Seltene Momente des Rauschs

von Christian Rakow

Recklinghausen, 16. Mai 2008. "Liebe ist…" – mit diesen offenen Schlussworten gibt uns Anna Karenina gewissermaßen einen Fragebogen mit auf den Heimweg. Und wer in den reichlich drei Stunden dieser Aufführung gut aufgepasst hat, kann diesen auch ohne größere Bedenkzeit ausfüllen. Also: Liebe ist 1.) nicht wirklich dauerhaft, weil 2.) bezweifelt werden darf, dass wir Menschen "uns einander überhaupt verständlich machen" können, was 3.) ein ziemlich beklagenswerter Zustand ist.

Groß ist der Ertrag also nicht, den der Autor der Spielfassung, Armin Petras, dem Tolstoi-Klassiker von 1876 abgewonnen hat. Die Kunst- und Religionsdiskurse, die nationalökonomischen Diskussionen der frühen Industrialisierung in Russland, jegliche gesellschaftspolitischen Kontexte von der Adelsetikette bis zur Maschinerie des zaristischen Beamtenwesens sind weitestgehend ersatzlos gestrichen. Das große, knapp 1000-seitige Gesellschaftspanorama aus der Belle Époque ist eingedampft auf eine zeitlos magere Geschlechtertragödie über die Unmöglichkeit trauten Glückes.

Liebesweh und Feldarbeit
Diese liest sich so: Anna Karenina verlässt ihren braven, aber faden Gatten und Ministerialbeamten zugunsten eines draufgängerischen Beaus, Offizier Wronski. Doch zur Scheidung kann sie sich aus Liebe zu ihrem neunjährigen Sohn nicht durchringen, so dass ihre Liaison mit Wronski illegitim bleibt und zunehmend gesellschaftliche Ächtung erfährt. Geplagt von Schuldgefühlen, flüchtet sich Anna bald in Eifersucht und Wahnzustände, um sich schließlich – eine der großen Szenen der Literaturgeschichte – vor einen einfahrenden Zug im Moskauer Bahnhof zu stürzen.

Kareninas Fall konterkariert Tolstoi in der Figur des Gutsbesitzers Lewin. Nach viel Liebesweh, Selbstzweifeln und atheistischem Weltekel, den er durch Feldarbeit und Ökonomiestudien aufzufangen bemüht ist, findet Lewin mit Kitty schließlich Eheglück und religiöse Seinsgewissheit. Selbstredend zeigt sich Petras an dieser Stelle skeptischer und stuft Lewin entsprechend zur freudlosen Nebenfigur herab, die niedrig und beleidigt in die Ehe taumelt wie ein Marathonläufer, dem man zu lange Wasser vorenthalten hat. Die religiöse Erbauung darf der Priester höchstpersönlich versagen: "Diese Welt ist krank … außer in den seltenen Momenten des Rausches."

Zwischen Adventskalender und Legebatterie
Leider ist diese Welt auch recht schnell einsehbar und tatsächlich alles andere als rauschhaft – jedenfalls in der Inszenierung von Jan Bosse, die mit Berliner Starbesetzung in Recklinghausen auffährt. Man spielt in einem dreietagigen, hellgrau ausgeleuchteten Baukasten, in etlichen, verschieden großen Feldern – eine stilisierte Hausfront irgendwo zwischen Adventskalender und Legebatterie (Bühne: Stéphane Laimé). Gemäß der Grundannahme, dass Kommunikation und Nähe prinzipiell unmöglich sind, bewegen sich die Akteure bevorzugt in verschiedenen Feldern, sprechen sie über die Trennwände hinweg.

Wie üblich bei Petras/Kater wird viel nach vorn monologisiert oder Handlung berichtet. Tempo kommt schon wegen der umständlichen Raumwechsel (durch winzige Türen, alles ist sehr beengt) kaum auf. Und so bleibt das Schauspiel bereits im Ansatz stecken, ziehen sich die Beteiligten auf ihre Routinen zurück. Fritzi Haberlandt greift sich – nach kurzem Beginn als Grande Dame mit schwarzer Perücke und Burberry-Kleid – schnell ihre Jungmädchenattitüden und gibt den Sätzen den bekannten, leicht anberlinerten Nachdruck, der stets zu sagen scheint: Schau, was für einen groooßen Bonbon ich daaa wieder ausgewickelt habe.

Ironische Diven, schlurfige Slacker
An ihrer Seite verlegen sich Claudia Geisler (als Dascha) und Wanda Perdelwitz (als Kitty) eingangs auf einen ironischen Umgang mit dem Divenfach, in Anspielung auf die legendären Hollywood-Verfilmungen des Stoffes. Wenn sie harsch herumzicken, flackert es kurz auf, das bedrückende Leben mit Alterung und zweitklassigen Männern. In solchen Hysteriemomenten erscheinen die schlurfigen Slacker an ihrer Seite, Stefan (als alternder Dandy: Bernd Michael Lade) und Lewin (wehleidig, mit schwarzem Dulderscheitel: Robert Kuchenbuch), restlos geplättet.

Ronald Kukulies, der Experte fürs Unheroische, führt seinen Ehemann Karenin nur einmal an den Rand berührender Selbstaufgabe, wenn er auf die Rückkehr Annas hofft, gemäß dem Credo: Mit anderen wird es auf Dauer genauso langweilig wie mit mir. Dass Kukulies zugleich die Rolle des Sohns übernimmt, darf man als Wink der Inszenierung auffassen: Es geht hier nicht um den Widerstreit zwischen hitziger Liebe und Muttergefühl, sondern um einen Konflikt für die Singlegesellschaft: Eine Frau zwischen zwei Männern, zwischen Draufgänger und Bürosesselhocker.

Der Wind Castorfscher Russenabende
Und dieser zweite Mann reißt den Abend dann doch ein wenig heraus: Mit Milan Peschel als besonders nachlässigem, versoffenem, rüpelhaftem, verletzlichem, liebendem, schließlich gebrochenem Bohemien Wronski weht der Wind großer Castorfscher Russenabende, weht der Wind Dostojewskijs in die Halle Marl.

Zwar hält sich auch Peschel, gemessen an seiner sonstigen Rebellionsperformance auffallend zurück, doch reicht das noch locker hin, um der statischen Anordnung, die Bosse hier gewählt hat, Leben einzuhauchen. Er zerhackt die Türen, springt zum Publikum, brüllt, kriecht, heult – und ist der einzige, dem die allgemeine Liebesunfähigkeit richtig ins Mark geht.

"Er hatte eine Blume gepflückt, aber in dem Moment, als er sie abriss, hatte sie zu welken begonnen", diagnostiziert er das Fatum seiner Affäre. Und verzweifelt bäumt er sich auf: "Aber er würde es regnen lassen, damit sie wieder blühe". Auch dieser Inszenierung darf man mehr Regen und Blüte, sprich mehr Aufbegehren, Timing und Risiko wünschen, wenn sie am 27. Mai nach Berlin ans Maxim Gorki Theater kommt.

 

Anna Karenina
von Leo Tolstoi
Uraufführung der Dramatisierung von Armin Petras
Regie: Jan Bosse, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Musik: Arno Kraehahn, Video: Meika Dresenkamp, Dramaturgie: Andrea Koschwitz. Mit: Fritzi Haberlandt, Ronald Kukulies, Bernd Michael Lade, Claudia Geisler, Wanda Perdelwitz, Robert Kuchenbuch, Milan Peschel.

www.ruhrfestspiele.de

 

Mehr lesen? Hier gelangen Sie zur Nachtkritik von Jan Bosses Inszenierung von Kleists Amphitryon am Maxim Gorki-Theater in Berlin, hier zur Nachtkritik von Armin Petras' Inszenierung von Fritz Katers Heaven (zu tristan) und hier, wie die Inszenierung bei den 33. Mülheimer Theatertagen ausgesehen hat, wo sie ins Rennen um den Mülheimer Dramatikerpreis ging.

Kritikenrundschau

"Vieles an der tragischen Geschichte der Ehebrecherin Anna Karenina", schreibt Matthias Heine in der Welt (19.5.2008), "ist heute nur noch historisch nachvollziehbar". Und findet es insofern "zwangsläufig", dass die Bühnenfassung von Armin Petras wie die Inszenierung von Jan Bosse "sehr komisch" sind. (Wobei der Regisseur durchaus etwas "von den ewigen Schmerzen der Liebe" wisse.) Sensationell ist für ihn das Bühnenbild von Stéphane Laimé: "Eine Art Puppenhaus (...) aus ungleich großen, aufeinander gestapelten Kammern." Sie werden tapeziert oder mit Umzugskartons vollgestellt, sind mal niedrig wie ein Schneewittchensarg oder auch glitschig wie Glatteis. Ein "Adventskalender, in dem statt Schokolade tolle Schauspieler stecken". Unter denen er besonders den langjährigen "Tatort"-Ermittler Bernd Michael Lade erwähnt, der sich "in einem luxuriösen Ensemble" behauptet, "als wäre er nie vom Theater weg gewesen".

Auch Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.5.2008) erschließt sich die Inszenierung von der Bühne her, wobei das bei ihm nicht positiv endet: "Ein überdimensionierter Setzkasten erhebt sich über drei Stockwerke und enthält fünfzehn hoch- und breitformatige Waben, die, bis auf zwei etwas weiträumigere, nur Einzel- und Zweierzellen bieten. Die Romanvorlage wird in diesem Raumgefüge förmlich zerstückelt, die Figuren werden herausgestellt und isoliert. Tolstoi im Konzeptionskorsett." Auf diese Weise würden die Figuren zwar auch "individuell analysiert", doch weder produktiv in Bezug zur Romanvorlage gesetzt, noch wirklich von ihr abgelöst. Insofern feiere das Theater hier eine "doppelte Entwertung: die des Leo Tolstoi und die seiner eigenen Möglichkeiten".

Stefan Keim
hingegen konstatiert in der Frankfurter Rundschau (19.5.2008) durchaus zufrieden, dass die "Tausend-Seiten-Wälzer" nun auf dem "Weg ins Repertoire" seien: bei Castorf in Berlin sowieso, aber schon Stemann in Wien und nun auch Petras/Bosse in Recklinghausen, hätten sich "an die großen Russen" herangetraut. Wobei Petras nicht behaupte, dass alles auf die Bühne zu bringen sei. Aber er "transportiert epischen Atem" und "lässt den Roman immer wieder durchschimmern". Auch inszenatorisch sei eine eigene Form gefunden. Bosse halte das Spiel gekonnt an der "Schwelle zwischen Realität und Fantasie", jeder höre alles über jeden im "steil aufragenden Kastenhaus", und die Heutigkeit werde ganz selbstverständlich entwickelt, wobei Fritzi Haberlandt etwas zu stark die "bekannten Register" ziehe. Auch insgesamt hätte "etwas weniger körperliche Aktion und mehr Mut zur Stille" gutgetan.

Für Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (19.5.2008) funktionieren Spielfassung und Inszenierung gut. Selbst wenn Petras, um von der zeitlosen Sehnsucht nach der großen Liebe zu erzählen, nicht Tolstoi gebraucht hätte, sind dessen Figuren für sie "wie Kronzeugen für die traurige Vergeblichkeit, von der dieser Abend kündet". "Der Atem des Romans bleibt" und produziere gemeinsam mit "den schönen, traumartigen Videobildern von Meika Dresenkamp und der suggestiven Musik von Arno Kraehahn" eine "zarte Poesie". Laimés Bühnenbild ist für sie "eine starke Setzung" und lasse die Inszenierung durchaus etwas schwer in Fahrt kommen, aber am Ende sei alles gut und schön und wirklich bewegend.

In der taz (20.5.2008) sieht Hans-Christoph Zimmermann kritisch, dass Jan Bosse aus Tolstois "Panorama der bürgerlichen Gesellschaft zwischen Religion, Militär, Politik und Landwirtschaft" einen "lähmenden Beziehungsreigen" mache. Tolstois groß orchestrierte "Gefühlspartitur wird heruntergerechnet auf einen Flapsigkeitsjargon, den man aus Fritz Katers, vulgo Armin Petras' Stücken kennt." Vor allem Fritzi Haberlandt als Anna pflege ausgiebig "ihren schnoddrigen, pragmatisch-imprägnierten Jungmädchenton", der gegen jede Leidenschaft immun sei. "Über der Aufführung liegt der Mehltau einer pseudoexistenzialistischen Melancholie, unterstützt durch molllastige Musikschleifen." Man parliere von Wabe zu Wabe. "Die reflexive Überlast ist groß, die Sehnsucht nach emotionaler Unbedingtheit auch." Dreieinviertel Stunden würden die Figuren die Flüchtigkeit und Unbegreifbarkeit der Gefühle beklagen. "Doch bereits vor der Pause hat die Inszenierung ihr Potenzial ausgeschöpft."

"Anna Karenina wirkt wie ein Gegenzauber zu den 'Feuchtgebieten'", schreibt Roland Müller in der Zeit (21.5.2008). Es könnte also mehr als Zufall sein, dass just in diesen Tagen der gewaltige Roman einer gewaltigen Liebe "oberhalb des Unterleibs" für das Theater entdeckt werde. Armin Petras "holt Frau Karenina aus ihren weich gepolsterten Milieusheraus: Radikal streicht er den 1200-seitigen Romanauf siebzig Seiten zusammen, lässt das Salongeplauderüber Kunst, Religion, Politik und Wirtschaftweg und die alles bestimmende gesellschaftliche Etikette nur am Rande aufglimmen." Schon beim Eröffnungsbild ("Setzkasten") von Bosses Inszenierung ahne man: "wo sich Tolstoj noch für die Idee der Familie interessierte, interessiert sich Bosse für deren Verfallsprodukte. Seine Anna Karenina lebt in der Single-Gesellschaft." Die Regie dimme Anna und Wronski auf ein "rotziges Castorf-Format herab, ohne freilich (und das ist die Kunst) ihre Leidenschaften zu verkleinern." Insgesamt liest man aus Müllers Rezension nicht unbedingt Begeisterung, aber zumindest Wohlwollen.

 
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