Tischtennis statt Engagement

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 4. Februar 2017. Die Abstraktionen, auf die Anselm Weber zuletzt bei den Bochumer Uraufführungen von "Richtfest" und Wunschkinder, zwei früheren Arbeiten von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, gesetzt hat, sind nicht Sönke Wortmanns Sache. Eine weitgehend leere Bühne entspräche auch kaum den visuellen Ideen und Vorstellungen eines Filmemachers. Wortmann hat sich also, durchaus erwartungsgemäß, für einen leicht überhöhten Realismus entschieden und gibt dem Publikum erst einmal reichlich zu schauen.

Sein Bühnenbildner Florian Etti hat die kleine Bühne der Düsseldorfer Ausweichspielstätte in den gemeinsamen Wohnbereich einer luxuriösen WG verwandelt. Hier fehlt nichts, weder die weiße Küche mit Espressomaschine im Hintergrund, noch der Fahrstuhl, der direkt in die Wohnung führt. Es ist Platz für einen großen Esstisch, eine Tischtennisplatte und eine Hängematte, in die sich die WG-Bewohner gerne fallen lassen, um ihre Wunden zu lecken.

willkommen1 560 matthias horn uKrisensitzung in der WG: Sonja Beißwenger, Moritz Führmann, Cathleen Baumann, Sebastian Tessenow © Matthias Horn

Die Botschaft dieses eindrucksvollen Bühnenarrangements ist offensichtlich. Geld ist nicht das Problem der Menschen, die hier gemeinsam wohnen. Das liegt eher schon in ihrem Selbstbild, diesem forcierten unangepassten und alternativen Auftreten. Der Ärger im Paradies lässt auch nicht lange auf sich warten. Benny wird für ein Jahr als Dozent nach New York gehen und schlägt vor, sein Zimmer für diese Zeit geflüchteten Menschen zu überlassen.

Ein Akt der Großzügigkeit und des Engagements, der ihn allerdings nicht viel kostet. Entsprechend sind dann auch die Reaktionen seiner Mitbewohner. Außer Sophie, deren Vater die Wohnung gehört, kann sich keiner für diese Idee begeistern. Doro, die Älteste in der WG, macht aus ihrer tiefen Abneigung gegen arabische Männer keinen Hehl. Der Banker Jonas fürchtet um seine Ruhe. Und die Studentin Anna hatte sowieso einen ganz anderen Plan. Sie ist schwanger und hofft, dass ihr neuer Freund Achmed, ein deutsch-türkischer Sozialarbeiter aus dem Ruhrgebiet, Bennys Zimmer bekommt.

Heuchlerische Idealisten, zynische Realisten

Die fünf WG-Bewohner und der von außen kommende Freund, der als Deutschtürke seine ganz eigenen, nicht gerade liberalen Ansichten über Geflüchtete hat, sind die üblichen Figurenschablonen, mit denen Hübner und Nemitz schon seit Jahren arbeiten: heuchlerische Idealisten und zynische Realisten, die noch jede gute Idee in Grund und Boden reden. So war es schon in "Richtfest" und "Frau Müller muss weg", um nur zwei ihrer früheren Stücke zu nennen.

Aber wie diese Figuren reden, hat natürlich Pointen-Potential, vor allem wenn ein Regisseur die zugespitzten Dialoge derart beschleunigt wie Sönke Wortmann. Da haben dann Cathleen Baumanns immer leicht vulgäre Doro und Serkan Kayas raumgreifender Sozialarbeiter, der seine Schützlinge mit größter Selbstverständlichkeit "Kanaken" nennt, mit ihren politisch inkorrekten Bemerkungen die Lacher auf ihrer Seite.

willkommen2 560 matthias horn uEin rasantes Spiel. Cathleen Baumann, Moritz Führmann, Sebastian Tessenow, Sonja Beißwenger © Matthias Horn

Das rasante, fast absurde Tempo der Inszenierung relativiert die "Das darf man doch wohl auch mal sagen"-Haltung einiger Figuren tatsächlich ein wenig. Wortmanns Ensemble nimmt überhaupt die Klischees des Textes derart ernst, dass der Betrachter wiederum kaum auf die Idee kommt, sie ernst zu nehmen. So spielt Yohanna Schwertfeger die verhuschte, meist verängstigt und unsicher wirkende Studentin im Schlabberlook mit so viel Verve, dass sie glatt als liebevolle Karikatur durchgeht.

So sind sie eben

Sonja Beißwenger geht sogar dermaßen in der Rolle der leicht hysterischen Photographin und Idealistin auf, dass man fast – aber nur fast – vergisst, dass Sophie von Bennys Vorschlag so begeistert ist, weil sie sich ein neues Kunstprojekt von den Geflüchteten verspricht. Aber so sind sie eben, diese ewig weltverbessernden Künstler-Typen, ruft einem der Stücktext dann allerdings doch noch hinterher.

Für die Schauspieler ist dieses ständige "So sind sie eben!", das Hübner und Nemitz zum Prinzip ihrer Dramen erhoben haben, natürlich ein Fest, oder vielleicht sollte man lieber sagen eine Art Bühnen-Kindergeburtstagsparty. Sie können wie Sebastian Tessenow als leicht spießiger Banker Jonas befreit aufspielen, ohne sich Gedanken über Psychologie zu machen. Es reicht auf das reiche Reservoir alter und neuer Klischeevorstellungen zurückzugreifen.

Und das gelingt auch Moritz Führmann vorbildlich. Sein Benny ist so schlaff und wetterwendig, so bemüht progressiv und so egozentrisch, wie man sich einen wohlmeinenden, aber gänzlich prinzipienlosen Intellektuellen nur ausmalen kann. Seine hochfliegenden Ideen sind natürlich nichts als heiße Luft. Aber es ist schon amüsant zu sehen, wie Führmann die produziert.

Ping Pong als Lösung

Nur können selbst das perfekte Timing der Inszenierung und ihr beherzter Umgang mit den Klischees des Textes einen letzten Rest Unbehagen nicht tilgen. Im Programmheft fordern Hübner und Nemitz mehr Pragmatismus von den Deutschen und wollen sich so gegen den gegenwärtigen gesellschaftlichen Rechtsruck positionieren. Ihnen schwebt ein sachlicher, unaufgeregter Diskurs im Umgang mit den großen Problemen der Zeit vor. Da kann es dann eine Möglichkeit sein, Bennys Zimmer nicht zu vermieten und stattdessen dort die Tischtennisplatte aufzustellen. Wirklich gelöst wird so zwar nichts, aber erst einmal sind alle glücklich.

Zumindest ist damit in Hübners und Nemitz’ Augen das Wichtigste vollbracht: Ihre Figuren lassen sich, wie es in dem Programmheft-Text heißt, "von keiner Hysterie anstecken". Doch reicht das tatsächlich? Schließlich hat das Stück zuvor jede Form von linkem oder liberalem Denken als kindische und letztlich nicht einmal ernst gemeinte Weltverbessererspinnerei desavouiert. Ein Schuft, wer glaubt, dass das AfD-Sympathisanten und Pegida-Anhängern am Ende in die Hände spielt.

 

Der Text wurde am 5. Februar um 11:00 Uhr aktualisiert.

 

Willkommen (Uraufführung)
von Lutz Hübner und Sarah Nemitz
Regie: Sönke Wortmann; Bühne: Florian Etti; Kostüm: Annegret Stössel; Licht: Christian Schmidt; Dramaturgie: Frederik Tidén.
Mit: Sonja Beißwenger, Cathleen Baumann, Yohanna Schwertfeger, Moritz Führmann, Sebastian Tessenow, Serkan Kaya.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.dhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Heute wird nicht mehr real existierendes Elend auf die Bühne gehoben, um die soziale Frage zu stellen, wie in Gerhart Hauptmanns Tagen", holt Dorothee Krings in der Rheinischen Post (6.2.2017) aus. "Die Gesellschaftsdramatiker der Gegenwart blenden in die Dialoge der prekär beschäftigten Mittelschicht, um deren Selbstbetrügereien zu studieren." Natürlich lebe das von Klischees. "Und Hübner/Nemitz machen es sich gelegentlich arg einfach, wenn sie die Positionen der wohlmeinenden Engagierten der Lächerlichkeit preisgeben. Über Gutmenschen wurde eigentlich schon genug gelacht", so Krings. "Wortmann hält nicht dagegen, riskiert keine Brüche, inszeniert glatt und gefällig. Sein Theater soll den Zuschauer möglichst widerstandslos in die Geschichte ziehen, wie in einen Film, keine kritischen Distanzen schaffen, keine Irrationen." Am Ende sei "Willkommen" kein Stück über Flüchtlinge, sondern über deutsche Befindlichkeiten. "In Zeiten dauernder Polarisierung wirkt der satirische Ton fast versöhnlich. Immerhin wird noch gemeinsam gelacht."

"Das Thema 'Willkommenskultur' als Startrampe für eine veritable Komödie, das hat was", schreibt Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (6.2.2017). "Denn wie im richtigen Leben geraten auch auf der Bühne die guten Vorsätze mit menschlichen Schwächen, offenen Rechnungen und allen erdenklichen Egoismen in Konflikt." Man könne den Text des Autorengespanns Lutz Hübner und Sarah Nemitz kaum hoch genug schätzen, so Krumbholz: "Nicht allein, dass fast jeder Satz eine Pointe ist (...), beginnend mit einer genauen Kenntnis des Milieus (...) und einer triftigen Figurenzeichnung (…) – vor allem bewähren Hübner und Nemitz sich im undurchdringlich gewordenen Dschungel der politischen Korrektheit." Dass ausgerechnet ein Türke der zweiten Generation zum Kronzeugen einer Abwehr des "Gutmenschentums" werde, sei heikel - "aber so, wie Hübner / Nemitz es erzählen, eben auch absolut plausibel". Sönke Wortmann habe das Ganze "genregerecht inszeniert, in einem von Florian Etti realistisch gestalteten Loft mit Ikea-Küche und Egg-Chair. Die Blicke-Regie, hier von maßgeblicher Bedeutung, funktioniert perfekt."

Was Wortmann und seinen Darstellern gut gelinge, sei das Komödientiming und die Pointensicherheit der Dialoge, so Ulrike Gondorf in Deutschlandradio Kultur (4.2.2017). "Und eigentlich lohnt das ja schon das Stück: ein Thema, das sonst düstere Propheten auf den Plan ruft, die wahlweise den Untergang des Abendlands, der Demokratie, des Rechtsstaats oder des Wohlstands heraufbeschwören, erlebt man als Komödie. Das heißt, aus der Distanz, mit klarem Kopf und mit Vergnügen an den Widersprüchen, die einen sonst beängstigen."

"Ein Edelboulevardstück, in dem auf intelligente Weise klar wird: Es gibt keine einfachen Antworten auf komplexe Sachverhalte", beschreibt Dorothea Marcus den Abend im Deutschlandfunk (5.2.2017). Das Stück schaffe es tatsächlich, auf den Punkt zu bringen, in welcher Zwickmühle sich die deutsche Gesellschaft befinde. "Weder das Pegida-Getöse noch die vermeintlich linke Problem-Ausblendung werden der neuen deutschen Wirklichkeit gerecht." Sönke Wortmann inszeniere pointensicher und souverän. Einzig: "So gut der Abend zugespitzt sei, so altbekannt ist sein Fazit: letztlich will jeder doch nur seine eigene Haut komfortabel retten."

Sönke Wortmann inszenierte modernes Boulevard, kurzweilig, bissig und charmant. "Der Mittelschicht aufs Maul geschaut", so Anna Brockmann in der Westfälischen Rundschau (5.2.2017). Hübner erzähle eine kleine gemeine Geschichte, die Wortmann mit Herz, Witz und tollen Typen umsetze. "Die WG der selbstverliebten Yuppies spielt famos."

"'Willkommen' simuliert eine Bedeutung, die es nicht ansatzweise ausfüllt: Die Frage eines respektvollen Zusammenlebens wird auf das Problem eines familiären Zusammenwohnens verengt – als könnte das eine für das andere stehen. Statt sich auf Konflikte einzulassen, werden Gutmenschentum und pragmatischer Egoismus belacht und 'entlarvt'", moniert Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.2.2017). Das gesellschaftspolitische Thema werde verharmlost, indem die Komödie so tue, "als ließe es sich auf Wohnküchenformat herunterbrechen".

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