Paranoiker sterben im eigenen Bett

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt am Main, 1. April 2017. Wer auch immer dafür sorgte, dass der Inszenierung eine halbe Stunde fehlt, tat gut daran. Vorgestern hieß es noch, das Ganze dauere zwei Stunden und zehn Minuten. Jetzt wurden daraus eine Stunde und vierzig Minuten. Hellauf genug.

Eine Wohnstube wird zum Untergrund

Der amerikanische Autor Tony Kushner erzählt in seinem 1985 uraufgeführten Stück "A bright room called day" aus dem Deutschland der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts. Ein buntes Grüppchen – Künstler und Kommunisten, Gescheite und Gescheiterte – trifft sich bei der Schauspielerin Agnes Eggeling, um Silvester, das Leben, die Liebe und sonst was zu feiern und sich die Köpfe heiß zu reden. Peu à peu werden sie von den Verhältnissen erdrückt, was sich im Bühnenbild von Anneliese Neudecker buchstäblich vollzieht, indem sich die Decke über der Spielfläche immer weiter absenkt, bis die Menschen darunter kaum noch atmen können. Tolles Bild: Die Wohnstube wandelt sich zum Untergrund.

 Willkommen1 560 Birgit HupfeldNoch weht die Rote Fahne in Deutschland Anfang der 1930er Jahre: Carina Zichner, Paula Hans,
Christoph Pütthoff, Lukas Rüppel, Sina Martens, Jeanne Devos  © Birgit Hupfeld

Dabei leitet die Frage, wie man auf den Aufstieg der Nationalsozialisten reagiert, das Stück. Kollaborieren? Duckmäusern? Widerstehen? Dreh- und Angelpunkt ist die Figur Zilla, für Kushner der interessanteste und problematischste Aspekt seines Stückes: Idealerweise solle es eine ständige Aktualisierung von ihrer "Politik der Paranoia" geben, in Form von Verweisen auf alles böse Handeln, das zum Zeitpunkt der Produktion relevant sei, heißt es im Vorwort.

Mit neuen Texten von Marlene Streeruwitz

Zillas Texte in der deutschsprachigen Erstaufführung stammen von der österreichischen Schriftstellerin Marlene Streeruwitz. "Frau von heute" lautet die Rollenbeschreibung von Zilla bei Kushner. In der von ihm selbst besorgten Uraufführung des Stücks entpuppte sie sich als vehemente Ronald-Reagan-Feindin. Streeruwitz wendet die Figur ins allgemein Aktivistische und gibt ihr einen hübsch feministischen Touch. Die Frage nach der richtigen Reaktion auf die Verhältnisse im Deutschland der dreißiger Jahre und die Weltlage der Gegenwart verbindet Zilla mit einem Aufruf zu Wachsamkeit, Widerstand und Revolution. Das kommt dann ebenso plakativ daher wie die deutsche Geschichte bei Kushner. Wahrscheinlich also kein Zufall, dass das Stück hierzulande bislang unentdeckt war.

Dass die Paranoiker von heute, womöglich die Helden und Geretteten von morgen sind, gehört indes zu den denkenswerteren Gedanken. Auch den spricht Zilla aus, indem sie Hannah Arendt zitiert, die Deutschland vor dem Krieg verlassen habe, weil sie paranoider gewesen sei als ihre Freunde und Verschwörungstheorien gegenüber nicht abgeneigt war. "Die Freunde hielten sie für verrückt, aber Hannah starb in ihrem eigenen Bett (...)", schlussfolgert Zilla scharf.

Den kommenden Aufstand herbeiwedeln

Carina Zichner verkörpert diese Frau, wobei die Inszenierung die Figur gleichermaßen exponiert wie undankbar anlegt. So unterbricht Zilla die Spielhandlung nicht nur mit ihren politischen Weckrufen, sondern spielt gleichzeitig auch noch den Conférencier des Abends, die skurrile Figur der Alten und den Teufel. Dabei hätte man ihr nahelegen sollen, die Streeruwitz-Texte ohne Beben über die Rampe zu bringen: beiläufig, lakonisch, nonchalant. Diese Zilla aber wedelt den kommenden Aufstand förmlich herbei. Immer wieder wirft sie zudem betont kontrollierende Blicke ins Publikum.

Willkommen2 560 Birgit HupfeldVon der Dachplatte wie von den Verhältnissen zerquetscht: Jeanne Devos, Jan Breustedt, Sina Martens
© Birgit Hupfeld

Dessen ungeachtet gelingt der Regisseurin Karin Plötner ein solider Theaterabend, an dem Paula Hans als extravagant görenhaftes Fähnchen im Wind, Jeanne Devos als bewundernswert straight aufspielende Agnes und Sina Martens als wieder einmal kraftvoll präsente Annabella in Erscheinung treten. Jan Breustedt, Christoph Pütthoff und Lukas Rüppel spielen darüber hinaus schwache, starke und halbseidene Männer aller Art.

An den Schauspielern liegt es jedenfalls nicht, dass der Abend zuweilen eine solche Angestrengtheit ausstrahlt, die aber zum moralischen Impetus des Stückes, das auf Brechts "Furcht und Elend im Dritten Reich" basieren soll, passt. Könnte auch sein, dass das Ganze in den Vereinigten Staaten einfach besser funktioniert. Aus deutscher Perspektive bleibt vieles an der Oberfläche. Zugute halten kann man Tony Kushner, dass er diese Oberflächen scannt. Das Böse aber lässt sich so nicht blicken.

 

Willkommen in Deutschland
von Tony Kushner
Deutsch von Frank Heibert
Mit neuen Texten von Marlene Streeruwitz
Regie: Katrin Plötner, Bühne: Anneliese Neudecker Kostüme: Lili Wanner, Musik: Markus Steinkellner, Dramaturgie: Henrieke Beuthner.
Mit: Jeanne Devos, Paula Hans, Sina Martens, Carina Zichner, Jan Breustedt, Christoph Pütthoff und Lukas Rüppel.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Die Aktualität von Kushners Stück "A Bright Room Called Day" liege "so offen auf dem Tisch, dass man neugierig darauf wäre", wie die ursprüngliche Version jetzt wirken würde, schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (3.4.2017). In der neuen Fassung bekomme die Beobachter-Figur Zilla nun "einen unverhohlen Streeruwitz'schen Raum, in dem die bequem 'flächige Schuld' der Nachgeborenen so scharf kritisiert wie die Revolution unverdrossen eingefordert wird." Die beiden ineinander geschobenen Textteile würden allerdings "offene Türen einrennen, energisch, aber eben auch plakativ und thesenhaft." Karin Plötner inszeniere "solide, trotzdem wirkt es im Ergebnis ziellos. Zu gut kennt man die Typen, die engagiert und fit vorgeführt werden."

Carina Zichner als Zilla schreibe "schon früh mit Kreide die Worte 'Warte nur' an die schwarze Portalwand", schreibt Claudia Schülke in einer überwiegend nacherzählenden Kritik im Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen (3.4.2017). "So kann man auch die Regiearbeit lesen: als Aufruf zur Wachsamkeit in undurchsichtigen Zeiten."

Alexander Kohlmann wird auf Deutschlandfunk (Zugriff 3.4.2017) deutlich: "Die Thesen, die Autorin Streeruwitz der Zilla in den Mund legt, sind erstaunlich – vor allem deshalb, weil sie so gar nichts mit dem Deutschland der Gegenwart zu tun haben." Die Bilder vermischten sich und verschwömmen "zu einem grotesken Zerrbild: Die Verbrechen der Nazi-Zeit werden hier aus derselben Perspektive gesehen wie die tragischen Toten der Gegenwart. Der Vergleich und die Behauptung, das Deutschland von heute habe irgendetwas mit dem Deutschland von 1933 zu tun, ist so ungeheuerlich, dass man ihn nicht ernsthaft diskutieren muss. Es ist fatal, mit welcher Schlichtheit hier historische Analogien gesucht und auf der Bühne behauptet werden."

 

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