Nebel im Flachland

von Alexander Kohlmann

Hamburg, 3. Februar 2016. Der schönste Effekt verpufft schon ganz zu Beginn. Da öffnet sich der durchsichtige Vorhang nicht einfach, sondern wird wie von einem gigantischen Staubsauger regelrecht nach innen weggesogen, spannt sich kurz, bevor er aus seiner Verankerung reißt und im Nichts verschwindet. Dahinter, auf der riesigen Bühne des Deutschen Schauspielhauses wabern Nebelschwaden.

Und dieser Nebel ist der vielleicht wichtigste Darsteller des Abends. Denn er lebt, wandelt von links nach rechts, türmt sich bedrohlich auf und greift in einem Augenblick wie eine gigantische Hand nach den Zuschauern in den ersten Reihen.

Das Auge Gottes?

Durchdrungen werden die Schwaden nur von den Scheinwerfern eines metallenen Halbrunds, das ganz oben erst ziemlich regungslos verharrt und dann zunehmend lebendiger hin- und her fährt. Später leuchtet ein einzelner, ferngesteuerter Verfolger aus dem Raumschiff auf die Erde hinab. Das Auge Gottes? Jedenfalls verfolgt er das Treiben der Schar von Menschen, die da unten, ganz klein, ihre Kreise ziehen.

Denn Menschen gibt es auch noch, in der effektvollen Bühneninstallation von Ingrid Lausund und ihrem Team. Auf der sich langsam bewegenden Drehbühne tauchen er und seine Mitstreiter aus den Fängen des Nebels auf, laufen kurz an der Rampe entlang, verschwinden auf der anderen Seite wieder, um nach einem unsichtbaren Umzug im Off erneut von links aufzutreten. Fast die ganze Zeit geht das so, der Zug der "Unschuldigen, an der Landstraße", obwohl, das ist ein anderes Stück ...

Körperformen, Fettpolster und Lebenslügen

Es sind Menschen, soviel ist Konzept, die sich erst noch formen und entwickeln. Am Anfang laufen sie fast nackt, das heißt, sie stecken in Körperanzügen – und wandeln im Kreis. Runde um Runde tragen sie mehr Kleidung und Charakter, entwickeln ihren eigenen ganz speziellen Gang, Körperformen, Fettpolster und Lebenslügen. Ganz zu Beginn begehren einige noch gegen ihr vorgegebenes Schicksal auf. "Was soll ich mit so einen Hut", heißt es da, "wie ein Mitte-Fünfziger sehe ich damit aus". Oder: "Warum ist mein Körper so aus den Fugen, echt jetzt, meint ihr das ernst?"

Trilliarden1 560 Klaus Lefebvre uSie sind unzufrieden mit sich und der Welt: Michael Weber, Bastian Reiber, Karoline Bär, Angelika Richter, Michael Wittenborn © Klaus Lefebvre

Doch Widerspruch ist nicht erlaubt im Angesicht der kosmisch-nebeligen Macht. "Ja, ich bin fünfzig, alles ziemlich schnell vorbeigezogen", heißt es einsichtsvoll. Mit hängenden Schultern und braunem Pullover trägt der unglückliche Mensch fortan die Bürde eines nicht-gelebten Lebens. Ein junger, sehr von sich und seinem perfekten Körper eingenommener Mann mit blauem Shirt entdeckt dagegen erst im Rundlauf des Abends seine Angst vor dem Tod. Plötzlich verliert er seine selbstbewusste Haltung, die eigene Unbesiegbarkeit und den Glauben daran, dass ihn das alles nichts angehe. "Nur eine von Milliarden Zellen muss durchdrehen, dann war es das", heißt es jetzt. Oder: "Selbst wenn ich drei Jahre älter werde, als der älteste Mensch jemals, habe ich nur noch soundsoviel tausend Tage zu leben, das ist nichts!"           

Da ist kein unergründlicher Gott am Werk

Unter ihrem Pseudonym Mizzi Meyer untersucht die Regisseurin in den Drehbüchern der Comedy-Serie Tatortreiniger allzumenschliche Abgründe. Auch Hauptdarsteller Bjarne Mädel steht mit auf der Bühne. Kleine und große Katastrophen ziehen mit ihm und seinen Mitstreitern vorbei – und die größte Katastrophe ganz am Ende haben alle immer vor Augen. Trotzdem lassen einen die erfundenen Schicksale seltsam kalt. So schön der sich türmende Nebel anzugucken ist, so bedeutungsschwanger die Spots auch strahlen, viel zu leicht ist das dahinter wie ein Uhrwerk ablaufende Konzept zu durchschauen. Da ist kein unergründlicher Gott am Werk, sondern eine ziemlich simple Schauspiel-Dramaturgie. Und ziemlich viel Philosophie für Anfänger: Warum glauben Menschen? Warum suchen sie sich einen Gott? Wie umgehen mit der eigenen Sterblichkeit?  

Trilliarden2 560 Klaus Lefebvre uKeine Hoffnung? Karoline Bär, Michael Weber, Michael Wittenborn, Angelika Richter, Bjarne Mädel
© Klaus Lefebvre

Und so bleibt dieser Abend mit all seinem schönen, visuellen Aufwand irgendwo in der ersten Stunde einer fünfstündigen Sebastian Hartmann-Performance stecken. Oder mittendrin in einer halbgaren "Helden des Alltags"-Erzählung von Rimini Protokoll. Es fehlt die existentielle Kraft, die Sogwirkung, die die Droge Theater mit derartigen Themen durchaus entwickeln kann – oder einfach nur ein Clou, ein Pfiff, ein Einfall, der über den nach wenigen Minuten erkennbaren Fahrplan an der Landstraße bei Hamburg hinausweist.

Dafür lesen am Ende alle an der Rampe aus ihren Textbüchern die Hassparolen der Fanatiker auf deutschen Straßen vor, die, schon klar, alle auch irgendetwas zum Glauben suchen. Wenn sich der Nebel endlich verzieht, kann das Land, das in Hamburg zum Vorschein kommt, ganz schön flach sein.

 

Trilliarden. Die Angst vor dem Verlorengehn
von Ingrid Lausund
Uraufführung
Regie: Ingrid Lausund, Bühne und Kostüme: Beatrix Von Pilgrim, Musik: Remy Savisky, Dramaturgie: Rita Thiele, Licht: Susanne Ressin, Ton: André Bouchekir, Matthias Lutz, Video: Alexander Grasseck, Peter Stein.
Mit: Karoline Bär, Juliane Koren, Bjarne Mädel, Bastian Reiber, Angelika Richter, Michael Weber, Michael Wittenborn.
Chor: Georg Bochow, Laura Louisa Göllner, Magdalena Huhn, Gunnar Frietsch, Immanuel Johannes Klein, Jana Koch, Timotheus Maas.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Den Schauspielern zuzuschauen ist ein Vergnügen", lobt Heide Soltau vom NDR (4.2.2017) Jedoch: "Ingrid Lausund hat zwar viele Ideen ­– etwa die choralartige Musik, die von einem Chor gesungen wird ­–, aber mit dem großen Schlussmonolog über die Seele hat sie sich übernommen." Er nehme ihrem Stück die Leichtigkeit.

"Die Qualität der Tatortreinigerei ist ja auch, dass es relativ spitze und gut zugeschärfte Dialoge gibt, hier gibt es keinen einzigen", sagt Michael Laages im Deutschlandradio Kultur Fazit (3.2.2017). "Es sind nicht traurige Dinge, es sind nicht verzweifelte Monologe, die da ineinander verschränkt sind, sondern es ist das Nachdenken darüber, wo ist der Punkt, wo ich nicht weiter kann und wo mir auch sonst niemand weiterhilft." Nicht so überzeugt ist Laages von der "relativ schwachen Inszenierung, das ist tatsächlich diese eine Grundsatzidee, im Kreis laufen, gut beleuchtet im Kreis laufen, im Nebel, und das ist aber eigentlich auch schon alles." Es sei "szenisch relativ unergiebig, es ist auch dramatisch nicht im Ernst irgendwie, dass da ein Spannungsbogen wäre oder so was."

Die Figuren seien "Abziehbilder, aber erstens schaffen es die durchgängig erstklassigen Schauspieler, auch der ärgsten Schießbudenfigur Leben einzuhauchen. Und zweitens ist Lausunds Text stark, weil er auch noch im billigen Kalenderspruch todesphilosophische Tiefe erkennen lässt", schreibt Falk Schreiber im Hamburger Abendblatt (4.2.2017). Jedenfalls schnurre das Stück "angenehm im Kreis", seine "Achillesferse: Wirklich seriös können wir nichts über den Tod sagen, wir wissen schlicht nichts. Das ist ehrlich, aber es ist auch müßig."

"Der erste Teil ist pointiert kurzweilig und absurd, der zweite fundamental bekenntnishaft", schreibt Monika Nellissen in der Welt (5.2.2017). Die Figuren anzuschauen und anzuhören machd großes Vergnügen, "auch, weil hinter dem Oberflächenwitz oft Hintersinn und Tiefsinn versteckt sind. Und doch mag man diesen Individuen weder Mitleid, noch sonst wie Empathie entgegenbringen." Ihr existenzielles Ringen, ihre Angst vor dem Verlorengehen flögen wie die Nebelfetzen vorbei.

Katrin Ullmann schreibt in der taz (11.2.2017): So "klischeehaft" Lausunds Figuren gezeichnet seien, so "selbstkritisch" stellten sie ihre "unfreiwilligen Typisierungen" infrage. Man schmunzele über die "ein oder andere Pointe", die "witzig geschriebenen, (aber zu langen) Monologe" und die "guten (aber leider unter ihren Möglichkeiten bleibenden) Schauspieler". Doch mehr geschehe dann auch nicht. Auch sei dies kein dringlicher Text, nach der ersten Stunde entgleite der Abend "zunehmend ins Betuliche und Banale".

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