Burn-out Faust

von Friederike Felbeck

Köln, 10. Februar 2017. Vier große schwarze Vögel tragen einen Sarg auf die Bühne, begleitet von einem schrägen Trauermarsch. Aus der schlichten Holzkiste kippen die Engel eine dunkelhäutige weißbärtige Puppe im Kleidchen, die sich erst einmal mit einem Blick unter den Rock versichert, ob sie Männlein oder Weiblein ist. Eine Mafia-Beerdigung ist es, bei der es zum Streit zwischen den Erben des Padrone kommt, die auch auf Hebräisch und Arabisch parlieren können. Am Ende schwatzt der renitente Außenseiter dem Alten das Schicksal eines Erdenbewohners ab. Kaum zu glauben, um wen es da geht:

Zurückgezogen, von sich und der Welt angewidert hockt Faust mit hängenden Schultern und Fluppe an einem mau beleuchteten Flügel, auf dem eine Handvoll Büsten stehen. Zynisch, depressiv, und vor allem gelangweilt. Wie Mel Gibson in dem Film The Beaver kann er nur noch anhand einer Puppe, die nur halb so groß ist wie er selbst, mit der Außenwelt kommunizieren. Während er selbst nur ein endloses "Blablabla" von sich gibt, kann er als Puppenspieler Goethes Monologe mit rollendem R und mit dem Charme eines Pennälers rezitieren, als würde Heinz Rühmann aus der Feuerzangenbowle zu uns sprechen. Allgegenwärtiges Requisit des Abends ist denn auch eine abgewetzte Reclam-Ausgabe.

Faust1 560 Thomas Aurin uFaust und Grechten: Yvon Jansen, Katharina Schmalenberg © Thomas Aurin

Moritz Sostmann, seit 2013/2014 Hausregisseur am Schauspiel Köln, hat sich in den vergangenen Spielzeiten so unterschiedliche Stücke wie Molières Menschenfeind, Brechts Der gute Mensch von Sezuan oder aber Victor oder Die Kinder an der Macht von Roger Vitrac vorgenommen. Der an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst-Busch" als Puppenspieler ausgebildete Schauspieler und Regisseur mischt, spiegelt, ergänzt oder ersetzt jeweils die Figuren mit Puppen, die von Hagen Tilp in Kalifornien gebaut und von Schauspielern des Ensembles geführt werden. In "Faust I" erhält jede Figur ihr Puppen-Alter-Ego. Alle sind identisch gekleidet, die Puppen-Familie hat eine Einheitsgröße, ihre markanten ausdrucksstarken Gesichtszüge verlieren sich indes mit den aufsteigenden Reihen der Zuschauertribüne im riesigen Depot 1, der Interimsspielstätte des Theaters im Carlswerk in Köln-Mülheim.

Nur Mephisto, der schwarze Engel, dicht und omnipräsent gespielt von Yvon Jansen, weiß durch die schwarze Wolkendecke zu Faust durchzudringen. Allein, woran der eigentlich krankt, und was Mephisto ihm zu bieten hat, der Pakt – bleibt ein Rätsel. Zu sehr bemühen sich die Schauspieler um eine Beiläufigkeit in der Sprache, zwischen Mephisto und Faust will es nicht funken, immer wieder verlieren sie sich aus den Augen. So gerät denn auch im ersten Teil der Osterspaziergang zum Höhepunkt: ein Gruppenbild aus Puppen, Spektrum einer kleinstädtischen Gesellschaft, hocken alle buchstäblich zusammen in einem Boot, "bis zum Sinken überladen", doch jeder will woanders hin, sie fabulieren, saufen und tratschen, küssen dem vorbeischlurfenden pseudo-honorigen Doktor Faust die Füße – "der letzte Kahn".

Faust3 560 Thomas Aurin uEine Bootsfahrt, die ist traurig © Thomas Aurin

Dann kommt es doch noch – das Vorspiel auf dem Theater. Nach der Pause sitzen drei modern gekleidete Puppen auf der weißen Besetzungscouch. Auf der Website des Theaters gibt es einen pfiffigen Vorgeschmack: Der Direktor heißt nun Intendant und ähnelt dem Hausherrn selbst, Stefan Bachmann. Der Dichter ist der Dramaturg und die Lustige Person ein Zwei-Tage-Bart-Regisseur. Indes die Zuständigkeiten haben sich kräftig verschoben: Die Sorge um die gemeinsame Unternehmung liegt schwer auf den Schultern des Dramaturgen, der Spaßfaktor des Publikums beim Intendanten, der Dramaturg rührt das Stücke-Ragout an. Dagegen ist die Version der Premiere eine Enttäuschung: Wagner synchronisiert die Puppen, indem er hinter sie tritt und ein wenig die Stimme verstellt. Nicht mehr als ein augenzwinkernder Hinweis auf das Fachgesimpel der Zuschauer in der Pause und ein kleines Intermezzo, bevor Sostmann zum Kerngeschäft des Abends kommt: Gretchen.

Hysterische Selbstbefriedigung

Gretchen und Heinrich passen eigentlich gut zusammen: beide spielen Klavier, leben für sich allein, introvertiert, selbstbezogen. Allein, die Verhältnisse stimmen nicht. Lange wehrt sich Katharina Schmalenberg gegen den ungeschickten Verführer, der beim zunehmend genervten Glamour-Mephisto in die Aufreißer-Schule geht. Aber während sich Faust immer mehr an seinen Flügel zurückzieht und fast drückebergerisch den Piano Man gibt, dampft Gretchen durch die verschiedenen Stationen ihres Untergangs. "Meine Ruh ist hin" komponiert sie in einem Spektrum aus Empörung und Verzweiflung bis hin zur hysterischen Selbstbefriedigung am schwarzen Corpus ihres Klaviers.

Der Liebesakt zwischen Faust und Gretchen wird von den beiden Puppen vollzogen, Gretchens Kerker ist der Ohrenbackensessel ihrer ärmlich-spießigen Herkunft. Die Rolle des lebenshungrigen Faust übernimmt am Ende der ewig Zweite, sein Adlatus, sein Nachäffer Wagner, der in die Walpurgisnacht mit Aktentasche unterm Arm bewaffnet reist und Akrobatik übt. Auch Sostmann findet viele Spuren an diesem Abend, die Aufsplittung der Figuren in Schauspieler und Puppen erschließt oft genug einen anderen Blick, eine tiefere Reflektion des Habitus, der Beweggründe, der Ziele einer Figur. Aber am Ende müssen Schätze auch gehoben werden.

 

Faust I
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Moritz Sostmann, Bühne: Christian Beck, Kostüme: Elke von Sivers, Puppen: Hagen Tilp, Musik: Philipp Pleßmann, Licht: Hartmut Litzinger, Dramaturgie: Julian Pörksen.
Mit: Philipp Pleßmann, Yvon Jansen, Katharina Schmalenberg, Guido Lambrecht, Nicolas-Frederick Djuren, Johannes Benecke, Magda Lena Schlott, Lutz Großmann, Steffi König.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schauspiel.koeln

 

Kritikenrundschau

"Bei Sostmann wird der 'Faust', wo es nur geht, gegen den Strich gebürstet. Hier wird kein Hochamt für das Drama gefeiert", schreibt Axel Hill im General-Anzeiger (13.2.2017). Philipp Pleßmann spiele die Titelpartie "mit derart lässiger Beiläufigkeit spielt, dass sein Textaussetzer in der Premiere hätte inszeniert sein können". Herausragend findet der Rezensent Katharina Schmalenberg als Gretchen. "Rotzig, selbstbewusst, eine junge Frau, die sich nimmt, was sie will, letztlich der einzige dreidimensionale Charakter des Abends."

Das spielerische Glanzstück dieses Abends ist Katharina Schmalenbergs "gründlich gegen den Strich gebürstetes" Gretchen, findet auch Christian Bos im Kölner Stadtanzeiger (13.2.2017). Ansonsten herrsche allgemeine Lustlosigkeit – und das Konzept, dass nur die Puppen agierten und zwischen den Schauspieler*innen gar nichts laufe, Faust eher Faust-Kommentar als Faust sei, sei zwar schlüssig: "Allein: Der Zuschauer muss es ausbaden."

 
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