten, ca. 300 Abb., 26 Euro.

Kommentare  
Mord und Totschlag: Buchvorstellung
Eindrücke von der Buchvorstellung:

In einer amüsanten szenischen Collage lasen die drei langjährigen Weggefährten in verteilten Rollen bei einer Matinee am 3. Advent Texte aus Claus Peymanns langem Theaterleben. Je nach Lebensalter weckt es bei den Zuhörern nostalgische Erinnerungen oder dient als launig-informative Theater-Geschichtsstunde.

Oft wird das BE von der Berliner Kritik als angestaubtes Theatermuseum geschmäht, das in einer altbackenen Ästhetik erstarrt sei. Peymann habe seine Ankündigung, „Reißzahn“ im Regierungsviertel sein zu wollen, die er 1999 in einem seiner Interviews machte, zu selten eingelöst.

Jahrzehntelang kam die Kritik aus einer ganz anderen Richtung. Peymann galt als Bürgerschreck, seitdem die „Publikumsbeschimpfung“ am Frankfurter TAT ihn und Peter Handke zu Jungstars gemacht hat.

Die beiden verbindet bis heute eine enge künstlerische Beziehung, im Frühjahr brachte Peymann zum 11. Mal einen Handke-Text zur Uraufführung: die mystisch-traumverlorene Sinnsuche „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“.

Eingespielte Aufnahmen von den Emotionen, die vor allem die „Heldenplatz“-Inszenierung (1988) auslöste, Zitate von Elfriede Jelinek und Thomas Bernhard, der ihn damals aufforderte, eine Fahne mit dem Slogan „Mord und Totschlag“ über dem Burgtheater zu hissen, und polternde Bemerkungen in einem ZEIT-Interview, die in Wien für einen Eklat sorgten, lassen auch für alle, die nicht dabei waren, diese spannenden Jahre lebendig werden.

Kompletter Text: https://daskulturblog.com/2016/12/11/mord-und-totschlag-claus-peymann-jutta-ferbers-und-hermann-beil-lassen-in-szenischer-lesung-theatergeschichte-revue-passieren/
Mord und Totschlag: spannend
Ich habe am 2. Weihnachtstag viel Zeit mit diesem Buch verbracht. Es ist spannend, besonders für Leser mit Interesse an Theatergeschichte. Gerade über die Zeit in Stuttgart und über die Anfangsjahre der Schaubühne wusste ich nicht so viel wie über das, was seit den 80ern geschah.
Zudem ist es eine ernsthafte Auseinandersetzung über das Theater der Gegenwart, in der nicht nur Peymanns Sicht bestehen darf. Sein Gespräch mit René Pollesch ist höchst erfrischend, weil es die komplett unterschiedlichen Blickwinkel von zwei Alphatierchen zeigt.
Schön, dass es das Buch gibt.
Mord und Totschlag: Handschmeichler
Ich kann mich Herrn Waßmann nur anschließen. Ein spannendes, humorvolles und interessantes Buch, das auch für Peymann-Fans neue Zusammenhänge und Einblicke bieten kann.

Was ich noch hinzufügen möchte, ist: Ich finde es auch vom Layout her, von der ganzen Gestaltung angenehm und leserfreundlich. Man nimmt es einfach gerne zur Hand und liest darin.
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