Ewigkeit zum Greifen nah

von Georg Petermichl

Wien, 6. Mai 2008. So sehr man’s erwarten würde: Er hebt sich einfach nicht empor, der linke Arm von Schauspieler Markus Meyer. Kein einziges Mal während der 65 Minuten von Tim Crouchs "Mein Arm" wird diese inhaltlich so zentrale Geste auch Bühnenwirklichkeit im Vestibül des Wiener Burgtheaters. Und das, obwohl der selbstgemachte Krüppel direkt vor dem Publikum stehen soll. Er schildert sich als zehnjährigen Querkopf, der beschloss, seinen linken Arm in die Höhe zu recken, erzählt vom Gefallen, den er an dieser Einzigartigkeit fand: Sein Triumph gegenüber Normalos.

Dann resümiert er dessen physische Unumkehrbarkeit. Tja, jetzt – dreißig ereignisreiche Jahre später – wartet er eben als Star der internationalen Kunstszene aufs Ende seiner vorbestimmten Verfaulung. Diese Entkoppelung von Inhalt und Form – von erzähltem körperlichem Horror und performativer Unbedarftheit – ist es, die der Geschichte ihre Krux verleiht: Sämtliche Bedeutungsarbeit hat sich auf leisen Sohlen von der Bühne gestohlen, sich ihren Weg hinein ins Persönlichkeitsuniversum der Besucher gebahnt. Medizinische Gruselberichterstattung, soziokulturelle Fingerzeigwirtschaft, oder gar eine Unterhaltungsmaschine? – Die Entscheidung wird dem Publikum überlassen.

Ein Meister, der sich den Lauf der Dinge selber macht

"Mein Arm" lädt ein, sich im doppelten Boden, den das Wort "Vorstellung" nun mal ausbreitet, zu verlieren. Es handelt sich dabei um die 29. Produktion der "Spieltriebe", die seit 2002 dem eigenen Regienachwuchs hochkarätige Schauspieler und die Protobühnen des Burgtheaters, sei’s nun die Burg-Kasino Bar oder das Vestibül im Haupthaus, für selbst gewählte Stoffverarbeitungen bereit stellen. Das große Bundestheater hat es so geschafft, in der Klientel der Wiener Off-Theaterbranche zu wildern. Diesen Abend nun hat Anik Moussakhanian inszeniert, die zuletzt die Regieassistenz für Mark Ravenhills themenverwandtes Stück "Pool (kein Wasser)" im Akademietheater übernahm.

Leider hat ihr Crouch für seinen Erstling (2003 am Edinburgh Festival Fringe, 2004 im Nationaltheater Mannheim) akribisch genaue Bühnenanweisungen diktiert: ein Tisch, ein Stuhl, ein Schauspieler, plus ein wenig Kleinod, das er einzelnen Zusehern abnehmen soll. Eine Videokamera ist mit einem Monitor verbunden. Auf dem Screen verfolgt man in Echtzeit, wie die muskelbepackte Actionfigur, die bald den legendären Arm in die Höhe gerissen hat, mit ihrer sozialen Umwelt in Beziehung tritt: Mit der Mutter – zunächst eine Radrückleuchte, die sich im Gram um den Sohnemann sofort zur Hautcreme einer Sitznachbarin verwandelt. Mit dem Vater, dem Klebestreifenhalter, der einer zehnjährigen Actionfigur Vernunft einprügeln möchte. Mit dem brüderlichen Apfel, der den Weg in die Berliner Kulturszene vorreitet, und schließlich, in der sozialpolitischen Agitationskunstwelle stecken geblieben, den unweigerlichen Aufstieg seines "einzigartigen" Bruders verfolgt. Schließlich gäb’s da noch die Sonnenbrille Simon mit der Aufgabe, dem Actionhero zu internationaler Künstlerehre – einem würdevollen Untergang sozusagen, und sich selbst zu einer Traumgage zu verhelfen.

Künstlerische Arbeit an der biologischen Grenze

Über diesem Lauf der annektierten Dinge thront ein souveräner Markus Meyer. Seine gutmütigen, glänzenden Augen paaren sich mit einem unverrückbar neutralen Erzählduktus und strahlend-lässigem Vortragsgebaren. Sollte diese Hauptfigur jemals ein peinvolles Leben durchschritten haben, sie hat damit vor langer Zeit schon Frieden geschlossen. Einzig, wenn Meyer die Leidensgenossen aus der psychiatrischen Anstalt mittels Portraitfotos aus der Erinnerung zupft, dann werden seine Finger spitz und besonders behutsam. Von persönlicher Entrüstung ist aber bei all den zitierten Tiefschlägen, den Entbehrungen, den Versöhnungs- und Lebensversuchen und den detaillierten medizinischen Abbaubeschreibungen nicht mal ein Stirnrunzeln geblieben.

All das ist formidabel erschaffen worden, und trotzdem liegt unter Tim Crouchs selbstzufriedenem Außenseiter ein ausgesprochen unattraktiver Hund begraben: Der Stoff könnte eine radikale Kontemplation über biologische Grenzen persönlicher Freiheit sein, wenn er nur dafür geschrieben wäre. Stattdessen rast ein intelligent zusammen gebasteltes Stück völlig haltungs- und moralfrei einem Ende als erschütternde Lachnummer entgegen. Und morgen in der Modewelt, können wir zum Beispiel Bulimie-erkrankten Supermodels, gerne auch verdinglicht, beim geldgepolsterten Abrutsch in die Unendlichkeit zujubeln.

 

Mein Arm
von Tim Crouch
Regie: Anik Moussakhanian, Ausstattung: Aurel Lenfert, Video: Christoph Graf.
Mit: Markus Meyer.

www.burgtheater.at

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=FZpx-DEJRDo}

 

Kritikenrundschau

Unter der Überschrift "Die Kunst auf den Arm genommen" schreibt Helene Kurz in der Wiener Zeitung (8.5.2008), das Stück "besticht durch eine einfache, pathosfreie Sprache. Ohne Partei zu ergreifen, erzählt Crouch die ungewöhnliche Lebensgeschichte des willensstarken Burschen und übt ganz nebenbei Kritik am Kunstbetrieb." Markus Meyer wiederum erzähle die "Geschichte des Armhebers" durchaus "lustvoll, lebendig und ein bisschen spitzbübisch": "Lässig steht er da, in Jeans und Trainingsjacke, und brabbelt einfach darauf los." Regisseurin Anik Moussakhanian frage in ihrer Interpretation "nicht nach dem Warum, sondern nimmt sowohl gesellschaftliche Normen als auch die Kunstszene – sprichwörtlich – auf den Arm. Im Vordergrund steht das Erzählen der schrägen Geschichte, und dabei setzt Moussakhanian voll und ganz auf Meyers schauspielerisches Talent." Und die Bühne sei zwar "ein simples Konzept, aber es funktioniert".

 
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