Halt dich an deiner Flasche fest

von Lukas Pohlmann

Zittau, 10. Februar 2017. Blanche DuBois hat Geburtstag und was macht ihr Schwager? Schaufelt sich den Kuchen mit bloßen Händen rein und erklärt sich zum König seiner kleinen Wohnung. Seiner Welt aus Sehnsucht und Bedürfnissen. Aus Alkohol und Abgehängtsein.

Die Wohnung  hat nur zwei Zimmer und die sind in Zittau zur Premiere von Tennessee Williams "Endstation Sehnsucht" am Gerhart Hauptmann Theater sogar Dogville-artig auf einen offenen Raum reduziert. Ein Bett, eine Wanne, eine Essgarnitur und ein Kühlschrank. Keine Privatsphäre in Udo Herbsters Ausstattung. Sinnbildlich für die, die darin wohnen. Nicht nur für ihr distanzloses Aufeinanderhocken. Auch für die Weltbilder und Sichtweisen.

Blanche kommt vermeintlich nur zu Besuch zur ihrer schwangeren Schwester Stella und ihrem Ehemann Stanley, nistet sich aber ein. Sie verwirrt Stanley und dessen Kumpels durch ihre Anwesenheit und ihr weltfrauliches Auftreten in schicken Kleidern und hütet offensichtlich Geheimnisse. Klar, dass da Kopfkino losgeht. Zumal die Männer in Ivar Thomas van Urks Inszenierung immerfort saufen. Saufen gegen die Hitze, gegen den immer gleichen Trott aus Fabrik und Bowling, gegen die eigene Randständigkeit. Und so wird Stanley schließlich am Rand der zivilisierten Welt Blanche in der Geburtsnacht seines Sohnes vergewaltigen. Und sie schließlich vom Nervenarzt abgeholt. Die Geschichte ist bekannt.

EndstationSehnsucht 2 560 Pawel Sosnowski u Saufen und flirten: Blanche DuBois (Kerstin Slawek), Harold 'Mitch' Mitchell (Klaus Beyer) und Pablo Gonzales/Kassierer (Matthias Wagner) © Pawel Sosnowski

Frage: Hat die Schauspielleitung des Hauptmann-Theaters etwa hellseherische Fähigkeiten? Diese Spielplanposition muss schließlich überlegt worden sein, noch weit bevor jemand hätte ahnen können, dass ein gewisser D. Trump auch nur republikanische Vorwahlen gewinnen würde. Jetzt plötzlich ist der 1947’er Klassiker nicht nur nettes Schauspielerfutter sondern eine interessante Grundlage, sich mit Kleine-Leute-Träumen auseinanderzusetzen. Mit den Sehnsüchten der irgendwie, wenigstens selbstempfunden, Abgehängten. Wen Stanley wohl im November gewählt hätte?

Van Urk könnte also tief abtauchen mit seinem Ensemble und die Sehnsüchte sezieren. Aber er erzählt das alles etwas schlicht. Wie das Programmheft lenkt die Inszenierung den Blick auf ein (vermeintliches) Krankheitsbild von Blanche. Deren Depression oder Burnout oder bipolare Störung wird beispielsweise mit einigen Sekunden eingespielter Schreie oder kreischender Musik zu expressiven Ausbrüchen der Schauspielerin Kerstin Slawek verdeutlicht. Und sonst wird eben die ganze Zeit gesoffen. Fast mag man David Thomas Pawlaks Stanley in Schutz nehmen. Wie soll einer zu einem ausgeglichenen Wesen finden, der solche Unmengen Whiskey in sich reinschüttet? Endstation Alkoholsucht.

EndstationSehnsucht 1 560 Pawel Sosnowski uVerwandtschaft kannst du dir nicht aussuchen: Blanche DuBois (Kerstin Slawek) und Stella Kowalski (Martha Pohla) © Pawel Sosnowski

Da ist der Kater sinnbildlich. Wie hinter einem Schleier liegt der ganze Abend. Richtige Amplituden bleiben aus. Slawek, Pawlak und Martha Pohla als Stella bleiben merkwürdig blutleer in der endlos behaupteten Hitze von Louisiana. Als würden sie sich die Situationen, in denen ihre Figuren stecken, selbst nicht richtig abnehmen. Warum kommen sie nicht mal aus der Deckung? Natürlich wird da geschrien. Stanley wird handgreiflich gegen Ehefrau und Mobiliar. Stella hat sich in ihr Schicksal ergeben und weiß doch auch mal ihren Mann zu kontern. Natürlich verstrickt sich Blanche in ihrem Lügen-Hoffnungs-Luftschloss. Dabei wird aber vor allem endlos viel geredet. Die Konflikte werden immerfort erklärt statt sie zu zeigen.

Situationen wie die als Klaus Beyer, dessen Mitch Blanche den Hof macht, die Überforderung durch schier ewiges Standbein-Spielbein Wiegen zu einer absurden Nummer formt, sind selten. Es ist auch nicht hilfreich, dass fast unentwegt Synthesizer-Klänge zur Untermalung dienen. Die machen aus den Szenen ziemlich zähen Brei. Zumal die Spieler die Herausforderung dieser Geräuschkulisse nicht annehmen.

Betrogene Hoffnung

Wirklich mehr zu erzählen als das ausgesprochene Wort beinhaltet, schafft eine Szene. Wenn auch nah an der bösen Kitschgrenze: Die Vergewaltigung ist ein starker Theatermoment. Sie bricht den Rhythmus der sonst etwas langatmigen Inszenierung. Ihre Kürze lässt die Einvernehmlichkeit als Möglichkeitsform zu. Und während des Missbrauchs fällt auch für wenige Sekunden roter Glitter vom Bühnenhimmel. Schaurig schön. Da öffnet sich plötzlich ein Assoziationsraum: Nachdenken über Geschlechterrollen und die betrogene Hoffnung auf ein besseres Leben. Und dann ist das Blanche-Intermezzo auch schon vorbei. Sie wird in einer Zwangsjacke aus  Handtüchern abgeholt, die Zurückbleibenden jubeln erleichtert und gehen zur Tagesordnung über. Nur unwesentlich versehrter als vorher.
Wenn das nun auch eine hellsichtige Vision wäre ...

 

Endstation Sehnsucht
von Tennessee Williams
Regie: Ivar Thomas van Urk, Ausstattung: Udo Herbster, Dramaturgie: Gerhard Herfeldt.
Mit: Kerstin Krug, Martha Pohla, Renate Schneider, Kerstin Slawek, Klaus Beyer, David Thomas Pawlak, Matthias Wagner, Tilo Werner.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.g-h-t.de

 

Kritikenrundschau

Ivar Thomas van Urk setze auf Lautstärke. "Ein Wagnis", findet Marcel Pochanke in der Sächsischen Zeitung (13.2.2017). Das Ensemble biete "gekonnten Naturalismus", haue sich dabei aber "einen Text um die Ohren, der sprachlich unentschlossen bleibt. Williams' Text in der Übersetzung von Helmar Harald Fischer ist zu umständlich, um eine Milieustudie à la Gerhart Hauptmann zu sein und zu wenig virtuos, um als Bühnensprache wirklich zu verfangen", so Pochanke. Die "Feurigkeit" der Schauspieler trage über diese Schwäche hinweg, wirke dabei aber in Ketten gelegt: "Die Inszenierung kommt auffallend statisch daher, vom Leben früh erschöpfte Menschen stehen oder sitzen und erklären sich was. Meinungs-Pingpong. Am Ende sind Triebe das stärkste Motiv des Handelns, alles Erklären wirkt wie Hohn."

 

 
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