Es war nur ein Spiel

von Esther Slevogt

Berlin, 12. Mai 2008. Das Ende war brachialer, als die poetische Versponnenheit der Gesamtinstallation hätte vermuten lassen. Nachdem das Militär in Ruby Town die Evakuierung des dort lebenden Völkchens beschlossen und verkündet hatte, hatten sich alle, außer Martha selbst, kurz vor dem Termin der Deportation am Samstag, dem 10. Mai das Leben genommen. Die Zuschauer waren dann um Punkt 18.00 Uhr mitteleuropäischer Zeit vom Militär aus dem Dorf gejagt worden. Und das, obwohl eine Gruppe von ihnen vorher noch per Petition versucht hatte, die Deportation hinauszuzögern – was man im Rahmen der Spielverabredung dieser Acht-Tage-non-stop-Performance wohl auch als Versuch verstehen konnte, eine Zugabe zu erreichen. Denn Applaus hätte hier ja nichts bewirkt, da das Verhältnis zwischen Darstellern und Zuschauern in diesem Projekt komplett anders definiert worden war.

Nur Figuren, nicht die Menschen

Und so war man auch knapp 48 Stunden nach dem Ende der Performance "Die Erscheinungen der Martha Rubin" noch damit beschäftigt, das in Verwirrung geratene Verhältnis von Realität und Fiktion, Subjekt und Objekt, Wahrheit und Lüge, Zuschauer und Darsteller aufzuarbeiten. Das Theatertreffen hatte Signa und seine Zuschauer zum Publikumsgespräch ins Haus der Berliner Festspiele gebeten, und es waren trotz Feiertag und hochsommerlichen Wetters sehr viele Menschen gekommen.

Auf dem Podium saßen neben Signa Sørensen, Artur Köstler, die gemeinsam das Duo "Signa" bilden, Ruby-Town-Bühnenbildner Thomas Bo Nilson, die Dramaturgin Sybille Meier, die alle auch selber mitgespielt hatten, sowie ein paar weitere Schauspieler: Frank Bätge zum Beispiel, der den brutalen Trinker Elias gespielt und Max Pross, der den engelgesichtigen jüngsten Bewohner von Ruby Town Tino verkörpert hatte.

Auch im Publikum blitzten immer wieder Gesichter auf, die man aus Ruby Town kannte, und leicht fiel sie nicht die Einsicht, dass man tatsächlich ja nur Figuren einer Fiktion, nicht aber jene Menschen kennen gelernt hatte, denen man hier nun begegnen konnte.

Viel zu erzählen 

Und so verging viel Zeit damit, dass sich Zuschauer und Darsteller gegenseitig von ihren Erlebnissen und Erfahrungen berichteten. Ein junger Mann zum Beispiel, der sich als afghanischer Flüchtling vorstellte und Turbulenzen und Handgreiflichkeiten beschrieb, in die er nach seiner Entdeckung geraten war, dass sein Ruby-Town-Visum nicht gültig war. Oder Frank Bätge, der sehr glaubhaft versichern konnte, dass die Figur, die er spielte, andere Vorlieben als er selber hätte und er beim Spielen stets darauf hören müsse, was ihm der Charakter über die Figur erzählen würde. Artur Köstler, der verschiedene Besucher-Typen beschrieb, von denen ihm manche mehr und manche weniger angenehm waren.

Am liebsten, so der Konsens aller Signa-Performer, seien die, die sich eingelassen hätten, ohne allzu aufdringlich in die Fiktion einzusteigen, wodurch im Rahmen der Spielverabredung eine gewisse Normalität möglich geworden wäre. Ein Zuschauer fand nun gerade diese Normalität in der Gestalt des Small-Talk, in den er seine Recherche immer wieder münden sah, eher ermüdend.

Überhaupt äußerten viele leichte Enttäuschung darüber, dass alles viel sanfter und langsamer zugegangen sei, als man erwartet hatte. Ja, sagte Artur Köstler, das sei Absicht gewesen. In Köln sei es brutaler zugegangen. In Berlin habe man sich für eine subtilere Spielweise entschieden, und die Abgründe weniger offensichtlich gestalten wollen. Was, so Signa Sørensen, auch mit der Länge der Performance zu tun hatte. In Köln habe man 86 Stunden gespielt, in Berlin nun 192 Stunden. Klar, dass die Geschichte eine andere, nämlich langsamere Dynamik nötig gehabt hätte, eine andere dramaturgische Ökonomie.

Zuschauer im Zentrum 

Und während man hier also sehr beeindruckt Zeuge wurde, wie sich die Verhältnisse von Fiktion und Wirklichkeit langsam zu sortieren begannen, in dem alle Parteien einfach nur von ihren Erfahrungen berichteten, rückte auch der Zuschauer als heimliches Zentrum des Projekts noch mal ins Blickfeld: Sie habe speziell die Rolle des Zuschauers als herausfordernd empfunden, gab eine junge Frau im Publikum zu Protokoll, da man ständig ethische Fragen zu beantworten, moralische Entscheidungen zu treffen habe: Beute ich eine Schauspielerin aus, wenn ich sie für einen Euro in der Peep-Show nackt für mich tanzen lasse? Kann ich es dulden, wenn hier abfällig über "Neger" gesprochen wird, obwohl ich ja weiß, dass ich mich im Theater befinde. "Es ist eben alles nicht so einfach, wie es manchmal scheint", freute sich Frank Bätge, "auch nicht die Entscheidung, was gut und was böse ist." 

Madame im Zentrum 

Im Übrigen dominierte Signa Sørensen mit ihrer ganz besonderen Mischung aus Sense und Sensibility, Naivität und Intellektualität, Sanftmut und Autorität die Diskussion. Sie referierte mit beinahe naivem Augenaufschlag in dänisch gefärbten Deutsch höchst komplex über Machtstrukturen und Subjekt-Objekt-Beziehungen, während der Puffärmel ihres Kleides langsam von der Schulter rutschte und das Dekolleté nur sehr notdürftig von einem üppigen Geschmeide bedeckt blieb. Berichtete von sage und schreibe 22 Projekten in sieben Jahren, während sie und ihr neben ihr sitzender Ehemann Artur Köstler auf dem Podium kleine Zärtlichkeiten austauschten, und sich das Publikum immer noch nicht satt fragen und erzählen konnte über die Erscheinungen der Martha Rubin, die schon längst zu den Erscheinungen der Signa Sørensen geworden waren.

 

Zur Übersicht: Neues aus Ruby TownSigna beim Berliner Theatertreffen 2008.

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