Kantersiege eines Männersystems

von Georg Kasch

Berlin, 28. März 2017. Ich bin Feminist. Das war nicht immer so. Früher hatte ich den Eindruck, ich kenne so viele Frauen, die was können und wollen, die brauchen meine Unterstützung nicht, die schaffen das auch alleine. Aber das ist ein ebenso dummer Gedanke wie der, das queer nur was für Homos ist. Man muss nur mal auf die Zahlen gucken. Statistisch gesehen bekommen Frauen in Deutschland für jeden Euro, den Männer verdienen, 79 Cent. Oder: Nur fünf Prozent aller Künstler*innen in den Abteilungen für zeitgenössische Kunst in Museen sind Frauen, aber über 85 Prozent der Akte sind weiblich.

Die nackten Zahlen

Am Theater, das ja immer wieder gut darin ist, in "Nora"-Inszenierungen mahnend den Finger zu heben und in Niedriglohnjobs wie dem der Soufflage vor allem Frauen einzustellen, sieht es auch nicht so viel anders aus. Die Premieren, die im März in Deutschland, Österreich und der Schweiz über die Bühne gehen, verantworten zu 31 Prozent Regisseurinnen. Dass sich dieses Drittel nicht beim Berliner Theatertreffen abbildet, obwohl zum ersten Mal mehr Frauen als Männer in der Jury sitzen, begründet eine Jurorin damit, das viele Regisseurinnen oft an kleineren Häusern und in den Nebenspielstätten arbeiten.

kolumne 2p kaschDazu ein kleiner Zahlencheck: Das Geschlechter-Regie-Verhältnis liegt in dieser Spielzeit bei den Premieren am Deutschen Theater Berlin bei 23:6, an der Wiener Burg bei 16:6, an der Berliner Schaubühne bei 7:2. Eine Intendantin macht noch keine Quote, das zeigt der Blick an Karin Beiers Deutsches Schauspielhaus in Hamburg (12:7), an Barbara Freys Zürcher Schauspielhaus (14:6) und Anna Badoras Volkstheater Wien (17:10). Bei den Stichproben kamen nur Shermin Langhoffs Berliner Gorki mit 9:9 und Juliane Vottelers Theater Augsburg mit 5:5 in der Schauspielsparte auf den Gleichstand. Wenn man übrigens das Verhältnis Haupt- und Nebenbühne berücksichtigt, werden die Zahlen tatsächlich oft noch mieser (selbst im Gorki gibt's auf der Hauptbühne "nur" ein 8:4). Auch ein Blick auf die Themen lohnt: Am Gorki zum Beispiel wird in Abenden wie Und dann kam Mirna und "Stören“ öffentlich verhandelt, was es heißt, Frau zu sein, in Augsburg bleibt das der Repertoire-"Geierwally" vorbehalten. Zur Ästhetik des weiblichen Bühnenauftritts hat mein Kollege Leopold Lippert vor zwei Jahren schon Wesentliches gesagt.

Nun wäre es wirklich merkwürdig, von den leitenden Frauen zu verlangen, was leitende Männer auch nicht hinkriegen: so viele Regisseurinnen wie Regisseure zu engagieren. Aber ein bisschen mehr Quote wäre vielleicht doch eine Möglichkeit – die Wirtschaft hat es ohne sie ja auch nicht hingekriegt mit den Spitzenposten für Frauen. Das Gorki wiederum zeigte in den letzten Jahren, was passiert, wenn man explizit Künstler*innen einer zuvor marginalisierten Gruppe fördert – und damit eine eigene Ästhetik prägt und ein neues Publikum. Man muss es ja nicht mal Quote nennen. Gerechtigkeit ginge auch.

Die freie Frauen-Szene

Und die freie Szene? So gut lässt sich da nicht durchzählen, aber auf den ersten Blick scheint es mir doch so, dass es unter den bedeutenden Kollektiven besonders viele gibt, die zu einem wesentlichen Teil aus Frauen bestehen, von She She Pop und Gob Squad über Monster Truck bis hin zu Henrike Iglesias. Vielleicht, weil sie da nicht vom einem immer noch von Männern dominierten Apparat abhängig sind? Weil man sich im Teamwork den leidigen Umweg über die Ellenbogen spart? Oder weil man so Intendant*innen umgeht, die junge Regisseurinnen auf die Experimentierbühnen verbannen? Oder weil sich in freieren Strukturen Beruf und Privatleben besser vereinen lassen? Mit Annemie Vanackere (HAU Berlin), Amelie Deuflhard (Kampnagel Hamburg), Katrin Tiedemann (fft Düsseldorf), Franziska Werner (Sophiensaele Berlin), Carena Schlewitt (Kaserne Basel) oder Kira Kirsch (brut Wien) hat die freie Szene auch überproportional viele prägende Theater-Leiterinnen.

Dass man das gängige Verhältnis umdrehen kann, zeigt in diesem Jahr übrigens das Festival Radikal jung – da kommen auf sechs Regisseurinnen nur drei Regisseure (bei einem Jury-Verhältnis 2:1). Das war auch schon mal ganz anders und der Akzentwechsel dem Vernehmen nach ein bewusster. Was zum einen Hoffnung auf die Zukunft macht. Und zum anderen zeigt: Man muss Feminismus wollen, dann klappt's auch mit der Quote.

 

Georg Kasch, Jahrgang 1979, ist Redakteur von nachtkritik.de. Er studierte Neuere deutsche Literatur, Theaterwissenschaft und Kulturjournalismus in Berlin und München. In seiner Kolumne "Queer Royal" blickt er jenseits heteronormativer Grenzen auf Theater und Welt.


Zuletzt schrieb Georg Kasch in seiner Kolumne über postfaktischen Wahlkampf.

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