Ihr seid verloren

von Sascha Ehlert

Berlin, 30. März 2017. Die vierte Wand hält. Das Ensemble müht sich, sucht nach dem Brüchigen, veranstaltet dabei allerlei Unfug, bemüht die Schriften Rousseaus und Diderots, flucht und rennt und flucht, übt sich in übelster Publikumsbeschimpfung, dennoch steht am Ende zermarternder zweieinhalb Stunden ein ernüchterndes Fazit: Wie beim Squash fliegt jeder geschlagene Ball umso schneller zurück in Richtung Spieler. Das Publikum sitzt notorisch distanziert hinter einer Plexiglaswand, ist vielleicht verwirrt, vielleicht überfordert, vielleicht genervt – aber höchstwahrscheinlich nicht berührt. 

Spricht man über Angélica Liddell, die 1966 in Figueres, Spanien geborene Regisseurin, Dramatikerin, Schauspielerin, Performancekünstlerin, kommt oft Antonin Artauds "Theater der Grausamkeiten" ins Spiel. Sollte Liddell mit der deutschsprachigen Uraufführung von "Toter Hund in der Chemischen Reinigung: Die Starken" tatsächlich ein Sinne, Seele und Geist des Publikums erfassendes Totaltheater angestellt haben, ist sie an diesem Abend an der Schaubühne grandios gescheitert, obwohl ihre Spieler ihr Möglichstes tun, um das Premierenvolk mit Grausamkeiten zu überziehen. 

Verkürzte Kapitalismuskritik

In der Sprache der Regisseurin meint dies vor allem: Es wird geschrien und gerannt ohne Ende, und einige Szenen werden so langsam und genüsslich ausgewalzt, dass sich ein mancher genervt in seinem Sessel windet. "Toter Hund in der Chemischen Reinigung" ist ein Science-Fiction-Stück, das mit seinem Titel beginnt: Wir befinden uns in einem sicherheitsbesessenen Staat, der sämtliche Migranten deportiert hat. Der Reinigungs-Besitzer Octavio hat einen Hund erschlagen, ein paar Mitbürger kommen in die Reinigung, sie alle macht der Sicherheitsterror irre, und am Ende werden (scheinbar) brave Bürger zu Terroristen – aber die Handlung gerät schnell zur Nebensache. Stehen bleiben vor allem Effekte. 

ToterHund 560a gianmarco bresadola uRadikalisierung auf Kunstrasen: Ulrich Hoppe, Renato Schuch, Veronika Bachfischer, Iris Becher
© Gianmarco Bresadola

So beginnt das Stück mit Damir Avdic, der einen Stuhl mit einer Axt zertrümmert. Die trägt er beinahe die ganze Zeit über mit sich herum. Dann erklärt er, dass er den getöteten Hund spiele, der von einem Menschen dargestellt werde, weil ein Hund teurer sei als ein "fucking" Schauspieler. Es folgen: demokratietheoretische Exkurse, ein bisschen Handlung, dann rennen die Schauspieler in modischen Running-Turnschuhen und noch modischeren Sportklamotten ganz oft um ein Kunstrasenrechteck in der Mitte der Bühne herum, um zu signalisieren, dass es hier auch um die ungesunde Turbogesellschaft geht – und so weiter. Das Hauptproblem des "Toten Hunds in der Chemischen Reinigung": Zwischen viel dadaeskem Quatsch und Theorierezitiererei drückt Liddell dem Publikum ihre verkürzte Kapitalismuskritik mit viel zu viel Furor und Nachdruck über den Gehörgang in den Schädel hinein.

"Universale Kleingeistigkeit"

Der gelungenste Teil des Abends: als Damir Avdic nach einer besonders bernhardesken Schimpftirade diejenigen im Publikum, die von dem Gesehenen genervt seien, bittet den Saal zu verlassen. Einige gehen, Avdic schaut böse, ein paar mehr gehen. Dann geht auch das Ensemble ab und lässt das Publikum allein zurück. Das Licht bleibt aus, und es passiert erstmal nichts. Aber dann regt sich was: Die Leute fangen an sich umzusehen, gucken einander an, wirken unsicher, klatschen, fummeln an ihren Smartphones rum, kurzum: Sie sind mit der Situation überfordert. Insgeheim wünschen sich offenkundig viele, dass es jetzt bereits vorbei ist, obwohl beim Reingehen auf einem Schild eine Aufführungsdauer von 2 Stunden und 25 Minuten angekündigt wurde. Ein erhellender Moment. Wie Liddell die "universale Kleingeistigkeit" des Publikums (mit Ansage) entlarvt, indem sie ihre Spieler erst noch sagen lässt, dass das wahre Schauspiel im Zuschauerraum stattfinde, das Publikum offenkundig veräppelt, dieses aber geduldig sitzen bleibt, bis die Spieler nach langen fünf, sechs Minuten wieder auf die Bühne kommen – das ist lustig.

ToterHund 560 gianmarco bresadola uPublikumsbeschimpfer in katastrophischem Rotlicht: Damir Avdic
© Gianmarco Bresadola

Leider sind viele andere Segmente dieses aus Stückwerk bestehenden Abends gar nicht humorig, sondern streng didaktisch in ihrem Verteufeln von Kultur und Kapitalismus. So mäandert dieser Abend zwischen Ernst und Dada, findet dabei aber nie eine klare Linie. Insbesondere in der zweiten Hälfte fällt das Aufmerksamkeitsniveau allüberall merklich ab, Szenen verschwimmen zu einem klamaukigen Brei, und am Ende bleibt vor allem das Gefühl, dass hier eine Regisseurin den Glauben an die Wirkmacht der Kunst verloren hat.

Toter Hund in der Chemischen Reinigung: Die Starken
Regie, Bühne und Kostüme: Angélica Liddell, 
Mitarbeit Regie: Gumersindo Puche, 
Sounddesign: Antonio Navarro, 
Licht: Carlos Marquerie,
 Dramaturgie: Florian Borchmeyer.
Mit: Damir Avdic, Iris Becher, Ulrich Hoppe, Renato Schuch, Lukas Turtur, Veronika Bachfischer, Susana Abdul Majid.
Dauer: 2 Stunden 25 Minuten, keine Pause

www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau

Auf der Webpräsenz der Berliner Zeitung (31.3.2017) schreibt Doris Meierhenrich: Man wisse nicht immer, "was an stilironischer Komik wirklich kalkuliert ist, was sich aus den pathetischen Übertreibungsgesten und den diffuser werdenden Wortkaskaden unfreiwillig komisch verselbständigt". Die erste Hälfte sei "geistreich", die letzte Stunde drifte "komplett in Kitsch ab". Die "fletschenden Hunde-Auftritte" gehörten zum Besten des Abends, weil sie das "Nichtgeschliffene, Tragische" zurück brächten. Leider bleibe es nicht bei "dieser Schärfe", versande das Stück in "Zitaten-Zierart und Wortschwall".  Man verlasse den Abend mit "tragikomischen Gefühlen".

Christine Wahl schreibt auf der Website des Berliner Tagesspiegel (1.4.2017): Das "Provobestreben" des Textes wirke 2017 "vor allem unfreiwillig komisch". Bei Liddell handele es sich zwar um eine "verdiente Regisseurin und Performancekünstlerin", ihre Produktion sei jedoch "über weite Strecken wahnsinnig mühsam". Es gehe darum, "sich in unsere kollektiven wie individuellen Verdrängungen vorzuarbeiten". "Totalitarismus und Demokratie, Sex und Gewalt, Kunst und Kitsch" gingen wild durcheinander. Immerhin habe es in Berliner Theatern "schon länger keine derart direkte Kommunikation mehr zwischen Publikum und Bühne" gegeben. Die PSchauspieler verschwänden bei Gelegenheit, das Publikum geize nicht mit Zurufen und Kommentaren.

Auf der Website des Deutschlandfunk (3.4.) schreibt Barbara Behrendt: Die Enttäuschung über Lidells Arbeit sei groß gewesen. Sie habe eher einem "routinierten Griff in die Mottenkiste des Performance-Theaters" geglichen. Die sechs Schaubühnen-Schauspieler könnten jene "exzessiven Ausbrüche der Performerin, ihre Bereitschaft, über Grenzen zu gehen, nicht annähernd" imitieren. Zu sehen seien deshalb nichts als "Pseudo-Provokationen".

In ihrem Bericht über F.I.N.D. in der Süddeutschen Zeitung (7.4.) bemerkt Mounia Meiborg lapidar: "Manches missglückte beim Find-Festival auch gründlich. Wie die Eröffnung der spanischen Radikal-Performerin Angélica Liddell, die diesmal das Schaubühnen-Ensemble auf der Bühne schreien, rennen und masturbieren ließ – wahlweise zur Erheiterung oder Ermüdung des Publikums."

Was Liddell präsentiere, sei "alles andere als künstlerisch furios, gleicht eher einem routinierten Griff in die Mottenkiste des Performance-Theaters", schreibt Barbara Behrendt in ihrem F.I.N.D.-Abschlussbericht der taz (10.4.2017). "Liddell, die sich früher live die Beine blutig schnitt und öffentlich masturbierte, steht nicht selbst auf der Bühne. Leider, denn die Schauspieler können jene exzessiven Ausbrüche der Performerin nicht annähernd imitieren." Zu sehen seien "nichts als Pseudo-Provokationen: Stühle werden zerhackt, es wird im Dreck gewühlt, den Zuschauern der nackte Hintern entgegengestreckt. Ach je."

 

 

 
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