Der Tod lauert in der Damentoilette

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 2. Februar 2017. Kurt Palm und das Linzer Theater Phönix, sie haben eine gemeinsame Geschichte. 2009 war Linz Kulturhauptstadt Europas, und viele freie Kulturschaffende waren damals vor den Kopf gestoßen, weil sie sich viel zu wenig eingebunden fühlten ins offizielle Programm. Damals hat man den Schriftsteller und Theatermann Kurt Palm (in Österreich eine erste Adresse für Satire in Faustschlag-Dimension) ins Theater Phönix eingeladen, ein möglichst ätzendes Stück zu schreiben.

Ein Abend mit Vorgeschichte

So entstand "Der Zwerg ruft". Der Intendant der Kulturhauptstadt-Aktivitäten und der Folk-Pop-Musiker Hubert von Goisern, der sich für die PR hatte einspannen lassen, bekamen ihr Fett ab, so wie die Linzer selbst. Kurt Palm ließ damals im Linzer Wahrzeichen, der Märchengrottenbahn, nicht nur Schneewittchen, sondern auch Hitler auferstehen. Der Führer hielt auf Linz ja einst große Stücke – und die Linzer auf ihn. Linz hätte sogar NS-Kulturhauptstadt dieses Teils des Dritten Reichs werden sollen. Kurt Palms "Der Zwerg ruft" ist 2008/2009 in Linz und der näheren Umgebung zum Kultstück geworden. Kritischere Geister notierten freilich eine gewisse Harmlosigkeit.

Das alles ist noch keine geraden zehn Jahre her. Der Jubiläumsgedanke scheidet also als Motiv aus, warum das Theater Phönix die damalige Crew jetzt nochmal ranlässt: Die drei Wiener Volksschauspieler Ferry Öllinger, Karl Ferdinand Kratzl und Georg Lindorfer waren damals die Zwerge. Für das nun uraufgeführte neue Stück "Ein Sommernachtstraum oder Badewannengriffe im Preisvergleich" sind die drei Kupfermuck'n-Verkäufer (so heißt die Linzer Obdachlosenzeitung) zu Möchtegern-Schauspielern mutiert.

EinSommernachtstraum1 560 Christian Herzenberger uFrüher Zwerge, heute Sandler: Georg Lindorfer, Ferry llinger, Karl Ferdinand Kratzl
© Christian Herzenberger

Einer von ihnen möchte bei einem Odachlosen-Theaterfestival mit dem "Sommernachtstraum" reüssieren. Die anderen beiden Tollpatsche können mit Theater im Allgemeinen und mit Shakespeare im Besonderen ganz wenig anfangen. Schlechte Voraussetzungen also, wenn auch das Setting – ein kommunistisches Vereinslokal, wo sich auf jedem Einrichtungsgegenstand eine dicke Staubschicht abgelagert hat, die erst weggeblasen werden will – ein durchaus anregendes Ambiente als Probenlokal abgäbe.

Die drei Obdachlosen bleiben nicht allein. In einem Prolog irrlichtern der Geist von Hamlets Vater und das Gespenst des Kommunismus. Der Tod hat mehrere Auftritte. Er kommt nicht von draußen, sondern aus dem WC ("Aus der Damentoilette, dann ist es halb so wild"). Ein aufdringlich sächselnder Herr schneit mehrmals herein und möchte eine Diaschau über Marx und Engels los werden. Man wimmelt ihn ab. Mit dem Sommernachtstraum hat Palms Stück weder dem Text nach noch atmosphärisch irgendetwas zu schaffen. Der Autor und Regisseur spricht von einer "Polit-Groteske mit volksstückhaften Elementen".

EinSommernachtstraum2 560 Christian Herzenberger uDer Plüsch-Hund kann auch nichts retten. Tom Pohl, Ferry llinger © Christian Herzenberger

Viel Stringentes ist nicht zu berichten, eher von einem kruden Sammelsurium an seichten Einfällen: Es wird gekalauert auf Teufel komm raus. Die Anspielungen auf die Lokalpolitik erreichen mehrmals das Niveau des "Villacher Faschings". Meistens bleibt aber noch Luft nach oben und es braucht schon viel guten Willen, all das wenigstens mäßig lustig zu finden. Von hintersinnig keine Rede. Sollte sich Publikum aus Westösterreich oder von noch weiter her in diese Aufführung verirren: Wiener Slang kriegt man ausgiebig mit.

Nicht uninteressant ein Blick ins Premierenpublikum: Da waren, so schien es, nicht wenige von damals, die sich seinerzeit diebisch gefreut haben, als Palm mit "Der Zwerg ruft" ein wenig gekratzt hat am damaligen Kulturhauptstadt-Establishment und der allgemeinen Linz-Euphorie. Ein solcher Anlass von außen fehlt jetzt und damit eine Begründung für das neue Stück überhaupt. Es verliert sich im luftleeren und satirefreien Raum. Die Oldies im Publikum zeigten sich dem Autor und Regisseur gegenüber am Premierenabend nicht undankbar.

 

Ein Sommernachtstraum oder Badewannengriffe im Preisvergleich
von Kurt Palm
Regie: Kurt Palm, Ausstattung: Michaela Mandel, Lichtgestaltung: Ingo Kelp, Sounddesign: Armin Lehner, Dramaturgie: Silke Dörner, Live-Musik: Hasan Ibrahim, Marco Mrčela.
Mit: Ferry Öllinger, Karl Ferdinand Kratzl , Georg Lindorfer, Tom Pohl.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-phoenix.at

 

Kritikenrundschau

"Unkonventionell und trotz einiger Längen unterhaltsam, die Absurdität des Alltags und den Mut zum seichten Schmäh gleichermaßen zelebrierend" war es für Lukas Luger. "Der kreative Freigeist Palm hat kein Stück im klassischen Sinn geschrieben, sondern eine zwischen Zeitreise-Groteske, Politposse und Volksbühne changierende Szenerie geschaffen, in der das Chaos als oberstes Ordnungsprinzip fungiert und Stringenz ein verpöntes Fremdwort ist", schreibt Luger in den Oberösterreichischen Nachrichten (4.2.2017). Dass 'Ein Sommernachtstraum oder Badewannengriffe im Preisvergleich' nicht in Löwingerbühne-Gefilde abdrifte, sei den "hervorragenden Darstellern" geschuldet. "Insbesondere Ferry Öllinger als Prolo-G'schaftlhuber Bertl und Karl Ferdinand Kratzl, der den naiven, verletzlichen Rudi mit Verve gibt, spielen sich die Seele aus dem Leib, um als 'Kitt' die (Soll-)Bruchstellen in Kurt Palms Stück zusammenzuhalten." Über weite Strecken gelinge ihnen dies auch.

"Das aus dem Geiste des Sozialismus entwickelte wilde sozialkritische Spintisieren nach der Trashtheatermethode der frühen Nullerjahre hat Zugkraft. Auch wenn die kabarettistischen Pointen ('Buongiorno' – 'John Porno') ein wenig schwächeln", schreibt Margarete Affenzeller in Der Standard (6.2.2017). Die Besonderheit des Abends liege im versöhnlichen Ineinanderschieben verschiedener Perspektiven. "Nicht nur finden Kärntner mit syrischen Liedern zusammen, werden oberösterreichische Religionskriege (Frankenburger Würfelspiele) in heutigen gespiegelt. Sogar einer wie der trinkfreudige Lindi bekennt sich irgendwann dann doch zu 'Palatschinken nach den fünf Elementen'. Geht doch!"

 
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