Für später, wenn du tot bist

von Leopold Lippert

Wien, 19. Februar 2017. "Trisomie heißt eins zuviel", erklärt der Arzt den Eltern, und im konkreten Fall heißt es auch: ein Jahr, das dem Neugeborenen gegeben ist. Ein Jahr Leben, nicht mehr. Das ist die melancholische Ausgangsituation in Wolfram Hölls "Drei sind wir", für das der Autor den Mülheimer Dramatikerpreis 2016 gewann. Ein Jahr vorgezogene Trauerarbeit, ein Jahr, in dem der Tod ein steter Begleiter ist. Eine herzzerreißende Mär, in der Höll versucht, die Sprachlosigkeit der Eltern in Worte zu fassen, oder in Wortschleifen zu umkreisen. Als die Eltern beschließen, das Jahr in Kanada zu verbringen, sagen sie: "Wir setzen über. Wir übersetzen ihn. Wir üben ersetzen ihn."

Dem frühen Computerzeitalter entsprungen

Drei, das sind die Chromosomen, die Eltern-Kind-Beziehung, und die drei Schauspieler*innen (Tino Hillebrand, Marcus Kiepe, Marie-Luise Stockinger), die in Valerie Voigt-Firons Inszenierung im Burgtheater-Vestibül auf der Bühne stehen. Sie kommen aus einer gerade erst vergangenen Vergangenheit: dem frühen Computerzeitalter. Sie verstecken sich hinter übergroßen, verpixelten Gesichtsmasken, tragen beige, braune, weinrote Hosen und Jacken (Kostüme von Lejla Ganic) und sehen einem an die Rückwand projizierten Pac-Man dabei zu, wie er sich unermüdlich durch sein Gespenster-Labyrinth frisst. Mit heiligem Ernst spulen sie Audiokassetten vor und zurück, und rascheln mit losen Magnetbändern.

DreiSindWir 02s 560 Georg Soulek uStrenges Sprechstück auf Kachelboden: Marie-Luise Stockinger, Marcus Kiepe, Tino Hillebrand zeigen "Drei sind wir" im Vestibül des Wiener Burgtheaters © Georg Soulek

Die zauberhafte Retro-Atmosphäre, die mit diesem zeitlichen Abstand zur Gegenwart einhergeht, macht klar, dass in jedem Moment mit dem (namenlosen, stummen) Kind eine potentielle Erinnerung für das Nachher steckt. Und so versuchen die Eltern, auch noch so banale Momente einzufangen, irgendwie durch Sprache festzuhalten: das Angeln mit dem Onkel ("Und wieder werfen wir die Angel aus, und ziehen ein, und werfen aus"), die Scham, mit dem Kind beim Bäcker in der Schlange zu warten ("solange wir gehen ist er still, sobald wir stehen, fängt er an mit schreien"). Oft klingt das nach Hilflosigkeit und stiller Verzweiflung, manchmal aber auch nach putzigem Humor: "Die Urgroßmutter etwa wird als Körperschrank beschrieben, voller Schubladen, denen sie dauernd neue Zigaretten entnimmt."

Eine Sprechübung ohne emotionalen Realismus

Diese Leichtigkeit von Hölls Sprachmelancholie bleibt in Voigt-Firons streng durchkomponierter Inszenierung allerdings auf der Strecke. Denn auf dem schwarz-weiß gemusterten Fliesenboden von Bühnenbildnerin Eylien König geht es deklamierend-distanziert zu. Hier wird mal chorisch, mal kaskadenartig versetzt, mal kollektiv vernuschelt, mal im Kanon vorgetragen – eine Sprechübung ohne feste Rollen, die Hölls spielerisch-traurigem Ton allerdings selten gerecht wird.

Die zärtliche Beschreibung des aufwachsenden Kindes etwa ("Am Anfang wickeln wir ihn noch um uns herum, doch dann entwickelt er sich, wickelt sich von uns ab") wird zu einem virtuosen Vortragsmanöver, bei dem die Einsätze zwar genau stimmen, das den emotionalen Realismus des Textes aber kaum transportieren kann. Ähnlich bei jener Sequenz, in der die Eltern ihre stumme Trauerarbeit in endlose Aufzählungen verpacken: Die lange Liste der von den Großeltern auf ihrer Kanada-Rundreise besuchten Orte wird zu einer bloßen Lachnummer, bei der kanadische Nationalparks in sehr hart deutsch gefärbtem Französisch aneinandergepresst werden.

DreiSindWir 16s 560 Georg Soulek uPixelwesen: Marie-Luise Stockinger, Tino Hillebrand, Marcus Kiepe spielen "Drei sind wir"
© Georg Soulek

Gegen Ende dann doch eine berührende Szene: Als der mysteriöse Todesbote Dany Daniel, der in banalem Französisch die vier Jahreszeiten, die Hölls Text strukturieren, ankündigt, schließlich beim Winter angekommen ist, verliert Marcus Kiepe die Contenance. Nach dem Winter wird das Jahr um sein, und der Tod nahe. Kiepe will nicht wahrhaben, was unvermeidlich ist, und übersetzt Dany Daniels vergnügte Wetterprognose nur widerwillig, trotzig ins Deutsche. Er schnauft und mault wie ein kleines Kind, das seinen Willen nicht bekommt. Motzig kramt er schließlich kleine weiße Papierschnipsel aus seiner Hosentasche, wirft sie stumm in die Luft, und sieht wehmütig zu, wie der Schnee langsam auf die Köpfe seiner Schauspielkolleg*innen rieselt. Dieser tieftraurige Moment eröffnet das Potential einer Inszenierung, die zärtlich hätte sein können, sich aber dann doch zu gut in ihrer eigenen Kunstfertigkeit gefällt.

 

Drei sind wir
von Wolfram Höll
Regie: Valerie Voigt-Firon, Bühne: Eylien König, Kostüme: Lejla Ganic, Video: Alexander Richter, Licht: Ivan Manojlovic, Dramaturgie: Eva-Maria Voigtländer.
Mit: Tino Hillebrand, Marcus Kiepe, Marie-Luise Stockinger.
Dauer: 60 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at


In einer früheren Fassung des Texts ist von Dias die Rede. Diese spielen zwar in der originalen Textfassung Hölls eine Rolle, nicht aber in der Inszenierung. Wir haben die Kritik am 20.2. um 15:30 Uhr dahingehend korrigiert.

 

Kritikenrundschau

"So bedrückend wie beeindruckend" findet Norbert Mayer das Stück von Wolfram Höll und schreibt in Die Presse (21.2.2017) über die Inszenierung: "Valerie Voigt-Firon hat eine im Vergleich straffe, einstündige Inszenierung geschaffen, sensibel, stimmig, von einem hervorragenden Trio gespielt."

"Hölls Text verweigert sich jeder vorschnellen Bemächtigung. Umso überzeugender die chorische Nachbearbeitung der Partitur", lobt Ronald Pohl in Der Standard (21.2.2017) und meint damit die Regie von Valerie Voigt-Firon. "Wie Luftgeister" wechselten die Darsteller ihre Funktionen, "werden von 'Figuren' zu 'Bedeutungsträgern' mit vorgehaltenen Masken, oder sie harren in Winkeln szenischer Windstille aus", so Pohl: "Wenn es nach Peter Handke wirklich noch ein 'Spiel vom Fragen' hat geben können, der Leipziger Höll hat es geschrieben. Jubel für ein starkes Stück."

 
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