Ceci n’est pas une Kolümn

von Teresa Präauer

5. April 2017. Scheitern am Verfassen einer Kolumne auf nachtkritik.de bisher: 0 Mal.

Wann sollte man im Leben keine Kolumne schreiben?

– Wenn man erst seit 3 Tagen als Visiting Professor in Amerika weilt, den Jetlag noch im Hirn und in den Gliedern.

– Wenn man, es ist spätnachts, bereits eine halbe Flasche Zinfandel von Bogel Vineyards getrunken hat.

– Wenn man die halbe Nacht, gegen den guten Vorsatz eine Kolumne zu schreiben, mit einem sogenannten "Akademietheaterstar" gechattet, also die Nacht gewissermaßen verchattet hat, ohne das Unterfangen noch als "Recherche" betiteln zu können.

– Wenn es in Amerika nach Mitternacht und in Deutschland bereits früher Morgen ist.

– Wenn man auf YouTube "Nightcall" von Kavinsky auf Dauerrepeat hat hören müssen.

kolumne 2p praeauer– Wenn man den ganzen Tag über mit Paperwork zu tun gehabt hat: das Formular DS2019 und den Pass zu Brenda (oder Ronda?) bringen, die Social Security Card unterschreiben, dabei, über Pfützen springend, dem Regen im Bundesstaate Iowa trotzend (dennoch, es ist ein Homecoming).

– Wenn man Brenda (oder Ronda?) zu erklären versucht hat, wie der eigene australische Nachname auszusprechen, respektive zu schreiben wäre.

– Wenn man in der Uni-Mensa einen doppelten Espresso mit wenig Milch zu bestellen versucht hat (Luxusproblem).

– Wenn man seine Zeit auch damit verbracht hat, zwei Journalisten am Campus im Raum JRC 101 zuzuhören, wie sie darüber sprechen, dass sie in Jahrzehnten der gemeinsamen Arbeit wahrnehmen konnten, wie in Amerika "Despair" Verzweiflung, zu "Rage", Zorn, geworden ist. Fotos von aufgelassenen Coalmines und Papierfabriken, von Menschen, die trotz Jobs obdachlos geworden sind, von ausgestorbenen Dörfern im Mittleren Westen, von Wählern, die nun bereuen oder nicht bereuen, Trump gewählt zu haben.

– Wenn diese Lectures seit einigen Jahren im Gedenken an einen Studenten des hiesigen Colleges veranstaltet werden, der, nach einer Party, in Mexiko in einem Liftschacht tot aufgefunden worden ist. Mando Montaño war sein Name. "Er konnte und wollte schreiben." Seine Eltern sitzen im Raum. Mit seinem Vater habe ich danach übers Snowboarden in den Alpen und übers Fischen in Colorado gesprochen. So Sachen halt.

– Wenn man nach dieser Lecture eingeladen worden ist, in der darauffolgenden Woche an einem sogenannten "Drag Queen Bingo" teilzunehmen und als einzige Frage im Raum steht: Wie spielt man Bingo?

– Wenn man, wegen des guten Vorsatzes, eine Kolumne zu schreiben, die Einladung des freundlichen Nachbarn zum Whiskytrinken vorerst ausgeschlagen hat – eines polnischen Journalisten mit Bart und Kippa, der nämlich die zweite Wohnung bewohnt, die hier im ältesten Haus Grinnells untergebracht ist. Auch er hat dieselben Fragen ans Leben: Wie entsorgen wir hier den Müll? Wie funktioniert die Waschmaschine im Gang?

– Wenn man die ganze Nacht davor Roz Chasts großartiges "Can’t we talk about something more pleasant" gelesen hat und daran erinnert worden ist, dass wir alle sterben werden. Ja, auch die User in den Kommentarleisten unten.

– Wenn man mit Professor Hoven vom Dartmouth College via Skype wertvolle Ratschläge für den Unterricht (but nothing else) hat austauschen müssen.

– Wenn man für die Dienstagskolumne von der Redaktion einen Aufschub Richtung Mittwoch bekommen hat, und Mittwoch ja beinah schon Donnerstag ist (siehe Weltzeituhr).

– Wenn man Wichtigeres zu tun hat, wie beispielsweise Romane und Theaterstücke zu verfassen, als sich zu "verzetteln".

– Wenn man eine kleine Reise zu einem Konzert von Rufus Wainwright am Samstag zu planen hat (euer Neid sei mir gewiss).

– Wenn man nachmittags im Supermarkt Mc Nally’s 131,83 Dollars ausgegeben hat für ein paar Dinge des täglichen Lebens (Gomasio, Orange Peel, Bob’s Redmill Hempseed, Rosemary Shampoo, Pinenuts, Cardamom, Balsamic Vinegar, Asparagus, Hass Avocado, Sunflower Seeds, Manchego Cheese, Aroma Candle, Scotchbride Toothpaste, Burt’s Bees Footcream, Tweezers) und weiß, die Arbeit an der Kolumne wird den Einkauf nicht wettmachen. Aber Herzblut. Und das sind ja auch wirklich zu viele Luxusprodukte, siehe Aroma Candle.

– Wenn das einzige Theater, das sich in der Nähe des ältesten Hauses der Stadt befindet, "Strand" heißt und kein Theater, sondern ein Kino ist, in dem "Baby Boss" gespielt wird und "Beauty and the Beast".

– Wenn einen das Leben schüttelt wie ein Milkshake mit Eiswürfeln drin und einem bunten Strohhalm. Und Candace einem fröhlich den Becher reicht und sagt: "Have a good one!"

– Wenn es sogar in Amerika bereits 2 Uhr morgens ist.

 

Teresa Präauer ist Autorin und lebt aktuell wieder in Iowa / USA. Ihre Bücher erscheinen im Wallstein Verlag und wurden vielfach ausgezeichnet. Zuletzt erschien der Roman "Oh Schimmi" und, unter ihrer Herausgeberschaft, "Poetische Ornithologie" als Ausgabe der Neuen Rundschau im Fischer Verlag. In ihrer Kolumne "Zeug & Stücke" denkt sie über die Einzelteile nach, aus denen Theater sich zusammensetzt.

 

Zuletzt schrieb Teresa Präauer in ihrer Kolumne "Zeug & Stücke" über einen Stücktitel von René Pollesch.

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