Frau Holle und der Hexenhammer

von Christoph Fellmann

Zürich, 7. April 2017. Kinder drehen Steine um, und erschreckt vom Licht wuseln die Tierchen davon. Von der Angstlust, die dieses grausige Spiel einst bedeutet hat, wird man an diesem Abend am Zürcher Schauspielhaus eingeholt. Herbert Fritsch, dieses ewige Theaterkind, zieht den Vorhang und blendet das Licht auf, und panisch wuseln acht Schauspielerchen davon in die Ecken ihrer gefangenen Bühne oder unters riesige Kissen, das darauf liegt. Sie sind grimmig geschminkt und grotesk ausgestattet zu Märchengestalten; man glaubt König Drosselbart zu erkennen, Rotkäppchen und Frau Holle, Rapunzel oder Schneewittchen.

Noch ahnt man nicht, wie unerwartet grausig dieser doch recht offensichtliche Cast eines Märchenabends einem schon bald kommen wird. Denn vorerst gibt's Fritsch im Schnelldurchlauf: Da stürzt bereits jemand von der Bühne, ein anderer prallt in die Wand. Jemand springt auf dem Trampolin, und dem nächsten springt der Hut weg. So weit, so apart, und nicht lange dauert es, da gibt es für die erste Slapsticknummer aus dem Pfauenparkett den ersten Szenenapplaus. Es war einmal ein Abend von Herbert Fritsch, und wenn sie nicht gestorben sind, dann spielen sie noch heute.

GrimmigeMaerchen1 560 Tanja Dorendorf T T Fotografie uEs waren einmal Nicolas Rosat, Elisa Plüss; hinten: Markus Scheumann, Florian Anderer
© Tanja Dorendorf T T Fotografie

Doch dann zeigt uns der Regisseur, was er unter dem umgedrehten Stein wirklich gesehen hat. Die exzellenten Schauspielerinnen und Schauspieler erzählen es im übersteigerten Märchenton – also in jenem Singsang, der das Unheimliche noch unheimlicher machen will, der in diesem Fall aber tatsächlich zu einem Singsang des Grauens wird. Man hat im Kinder-, Schüler-, Jugend- und Stadttheater manch einen Märchen-Mash-up gesehen, in dem sich die erwähnten Märchenfiguren in mehr oder weniger lustigen Szenen über die Grenzen ihrer angestammten Geschichten hinweg begegnen. An diesem Abend aber erzählt uns dieses berühmte eine Prozent der Märchenwelt für einmal, was bei den Gebrüdern Grimm und ihren Vorläufern halt auch noch steht. Wir erleben einen burlesken Ringelreihen der Gewalt.

Darauf stösst, wer nicht nur die Klassiker des Genres konsultiert, sondern auch eher abgelegene Märchen wie "Die drei faulen Mädchen", "Der süsse Brei" oder "Der arme Junge im Grab". Ein knarrender Soundtrack spielt, und Rotkäppchen und seinen Freunden weiten sich die Augen und Gesichter vor Schreck, als letztere Geschichte erzählt wird vom Jungen, der nicht brav war, und der zur Strafe todkrank wurde und schon bald ins Grab kam – von wo ihm nun freilich ein Ärmchen in die Welt ragte, so sehr es die Mutter auch in den Dreck zu drücken versuchte.

Kannibalen in der Familie

In "Das Totenhemdchen" lag schon wieder ein "schlafendes Kind im unterirdischen Bettchen", und ein andermal schlachtete ein Kind sein Brüderchen, so wie er es beim Schweinchen gesehen hatte, worauf die ganze Familie das Leben verlor. Dann herrschte wieder Hungersnot, und "meine Mutter kocht' mich, mein Vater aß mich, und Schwesterchen unterm Tische saß, die Knöchelein all, all auflas". Es sind grausliche Geschichten aus einer Zeit, als Märchen noch nicht mit hochgezogenen Augenbrauen am Kaminfeuer vorgelesen wurden, sondern als sie recht anschaulich von den Schrecken der Hungersnöte und Hexenverfolgungen erzählten.

Im "Marienkind" erhielt ein Mädchen von der Jungfrau Maria die Schlüssel zu den 13 Türen des Himmels, wobei es angehalten war, bloß zwölf zu öffnen (vermutlich, weil dahinter die Apostel wohnen). Doch neugierig wie es war, schloss es auch die verbotene Türe auf und endete auf dem Scheiterhaufen, den Schneewittchen nach einigem Slapstick an den Zundhölzern dann auch tatsächlich in Brand zu setzen vermag. Das ebenfalls allzu vorwitzige "Klein Bäschen" wiederum wurde von Frau Trude zuerst in einen Holzblock verwandelt, bevor auch es ins offene Feuer kam, um der bösen Frau warm zu geben.

GrimmigeMaerchen2 560 Tanja Dorendorf T T Fotografie uKönig Drosselbart kommt nicht durch © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Überhaupt wimmelt es nur so vor neugierigen Mädchen und bösen Frauen unter diesem Stein, der heutzutage nur noch selten gehoben wird. Vielleicht ist das gut so. Dass uns Herbert Fritsch an diesem Abend über den Umweg seines Spaß- und Springtheaters für einmal einen schwarzen Nachtmahr serviert, das überrascht und hat schon seine Richtigkeit. Er zeigt uns uralte, verdrängte Geschichten und unzumutbare Märchen; aber es ist ja nicht so, dass es dafür in unserer heutigen Welt keine Entsprechung gäbe. Und dann erlöst er uns mit einer hochnotkomischen Telefon-Nummer, in der König Drosselbart kaum zu Wort kommt und erst noch seinen Fuß einklemmt.

Nein, kein goldenes Haar passt zwischen den Albtraum und das Alberne an diesem Abend, an dem uns Herbert Fritsch zwei der lustigsten und manche der verstörendsten Szenen zeigt, die man je von ihm gesehen hat. Es ist ein fabelhafter Abend, und das nicht nur, weil am Ende tatsächlich die Fabeltierchen unterm Kissen hervorkriechen und die letzten Sätze all der Märchengeschichten von der Rampe ins Publikum sprechen. Die Sätze vom Glück, in dem fortan und bis zum Tod alle leben. Dann geht das Licht aus. Es ist wieder dunkel unterm Stein, und die Kinder klatschen in die Hände.  

 

Grimmige Märchen
von Herbert Fritsch
Regie und Bühne: Herbert Fritsch; Kostüme: Victoria Behr; Licht: Gerhard Patzelt; Dramaturgie: Evy Schubert.
Mit: Florian Anderer, Henrike Johanna Jörissen, Claudius Körber, Elisa Plüss, Anne Ratte-Polle, Nicolas Rosat, Markus Scheumann, Friederike Wagner.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch



Kritikenrundschau

"Kinder- und Hausmärchen? Nein, eine Orgie von Niedertracht, Obszönität und Gemetzel", ist Herbert Fritschs Grimm-Abend für Martin Halter von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (10.4.2017). "Für Fritsch ist das allerdings keine Tragödie, nicht mal ein Splatterfilm, sondern eine Art düstere Commedia dell’Arte mit fröhlichem Gehopse, Polonaisen und Po-Grabschen. (...) Erwachsene brauchen Märchen. Für Fritsch sind sie das Tor zu einer anderen Welt, die nicht gemütlich ist, sondern schrill und lustvoll böse." Der Abend wird von dem Kritiker als "kunstvoll komponierte Revue aus großer Oper, Zirkus und Freakshow" gefeiert.

"Fritschs neuster Streich ist ein Märchen für Erwachsene und für Eugen-Drewermann-Leser, die behaupten, dass mit dessen psychoanalytischer Märchendeutung alles gesagt sei", jubelt Daniele Muscionico in der Neuen Zürcher Zeitung (10.4.2017) über das "phänomenal" geratene "Schauspielerfest". Märchen "wie hier szenisch in phantastische Abgründe weiterzutreiben, ist in Zeiten realpolitischen Irrsinns Gesellschaftskritik", so die Kritikerin. An diesem Abend werde "die schwarze Bürgerseele mit einer schwarzen Messe gefeiert."

"Gaudi" hat Alexandra Kedves vom Tages-Anzeiger (10.4.2017) in Zürich erlebt, "gut gelauntes Märchengehopse von acht tadellosen, auf Zombie geschminkten Theaterartisten". Gleichwohl "verschlägts dem Zuschauer ob der zahlreichen toten Kinder" in den Märchen "bisweilen den Atem". Der Schmerz der Märchen werde ausgestellt, nicht aber herausgeschrien. "Denn Fritsch ist Entertainer auf dem Hochseil, kein Psychoanalytiker in den Untiefen der Seele." Das finale Solo von Markus Scheumann rettete die Kritikerin am unvermeidlichen Moment, "aus der Bezauberung hinauszugleiten und hinein in einen Überdruss".

Eine "fast perfekte Inszenierung" mit nur wenigen Hängern hat Christian Gampert vom Deutschlandfunk (9.4.2017) in Zürich erlebt. Fritsch habe "den großartigen, artistischen Züricher Schauspielern ganz viele Bewegungssegmente mit auf die Reise gegeben, pantomimische Erkennungsmelodien, bei denen man auch nach einer vollen Stunde noch staunt". Der Abend sei ein "großer anarchistischer Spaß" mit "ernstem Hintergrund: Es geht immer um das christliche Europa und die Sozialisation, die unsereins da mitgekriegt hat, also um Zucker und Peitsche, um Loben und Verstoßen, um Heulen und Beten und Zähneklappern."

Von einem "hochmotiviert, bravourös und detailpräzise aufspielenden" Ensemble berichtet Torbjörn Bergflödt im Südkurier (9.4.2017). Fritsch zeige an diesem Abend, wie sehr die Grimm‘schen Märchen "sich aufladen mit einem grausamen, fallweise geradezu perversen Humor". Nicht immer stimme dabei das Timing, "gewisse Einfälle" würden ein "bisschen überdehnt" ausgespielt.

Fritsch sei an diesem Abend "voll in seinem Element", schreibt Valeria Heintges in der Aargauer Zeitung (10.4.2017): "Im untrennbaren Mix aus Ernst und Nonsens, hochkarätigster Schauspielkunst und niederschwelligstem Jux. Und mit Einfällen zum Niederknien schön."

Unartig und lustvoll böse werde hier gespielt, schreibt Martin Halter in der Badischen Zeitung (12.4.2017). Fritsch beschieße Grimms Märchen "mit seiner Gute-Laune-Strahlenkanone, dass einem angst und bange werden kann".

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