Schicksal eines Rasenden

von Dorothea Marcus

Düsseldorf, 18. Februar 2017. Es wirkt zunächst, als bräuchte es nicht viel, um das unauflösbare juristische und moralische Dilemma des Michael Kohlhaas auf eine Bühne zu bringen: ein paar graue Stühle, 289 streng zum Quadrat gestellte Tische, eine Leinwand aus Papier. Ab wann darf man zur Selbstjustiz greifen, wenn das eigene Recht missachtet wird? Macht man sich gar zum Mitläufer eines korrupten Systems, wenn man es nicht tut? Ist Kohlhaas' maßloses Aufbegehren gegen die Obrigkeit nicht auch ein gerechter Aufstand, ohne den es Veränderungen auf der Welt nie gegeben hätte? Oder ist Kohlhaas ein Fundamentalist, der um jeden blutigen Preis, auch den des eigenen Lebens, im Namen einer unverhältnismäßigen Sache Amok läuft?

Die Fragen, die in Kleists 1808 – drei Jahre vor seinem Suizid am Kleinen Wannsee – entstandener Novelle stecken, haben an Komplexität nichts eingebüßt. Matthias Hartmann, jener Ex-Intendant, der nach einem Finanzskandal vom Wiener Burgtheater verjagt wurde und danach zu einem österreichischen Privatfernsehsender ging, verzichtet auf allzu deutliche Aktualisierung. Er setzt vielmehr auf – opulent inszenierte – Schlichtheit und historisierende Kostüme.

michael kohlhaas 560 13 fotosebastianhoppe uStürzende Tische, stürzende Welt:  die Bühne von Johannes Schütz © Sebastian Hoppe

Klappernde Pferde, kippende Ordnung,

Der einstige Gosch-Bühnenbildner Johannes Schütz hat eine wandelbare Spielfläche aus 17 mal 17 grauen Einfachst-Tischen geschaffen, als wäre es das Wauzi-Kinderspiel: wird ein Tisch hineingeschoben, schiebt sich ein anderer hinaus und verändert die Brett-Konstellation. Eine weitreichende Metapher: ständig ändern sich die Weltkoordinaten mit unvorhersehbaren Folgen. In den Löchern, die laufend entstehen, nehmen korrupte Rechtsgehilfen Platz oder rekelt sich der österreichische Kaiser im Live-Video. Die Tische rumpeln bedrohlich, wenn sich unter ihnen Räuberbanden erheben, können zu Kutschen oder Gefängnissen geschachtelt werden oder gleich die ganze Weltkonzeption zum Einsturz bringen, wenn sie von hinten aus krachend wie Dominosteine kippen.

Alles entsteht hier zunächst aus sich selbst, als betont selbstgenügsame und zugleich verschwenderische Soundcollage: mal kommt das Ensemble mit Stühlen bewaffnet kokosnussklappernd als jene Pferde herangetrabt, mit denen der rechtschaffene Rosshändler Michael Kohlhaas harmlos des Weges reitet. Dann wieder donnert das Wellblech, rotiert das Windpfeif-Rad, spuckt die Nebelmaschine Wolkiges aus: stets sieht man, mit welch schlichten Mitteln Atmosphären hergestellt werden, zu denen der Musiker Karsten Riedel von der Seite aus seinen grandios pathetisch-düsteren Gruftie-Folk spielt. Das soll an diese kurzweiligen drei Stunden kein Vorwurf sein. Schön ist, wie Hartmann nicht ansatzweise den Versuch einer Dramatisierung der Novelle unternimmt und sie doch elegant zu atmosphärischen Höhepunkten leitet.

Rauchsäulen und Sakralmusik

Gesprochen wird der Kleist-Text immer so lange, bis die Figurenperspektive wechselt, dann ist der Nächste dran: ein Erzählspiel. Auktorial einführend beginnt Kohlhaas selbst, Christian Erdmann zeigt ihn mit Schlapphut und tailliertem Cordmantel fast durchgehend sanftmütig und lächelnd: eine liebevolle, fast sakrale (Un)heilsfigur, die nur ab und zu mal einen Wutanfall hat. Ein Antiaufklärer, der die Errungenschaften der Aufklärung, das Justizsystem, beansprucht. Sein Gegenspieler, der Junker Wenzel von Tronka (Andrei Viorel Tacu) fällt dagegen als rot gekleidete, affektierte Figuren-Karikatur mit gespreizten Gliedmaßen eher unangenehm auf.

michael kohlhaas 560 06 fotosebastianhoppe uLisbeth Kohlhaas (Minna Wündrich) auf dem Totenbett. © Sebastian Hoppe

Das Unheil beginnt, als aus Kohlhaas' prächtigen Rappen zwei durchlöcherte, staubbedeckte Stuhlgerippe geworden sind. Da kann auch Ehefrau Lisbeth (Minna Wündrich) nicht mehr helfen. Auch wenn sie noch so reizend bauernschlau und mädchenhaft mit Kohlhaas die Nasen zusammensteckt, ist sie bald gestorben beim Versuch, den Rasenden aufzuhalten. Im zweiten Teil, dem "Geschäft der Rache", löst sich Kohlhaas' altbekannte Welt und buchstäblich der feste Boden unter seinen Füßen auf: von hinten aus werden krachend die Tische umgehauen von Kohlhaas' sieben Knechten in martialisch-schwarzer Kampfkleidung, doch Tromka zittert unbehelligt unter einem der Tische ganz vorne. Als Wittenberg und Leipzig abgebrannt werden, steigen Rauchsäulen zu Sakralmusik und Theaterdonner auf, Flammen in schwarz-Weiß werden an die Tischflächen projiziert. Da hält sich Kohlhaas schon lange für den Erzengel Michael. Doch so sehr er sich auch zum Räuber, Brandschätzer und Mörder aufschwingt, verliert er doch nie die milde Freundlichkeit, mit der er bis zum Schluss immer wieder seine Kinder – ein Holz-Schaukelpferd – streichelt und auch dem Reformator Luther, den Reinhart Firchow voll knöcherndem Unverständnis spielt, begegnet.

Gerissene Leinwand

Sicher könnte man diesem Abend fehlende Haltung vorwerfen, aber letztlich wird der Konflikt so in den Zuschauerkopf verlegt: Wo verlaufen die Grenzen der Selbstjustiz? Und auch wenn es nicht den ganzen Formenüberschwang gebraucht hätte, so ist er doch souverän eingesetzt: Schattenspiele auf der Papierleinwand zeigen, wie die Kurfürsten in wechselnden Machtverhältnissen und Körpergrößen über das Schicksal des Rasenden schachern. Wenn die Papierleinwand abgerissen und -gefackelt ist, schwebt ihre Haltestange wie eine haltlose Waage der Gerechtigkeit orientierungslos im Raum. Für eine kurze Zeit scheint es Rettung für Kohlhaas in Indien zu geben, aber letztlich ist die so aktuelle Perfidie des Kleist-Universums eben, dass hier nie irgend etwas je wieder gut wird. Zum Schluss bricht Erdmann die Erzählung mitten im Fallbeil ab, der letzte Novellenteil ist verschwunden, es gibt keine auktoriale Perspektive mehr. Und auch wenn er seine vorgebliche Einfachheit etwas zu aufwändig behauptet, ist Hartmann in Düsseldorf ein kräftiger und emotionssicherer Abend gelungen. Der Regisseur hat sich von vergangenen Querelen sichtlich erholt.

 

Michael Kohlhaas
von Heinrich v. Kleist
Regie: Matthias Hartmann, Bühne: Johannes Schütz, Kostüm: Malte Lübben, Musik: Karsten Riedel, Video: Roman Kuskowski, Dramaturgie: Robert Koall.
Mit: Christian Erdmann, Minna Wündrich, Florian Lange, Thomas Wittmann, Reinhart Firchow, Jan Maak, Andrei Viorel Tacu, Dominik Puhl, Wolf Danny Homann.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.dhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Mit fliegenden Fahnen und sehr anti-illusionistisch ist man fix zugange wie das fahrende Volk beim buntscheckigen Jahrmarktsbuden-Zauber. Dabei suggeriert die Inszenierung eher die improvisierte Einfachheit ihrer Mittel, statt sie als Spielmaterial bescheiden unaufdringlich zu nutzen", schreibt Andreas Wilink auf Spiegel Online (19.2.2017). Nach der Pause gehe der Inszenierung die Puste aus, man spüre plötzlich die große Leere, in der nur noch der Stoff abgefertigt werde. "Dass Kleist der Dichter der Disharmonie und der Krise ist, vertraut mit der 'gebrechlichen Einrichtung der Welt', gerät unter die Räder der Betriebsamkeit und galoppierenden Gefälligkeit."

"Die grandiose Bühne von Johannes Schütz enthalte den Kern des 'Michael Kohlhaas', wie Regisseur Matthias Hartmann ihn vorstellt: Als Gedankenspiel aus ferner Zeit", schreibt Jens Dirksen in der Westfälischen Rundschau (19.2.2017). "Nicht zuletzt ist dieser Bühnen-'Kohlhaas', von zwei, drei Holperern abgesehen, ein Abend der Sprechkunst für die Schauspieler, die sich an Kleists aberwitzigen Satzbau-Architekturen nicht verheben." Was bleibe von diesem Abend, sei "ein Hochamt der Sprache und ein Fest für die Augen".

"In Kohlhaas ist immer viel gesehen worden. Ein Sinnbild für die Eskalation von Gewalt. Und auch die Geburtsstunde eines Terroristen. Solchen Engführungen aber verfällt Hartmann nicht. Auch weil er Kleist glaubt und seiner Sprache", schreibt Lothar Schröder in der Rheinischen Post (20.2.2017). Dessen Wunderprosa werde also nicht in Dialoge zerlegt, sondern in einem Gemisch aus Rezitation und indirekter Rede zum Funkeln gebracht. Schütz' Bühnenbild erinnert Schröder an Goschs legendäre Macbeth-Inszenierung. "Auch dort wurde viel auf Tischen gespielt, die - blutverschmiert - zwar glitschiger waren; aber ebenso sinnfällig. Zwölf Jahre danach jetzt dieser Kohlhaas." Und das Düsseldorfer Publikum sei wieder aus dem Häuschen.

"Von Anfang an reflektiert die Regie, dass sie einen Text auf die Bühne bringt, der nicht für diese geschrieben ist. Die Aufführung zeigt und bleibt eine Annäherung an das Theater, dessen Möglichkeiten sie an- und ausprobiert", analysiert Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.2.2017). Wer die Novelle nicht gelesen habe, lerne in Düsseldorf ihre Fabel kennen. "Geschickt und gefällig wird sie auf der Bühne nacherzählt." Indes gewinne die Titelfigur keine existentielle Schärfe, und ihre Gegenspieler "sind nur Karikaturen", so Rossmann. Und: "Wer die Novelle gelesen hat, vermisst, dass die Inszenierung für die Unruhe und Anstrengung der gestauten Sätze keine Entsprechung findet." Selten werde "die Fragwürdigkeit der Dramatisierungsmode" so offenkundig: "Die Düsseldorfer Bühne lässt Kleists Sprachkunstwerk unter 289 Tische fallen."

Für "gut möglich" hält es Bernhard Doppler im Wiener Standard (21.2.2017), "dass Matthias Hartmann mit der Kleist-Inszenierung eigene Erfahrungen mit Politik und Gerichten nach seiner Entlassung als Burgtheaterdirektor komödiantisch abarbeiten wollte." Hartmann verzichte radikal auf jede Dramatisierung. "Die oft waghalsig verschachtelte Architektur von Kleists Sätzen bleibt so erhalten, da die Figuren ausschließlich in der Erzählerperspektive ausgestellt werden." Der Abend bleibe "unentwegt unterhaltsam".

Hartmann habe Kleists No­vel­le fürs Schau­spiel ge­län­de­gän­gig ge­macht und den Pro­sa­text fi­le­tiert. "So ent­steht Ab­stand: Die Fi­gu­ren lässt der Re­gis­seur ab­wech­selnd in der drit­ten und ers­ten Per­son spre­chen – ein fi­li­gra­nes Ma­nö­ver, das dem Text Luf­tig­keit si­chert und zu­gleich die Spre­chen­den vor ei­ner künst­li­chen Dia­log­struk­tur schützt, die nicht vom Au­tor stammt", schreibt Wolf­ram Go­ertz in der Zeit (23.2.2017). Die Stimmungen des Publkums registriere Hartmann "wie ein Or­ga­nist, der die Knöp­fe zieht: Wir er­le­ben ei­ne Lei­dens­ge­schich­te nach dem Evan­ge­lis­ten Hart­mann."

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