A scheene Leich'

von Falk Schreiber

Hamburg, 24. März 2017. Black. Absolute Dunkelheit im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses, und damit man das auch merkt, ist Alex Eales' Bühne mit weißen Leuchtstreifen eingefasst. Ein Guckkasten par excellence, bloß dass es erstmal nichts zu gucken gibt bei Katie Mitchells Inszenierung von Sarah Kanes 2000 uraufgeführtem Depressionsmonolog "4.48 Psychose". Immerhin, man hört etwas: Eine Tür, die ins Schloss fällt. Schritte. Ortloses, beunruhigendes Dröhnen.

Ein wenig fühlt man sich wie in einem Schauerhörspiel, aber dann fällt ein Lichtschimmer in die Dunkelheit, und man erkennt: Es ist Julia Wieninger, die hier auf der Stelle tritt. "Erinnere dich an das Licht. Und glaube dem Licht."

Biographische Lesart

"4.48 Psychose" entstand 1999, nur wenige Wochen, bevor sich die Autorin 28-jährig das Leben nahm. Was zur Folge hatte, dass sich eine autobiografische Lesart geradezu aufdrängte. Die wichtigsten deutschsprachigen Inszenierungen des Stücks, von Falk Richter über Johan Simons bis Kay Voges, verweigerten sich dieser Rezeption und stellten den kunstvollen, hochliterarischen Text in ein eher abstraktes Setting. Nicht so Mitchell: Bei ihr stellt Wieninger ganz konkret eine Frau dar, die augenscheinlich unter einem schweren depressiven Schub leidet, durch die Nacht wütet, um am Ende tatsächlich Suizid zu begehen – eine Konsequenz, die so bei Kane nicht steht und die sich eigentlich nur aus dem Lebenslauf der Dramatikerin herauslesen lässt. Folgerichtig ist der atemlose Text auch kein innerer Monolog, der die Depression umkreist, sondern das Schimpfen eines zwischen Verwirrung, Wut, Sarkasmus, Selbsthass und Klarheit irrlichternden Menschen.

4.48Psychose3 560 StephenCummiskey uDie im Schatten sieht man nicht: Julia Wieninger © Stephen Cummiskey

Die Protagonistin läuft zunächst über eine Schnellstraße (wo sie immer wieder in die Scheinwerferkegel vorbeifahrender Autos gerät – Jack Knowles' Lichtregie ist so ausgeklügelt wie Donato Whartons Sounddesign, das praktisch das gesamte Setting akustisch entstehen lässt), dann durch einen Bahnhof, über eine Partymeile, um schließlich am Strand anzukommen: Man hört die Wellen ans Ufer schwappen, man hört, wie sie durchs seichte Wasser watet. Und da muss man schon sagen: Toll. Wie zurückhaltend und gleichzeitig wirkungsvoll Wieninger das spielt! Toll, diese Tonspur, toll, der minimalistische Umgang mit Licht! Hätte man nicht gedacht, dass Depression so ästhetisch sein kann!

Aber, halt, das ist unfair. Der Zugriff Mitchells ist ungewohnt, aber er ist innerhalb der Inszenierungslogik stimmig. Diese Regie will eben nichts andeuten, nichts umkreisen, sie will ganz eindeutig etwas zeigen, und das funktioniert. Die eingerahmte Bühne in Verbindung mit der minimalistischen Aktion Wieningers allerdings ist schon harter, ästhetizistischer Tobak: Das ist keine Performance mehr, zu der man sich irgendwie verhalten könnte, das ist ein Bild, und das kann man sich gerade noch an die Wand hängen, wo es sich ziemlich gut macht. A scheene Leich', Wieninger als Schmerzensmutter.

4.48Psychose1 560 StephenCummiskey uIn die Enge des Guckkastens getrieben: Julia Wieninger © Stephen Cummiskey

Als ein Regenguss einsetzt, setzt sich diese Schmerzensmutter eine Kapuze auf und verwandelt sich so in einen Todesboten. "Ich hab' die Juden vergast. Ich hab' die Kurden gekillt. Ich hab' die Araber bombardiert", plötzlich wird der Sarkasmus von Kanes Text politisch fruchtbar, plötzlich deutet sich an, dass hier gar keine persönliche Depressionsgeschichte an der Grenze zum Kitsch erzählt werden soll, sondern womöglich eine Gesellschaft als Ganzes in der Psychose versinkt. "4.48: der Glücksmoment, wo die Klarheit vorbeischaut", beschreibt Kane das. "Klarheit", das ist ein zentraler Begriff in diesem Stück: Am frühen Morgen, wenn die Sedierung nicht mehr wirkt und sich die Depression auszubreiten beginnt, sieht man klar. Was alles schiefläuft.

Aber das will Mitchell nicht erzählen. Sie will erzählen von einem atemlosen Gang durch die Dunkelheit, immer tiefer ins kalte, leere Nichts. Nach einer Stunde hört man Bremsen quietschen, Räder auf Schienen, ein Lichtstrahl erfasst Wieninger, dann wird ihr Körper weggerissen, nach hinten, in die Dunkelheit. Sieht großartig aus.

 

4.48 Psychose
von Sarah Kane
Regie: Katie Mitchell, Bühne: Alex Eales, Kostüme: Clarissa Freiberg, Sound: Donato Wharton, Licht: Jack Knowles, Dramaturgie: Christian Tschirner.
Mit: Julia Wieninger.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Wieninger bewege sich für ihren inneren Monolog durch die Zustände depressiver Verzweiflung wie auf einem Laufband, schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (27.3.2017). Doch diese Regie-Idee für Sarah Kanes letztes Stück besitze eine große Schlüssigkeit: "Die ausweglose emotionale Gefangenheit der Glückstauben wird im Bild vergeblicher Fortbewegung zur überzeugenden Metapher." Briegleb nennt den Abend einen "schwarzen Seelenstriptease".

"Zahlreiche Regisseure haben diese literarische Verdichtung einer Depression von mehreren Personen spielen lassen, Katie Mitchell lässt den ganzen Text von Julia Wieninger sprechen und spielen. Durch diese Konzentration auf eine Figur wirkt der Text noch dichter und erreicht den Zuschauer noch unmittelbarer", schreibt Heinrich Oehmsen im Hamburger Abendblatt (27.3.2017). Sarah Kanes Vorlage werde hier zu einer aufwühlende Beschreibung der Volkskrankheit Depression und der damit einhergehenden Auflösung einer Person. "Es ist der Blick in ein schwarzes Loch."

"Eigentlich puristisch und doch auf eigenwillige Weise illustrativ" sei die Inszenierung, so Katrin Ullmann in der tageszeitung (28.3.2017). Mitchell inszeniere Kanes Ich-Figur ganz konkret: eine Frau mit einem mehr als unruhigen Geist, die halblaut wütend ihre Gedanken ordne. Allerdings: "Doch mit einer weniger aufdringlichen Tonspur, mit der Katie Mitchell die (Irr-)Wege ihrer Protagonistin überdeutlich verortet, mit der sie einen urbanen Kontext suggeriert, bedrohlich knirschendes Eis oder dem schließlich heranrasenden tödlichen Schnellzug, würde man Wieninger viel lieber zuhören und -sehen."

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