Liebe im Abfall

von Ralph Gambihler

Weimar, 10. Mai 2008. Die Bühne eröffnet eine ungewohnte Perspektive auf die Welt, die der Kaffeehausliterat Ferenc Molnár in seinem Erfolgsstück zeichnete. Das Zentrum, der Rummelplatz, ist darin nicht mehr zu sehen. Es muss weiter oben liegen, nicht weit von da, wo eine Treppe nach rechts abknickt. Dort blinkt es nun verheißungsvoll hinter der Kulisse hervor. Unten aber liegt kaltes Licht auf nackten Wänden mit kaputtem Kachelbesatz. Neonröhren summen ihr gleichgültiges Lied. Wenn sich hier etwas sammelt, dann sind es die Pappteller von oben und die Müllmänner, die sie entsorgen. Im Ranking der öden Orte hätte dieser verkommene U-Bahnhof-Eingang von Patricia Talacko (Bühne) beste Chancen auf einen Spitzenplatz.

Dort also, an diesem Abflussrohr der mobilen Großstadt, lässt die neue und sehr junge Weimarer Hausregisseurin Nora Schlocker – sie ist 24 Jahre alt – den unverwüstlichen Rummelplatzklassiker "Liliom" spielen. Sie durchschlägt gewissermaßen den Boden der Unterschichtendebatte, um zwei Menschen zu zeigen, die völlig abstürzen, in den denkbar prekärsten Verhältnissen einer unerklärlichen und bedrohlichen Liebe.

Ein Starkstromabend ohne Sozialkitsch

Das brave Dienstmädchen Julie und der rauflustige Karussellausrufer sind obdachlos geworden. Sie liegen im Dreck und schlafen im Dreck. Das Programm-Faltblatt zählt die beiden kurzerhand zu den "Überflüssigen" und zum "Abfall" der Gesellschaft. Der Schmäh der Wiener "Vorstadtlegende" hat sich damit erledigt.

So radikal die Opferperspektive auch herausgestellt wird: Das Sozialdrama und die darin eingewobene Tragödie einer Amour fou wirken keineswegs vordergründig. Von Sozialkitsch und Gossenromantik ist dieser heißkalte Abend sogar überraschend weit entfernt.

Das liegt offenbar daran, dass man sich in Weimar auf Primärtugenden der Theaterkunst versteht. Nämlich erstens: den Text genau zu lesen. Zweitens: eine Haltung dazu zu entwickeln. Drittens: sehr gut zu spielen. Nichts anderes hat das Ensemble gemacht, und so gelingt im E-Werk, der externen Spielstätte des Nationaltheaters Weimar, ein Starkstromabend von bezwingender Intensität.

Rasende Starre und große Stummheit

Dieser handelt zunächst einmal von den Gefängnissen einer existenziellen Sprachlosigkeit und den Dramen der Selbstentfremdung, die sich darin entwickeln. Die görenhafte Kindfrau Juli der grandiosen Karoline Herfurth (die das Mirabellen-Mädchen in Tom Tykwers "Parfüm" spielte und zuletzt einen Grimme-Preis für ihren Auftritt in den TV-Drama "Eine andere Liga" bekam) hat schon im ersten Bild keine Chance gegen das geölte Mundwerk der giftig-spöttischen Frau Muskat von Petra Hartung. Sie schubst aggressiv oder weicht verlegen zurück. Sie brüllt oder schweigt. Anders kann sie sich nicht wehren.

Wo die Muskat als Lilioms Brötchengeberin und Frau für gewisse Stunden in die Rolle der Lack-und-Leder-Tusse flieht, wo sie offen und verdeckt Ansprüche anmeldet, erlebt sich Juli in regressiver Hilflosigkeit. In vielen Szenen ist sie die große Stumme, gespannt und entsetzt bis in die Fingerspitzen. Karoline Herfurth spielt das mit rasender Starre. Später, als der sagenhaft dilettantische Überfall auf den Geldboten scheitert, fällt sie in mechanisches Ja-Sagen. Es ist durchaus konsequent, wenn ihrem Vornamen im Besetzungszettel das finale e gestrichen wurde.

In dieser Welt hat Juli keinen Platz. Sie schafft ihn sich selber, indem sie Stoffstreifen von ihrem gelben Ballkleid trennt, das sie aussehen lässt wie eine Kleinbürger-Prinzessin. Die Streifen, zum Kreis ausgelegt, sind der Schutzwall ihrer Gefühle.

Wild, vital, schrecklich

Zusammen mit dem Sozialdrama entwickelt Nora Schlocker den Bilderbogen einer verzweifelten Liebe, scharf, poetisch, mit Mut zur Stille und abgründigem Witz. Das Verhältnis der Hauptfiguren ist dabei nur scheinbar paradox. Es wird nach außen geleugnet und im Inneren gelebt. Vor allem Liliom, den Jürg Wisbach als waschechten Proll und Raufbold anlegt, als Desperado in der Wüste der Arbeitslosigkeit, mit nervösem Armzittern in den Momenten größter Anspannung, verschanzt sich in den Posen hoher Gefühlsnüchternheit. In seiner Besinnungslosigkeit und seiner Gewalt, die stellenweise autoaggressive Züge annimmt, liegt eine tiefe Verletzlichkeit.

Diskurstheater mit den doppelten Böden eines abgeklärten Konzepts ist in Weimar nicht zu erleben. Das Ensemble lässt sich ganz auf den Stoff ein, spielt mit großer Unbedingtheit am Text entlang, ohne den Vorbehalt des Bildungsbürgers, der es besser zu wissen glaubt. Das Ergebnis ist wild, vital, schrecklich. Eine Molnár-Verheutigung mit Herz und Verstand.

Nicht ausgeschlossen, dass Nora Schlocker nach Tilmann Köhler das nächste Ass im Ärmel des Weimarer Intendanten Stephan Märki wird.


Liliom
von Ferenc Molnár. Deutsch von Alfred Polgar
Regie: Nora Schlocker, Bühne: Patricia Talacko, Kostüme: Marie Roth. Mit: Jürg Wisbach, Karoline Herfurth, Petra Hartung, Paul Enke, Xenia Noetzelmann, Detlef Heintze, Jörn Hentschel, Karl Albert.

www.nationaltheater-weimar.de


Eine weitere Inszenierung von Liliom in dieser Spielzeit ist in Magdeburg zu sehen, in der Regie von Jan Jochymski; eine weitere Inszenierung von Nora Schlocker zeigt das Berliner Maxim Gorki Theater: die Uraufführung von plus null komma fünf windstill von Maria Kilpi.

Kritikenrundschau 

Die wundervollen Weimarer Kritiker schütten wieder ihr Füllhorn enthusiastischer Beschreibungskünste über uns aus. Absolut lesenswert ist das, was sie zum Auftritt der beiden jungen Künstlerinnen Karoline Herfurth und Nora Schlocker im Weimarer E-Werk aufschreiben. Zum Beispiel Wolfgang Hirsch in der Thüringischen Landeszeitung (13.5.2008), wenn er der Juli zuruft: " … müssen jedem, der dich so sieht und der die Blutpumpe am rechten Fleck hat, alle Sinne vergehen." – " … wie die spielt, diese gerade 23 Jahre junge und einhundertvierundsechzig Zentimeter riesengroße Karoline Herfurth, das ist, darf man risikolos behaupten, mindestens das Anrührendste und Beste, was es dieses Jahr auf einer hiesigen Bühne zu erleben gab". Über den Rest gibt’s etwas Gemäkel. Die Polgar-Übersetzung sei verhunzt worden, nicht einzusehen, warum Liliom anstatt vor dem Stadthauptmann vor der Müllabführ kusche, weil das Stück ja anders situiert wurde, auf die Müllkippe, aber Nora Schlockers "vorzügliches Talent" gelte trotzdem als bewiesen und Jürg Wisbach als Liliom könne Karoline Herfurth fast das Wasser reichen.

Henryk Goldberg hingegen findet das, was Schlocker aus Liliom gemacht hat, schlicht "glänzend". In der Thüringer Allgemeinen (13.5.2008) schreibt er: Liliom das sei "ein Schmarrn. Schöne Figuren, doch im Übrigen: Igittigitt". Nora Schlocker erzähle die Geschichte "der Ausgesonderten, der Ausgeschiedenen. Die Stadt, der Tod, der Müll."  Sie übertrage ihre Konzeption "mit Konsequenz und Diskretion" auf den alten Text. Alles komme aus dem Stück, dessen "Operetten-Schmäh mit Hang zum Anspruch verwandelt sie in eine mitunter seelenleise Poesie voll Trauer". Herr Goldberg findet die Schauspieler alle sehr gut, er lobt Jürg Wisbach als "Ermöglicher einer herausragenden Kollegin". Nora Schlocker benötige nicht Juli für Liliom, "sie benötigt Liliom für Juli. Ihr Stück heißt Juli." Wisbach spiele "das demonstrierte Selbstbewusstsein des großen Aufreißers", aber dem Mädchen, seinem "Traum vom Leben" sei er nicht gewachsen. "Sie hat einen Gang, so geht ein Mensch, der eine Angst hat - und eine Entschlossenheit, sich dieser Angst nicht auszuliefern. Wie somnambul, wie abwesend, wie ein Vakuum, das alles in sich reißt."

 
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