Selbstbilder aus Mehrheitskroatien

von Ralf-Carl Langhals

Heidelberg, 8. Mai 2008. Seit einiger Zeit leistet sich der Heidelberger Stückemarkt die Präsentation eines europäischen Gastlandes. Mit einem kleinen Autorenwettbewerb, Podiumsdiskussionen sowie Gastspielen mit Stücken von Gegenwartsautoren. Mit dem Gastland Kroatien und der als Stücke- und Autoren-Scout fungierenden Suhrkamp-Autorin Jagoda Marinić taten Intendant Peter Spuhler und Schauspieldirektor Axel Preuß heuer einen besonders guten Griff.

Wieviel sich in Kroatien jenseits der überwiegend traditionspflegenden Nationaltheater in Zagreb, Rijeka, Split und Osijek tut, konnte man etwa in Rene Medvešeks "Tür an Tür" ("Vrata Do") vom Jungen Theater Zagreb erleben. Vierzehn Schauspieler räumen hektisch den üblichen Fundus-Proben-Trash einher, Reporterin und Kameramann sind im Einsatz. Aha, da war wieder mal jemand in Hamburg oder Berlin "Theater gucken", fürchtet man schlecht nachgedengelten, nordwestlichen Langzeitgeist aus Südost. Doch manchmal findet sich eben auch im Epigonalen fast Geniales oder zumindest Originelles.

Fußball im Kopf, Phrasen im Mund

Als Autor, Regisseur und Filmschauspieler hat Medvešek seinen eigenen Rhythmus mit sicherem Gespür für Übergänge und adäquates Timing gefunden. Bei aller Verspieltheit lässt er im rechten Moment ab von der Übertreibung des Vermeidbaren, verbeißt sich nicht selbstverliebt in der Komik seiner fraglos originellen Sicht auf die "Informationsrevolution der Fernbedienung" in "Mehrheitskroatien", wo man – auch hier gibt es erfreulich wenige Typisches – mit Billigbier in der Hand auf der morschen Sitzgarnitur Fußball im Kopf und auf der Mattscheibe vor sich hat. "Ganz in der Sorge um diesen Teil Europas" salbadern Politiker, Chauvinisten und andere homophobe Misogyne rechte wie linke Ratlosigkeitsphrasen in einem einzigen medialen Unsinnssatz.

Ein düsteres kroatisches Selbstbildnis, das er in dem pseudorealen Kriminalfall um den Gymnasiallehrer Mijo P. zeichnet, der seiner Frau Jagica elf Mal in den prallen Hintern sticht, bevor Medvešek nach einer grellen Krankenhausfarce etwas unvermittelt auf der Suche nach Trost mit einer poetischen Sterbegeschichte endet. "Solingen rostfrei" ist bezeichnender Weise das einzige deutsche Wort, das fällt. Lost in Translation ist hier im Reich der umlautfreien Welt sympathisch fehlkonvertierter Übertitelung dennoch niemand. 

Erneuerung des Theaters durch Ehrlichkeit

Man sei in Kroatien auf der "Suche nach anderen Standards", heißt es in "Tür an Tür". Eine Zielsetzung, die das Junge Theater zumindest theatralisch erst mit Nataša Rajkovićs und Bobo Jelčićs  "Auf der anderen Seite" ("S Druge Strane") voll erfüllt. Ein morsches Sofa in einer Mietskaserne gibt es auch hier. Darauf in wechselnden Auftritten: Sohn mit Mutter, deren um sie werbender Nachbar und ihre spitzzüngige Freundin: "So verbringt eine durchschnittliche Frau den Abend vor dem Fernseher".

Das klingt zugegebenermaßen reichlich unspektakulär, ist aber nichts Geringeres als die Erneuerung des Theaters - man mag sie für unmöglich oder unnötig halten-, die so unaufgeregt und lakonisch um die Ecken und Kanten kommt, dass man sie anfangs schlicht als gut gespielten, mit ruhiger Hand inszenierten, pointenreich schnurrenden Text wahrnimmt. In Wirklichkeit ist es die Kreuzung theatertheoretischer Finessen unter Aufhebung der Theorie mittels des schlichten wie entwaffnenden Begriffs Ehrlichkeit. Einer, die Sarah Kane das Leben kostete, einer gespielten zwar, doch ein wenig Restdistanz muss freilich bleiben.

Der Meinung ist auch der sich gegen Mamas Küche und Umklammerung wehrende Sohn dessen Liebes- und Würgemale immer wieder unverkrampft zum Tanztheater und Tableau Vivant werden: ein Menschenknäuel auf einer abgesessenen Ost-Couch. Man will, kann nicht: lieben, ehrlich sein, aufgeben. Doch wir sind nicht in den bürgerlichen Salons von Ibsen und Tschechow, die Kirschgärten sind längst abgeholzt, die Unmöglichkeit der Aussprache ist kein Topos mehr, hier sagt man sich die schmerzenden Wahrheiten ins Gesicht – oder phantasiert es zumindest, hasst den "Blick der Opfermutter", bringt die "Nerven auf für die stupiden kleinen egoistischen Probleme".

Realistisch, trotzdem hoffnungsvoll

Es sind nicht nur Manns- und Weibs-, sondern vor allem Menschenbilder, die uns dieses absurde Realitätstheater zeigt. "Sei still und leide!" heißt es böse. Und doch tröpfelt der Abend in Ironisierung des dramaturgischen Anspruchs auf ein sanft mütterliches Ende hin: die Angst vor dem Dunkel, dem ewigen vielleicht sogar. "Wir sind am Ende. Ich gehe ab. Jetzt geht kurz das Licht aus, aber gleich wieder an." Ksenja Marinković, dieser Wonne in sich ruhender Schauspielkunst, glauben wir gerne. Es kommt auch so. Für den Moment hat sie uns nicht belogen.

Stückemarkt-Scout Jagoda Marinić schreibt über den notwendigen aktuellen Selbstanspruch kroatischen Theaters: "Es muss realistisch bleiben und trotzdem hoffnungsvoll, ein Spagat, der die Kreativität zum Äußersten zwingt." Genau das war in Heidelberg zu sehen.


Tür an Tür (Vrata Do)
von Rene Medvešek, Uraufführung
Regie: Rene Medvešek, Bühne: Tanja Lacko, Kostüme: Doris Kristić.
Mit: Katarina Bistrović-Darvaš, Ksenja Marinković, Dora Polić, Barbara Prpić, Urša Raukar, Doris Šarić-Kukuljica, Marica Vidušić Vrdoljak; Davor Borčić, Rajko Bundalo, Zoran Čubrilo, Petar Leventić, Danijel Ljuboja, Filip Nola, Jasmin Telalović.

Auf der anderen Seite (S Druge Strane)
von Nataša Rajković & Bobo Jelčić, Uraufführung
Regie: Nataša Rajković & Bobo Jelčić.
Mit: Jadranka Ðokić, Ksenja Marinković; Nikša Butijer, Krešimir Mikić. Zagrebaćko Kazalište Mladih − ZKM, Zagreb


www.heidelberger-stueckemarkt.de

 
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