Gebratene Gründlinge

von Tim Schomacker

Lübeck, 7. April 2017. Grinsend und klotzig hockt dieses Ding mitten auf der Bühne, ein dunkelgrauer Totenschädel. Wie trotzig aus dem Vanitas-Stillleben eines längst vergessenen frühbarocken Holländers hierher gebeamt. Überleinwand- und überlebensgroß. Und lässt stoisch Welt um sich herum kreisen. In diesem Fall die eigentümliche ländliche Guts-Welt von Tschechow. Beharrlich rieselt der Kunstschnee. Beständig folgen leise musikalische Schleifen. Beunruhigend gleichförmig dreht sich der Schädel. Er ist vielleicht vier Meter hoch, hohl und entsprechend ausgiebig be-, um- und angehbar. Irgendwie erinnert das ganze Arrangement an eine Hähnchenbraterei.

Lilja Rupprecht hat die Ausweglosigkeit von Tschechows "Iwanow" extra sicher abgedichtet. So groß und wuchtig wie das leise rotierende Vergänglichkeitssymbol in der Mitte, so laut und ausladend sind über weite Strecken auch die Gesten und Sprechweisen der Figuren. Was sie ganz schön anstrengend macht. Für sich, für die anderen und für uns.

Iwanows Kopf-Kino

Vielleicht sind es genau jene Filter im Kopf und dazu Iwanows Wahrnehmungsapparat, jener überschuldeten, verzweifelten, entliebten, desillusionierten, sich ruhebedürftig der Melancholie an den Hals werfenden Titelfigur, die Rupprecht uns zur Begutachtung vorführt. Wir erleben weniger Iwanows Sicht der Dinge als die Funktionsweisen seines Schauens auf sie. Wir wissen, dass er daran und darunter leidet. Wir wissen nicht genau, wo er, wo das herkommt. (Vielleicht ist das unsere Aufgabe an diesem Abend, das herauszufinden.) Wir wissen, dass wir ihm nicht helfen können. Weshalb er auch am Ende in Schwarzblende und Kunstschneefeld aufgehen muss. Sich auflösen, sich davonstehlen als letzter souveräner Akt.

Iwanow2 560 Kerstin Schomburg uLeinwandgroß, immerzu kreisend: das Totenschädel-Bühnenbild von Geraldine Arnold in "Iwanow"
© Kerstin Schomburg

So lassen sich die gut zwei Stunden, die mit Jan Byls auf einem Stuhl sitzenden Iwanow beginnen, wie die Chronik eines angekündigten (und angekündigt nicht abgewendeten) Suizids lesen. Schon vor dem Vorhang sitzt Iwanow da. Erst kommen wir mit unserem Publikumsgequatsche. Dann sind wir still. Und eine Figur nach der anderen redet und gestikuliert auf Iwanow ein. Alle wollen was von ihm. Außer vielleicht er selbst.

Nerven liegen blank

Mit seinem Erschöpfungszustand nimmt auch die Lautstärke drumherum zu. Borkin kommt, sein Gutsverwalter. Will Geld, hat verquere Ideen. Nervt. Onkel Schabjelski kommt. Will was erleben. Nervt. Anna Petrowna kommt, seine Frau. Will nicht mehr krank sein. Nervt. Der Arzt Lwow kommt. Will Anna zur Genesung auf die Krim schicken, vor allem aber, macht er Iwanow für ihren schlechten Gesundheitszustand mit verantwortlich. Und viel Geld kosten seine Dienste vor allem. Nervt.

In verkniffenem Anzug und mit schwarzer Rundperücke nervt Patrick Bergs Lwow wirklich kolossal. Kein Satzteil, keine Gedankenpause, die nicht lautgedreht und rausgepresst würde. Wie durch Iwanows wundes Ohr und tiefschwarze Brille. Genau wie Sven Simons' abgetakelter und ultragelangweilter Graf Schabjelski (wiederum: Perücke, diesmal grau) durch die Szenen schwatzt und schwappt.

Iwanow7 560 Kerstin Schomburg uJunge Dame, darf ichs wagen: Patrick Berg als Lwow und Agnes Mann als Anna Petrowna
in "Iwanow" © Kerstin Schomburg

Wie Rachel Behringer ihrer Sascha – Tochter der verhasst befreundeten Lebedjews und qua "tätiger Liebe" sein aussichtsreichster Rettungsversuch in spe –, wie sie ihrer Sascha geschickt und gründlich allen in Tschechows Worten angelegten Liebreiz austreibt. Alles muss durch das Nadelöhr dieser kaum zu ergründenden Psyche Iwanows. Bei dem wir immer weniger wissen, ob wir da eigentlich Mitleid haben sollen.

Schwermut und Selbstgerechtigkeit

Auch wenn dieser Abend einen nicht durchgehend wirklich packt, wenn er in dem, was er sagen will nicht durchgehend transparent ist, entwickeln Rupprechts um den gigantischen Schädel gebaute Bilder durchaus Sog und Reiz. Im Gebrauch der Drehbühne zum immer wieder neue Konstellationen herbeiführenden Schreiten. In immer wieder eingesetzten Freezes des Personals, was Iwanows Kopf etwas Museales verleiht. In als Live-Video-Bild auf Schädel und Gaze davor projizierte Nahaufnahmen der in Iwanow dringenden Figuren. Vor allem aber im – unerklärlicherweise viel zu schnell wieder beiseite gelegten – Unterfangen, die Figurenzuordnung in Chorgruppen aufzulösen.

Ganze Passagen des dritten Akts, in dem es mit gleicher Dringlichkeit um Iwanows Schuld wie Schulden geht, werden über die Figurengrenzen hinweg als Chor gesprochen. Mal sprechkonzentriert vorn an der Rampe, mal Text gleichsam hin und her schiebend (und hier in einheitlicher Perücke) trunken an den Schädel gekauert. Mal als sich hübsch in abstruse gestische Echos verdrehender Dialog. Wie ein psychedelischer Filmeffekt. Und also nochmal anders rein ins Kopf-Kino des unrettbaren Iwanow. Als der Jan Byl, gegen Ende nackt und dezent verfabianhinricht, schlussendlich natürlich selbst geschickt nervt. Schwermut und Selbstgerechtigkeit beginnen hier nicht zufällig mit dem selben Buchstaben.

Iwanow
von Anton Tschechow
Aus dem Russischen von Peter Urban
Regie: Lilja Rupprecht, Bühne und Kostüme: Geraldine Arnold, Korbinian Schmidt, Musik: Romain Frequency, Video: Helena Ratka, Dramaturgie: Anja Sackarendt.
Mit: Rachel Behringer, Patrick Berg, Nadine Boske, Jan Byl, Astrid Färber, Agnes Mann, Sven Simon, Timo Tank, Vincenz Türpe.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.theaterluebeck.de/

 

Kritikenrundschau

Die chorische Iwanow-Vervielfältigung, der Witz trotz trauriger Fabel, die Leistung der Schauspieler – all das hat es Michael Berger in den Lübecker Nachrichten (10.4.2017) angetan. Am Ende allerdings blieben zwei Fragezeichen: "Warum sich das gesamte Personal erklärtermaßen tödlich langweilt, wo es doch ständig geistreich und originell Konversation betreibt, ist das Geheimnis Tschechows. Warum Byls Iwanow sein Leiden mit Hingabe und Lautstärke hinaus in die Welt brüllt, wo er doch unablässig versichert, wie erschöpft er sei, bleibt das Geheimnis von Regisseurin Rupprecht."

Rupprecht und ihr Team inszenieren "Iwanow" mit "energischen, fast ruppigen Strichen", findet Katrin Lubowski im Stormarner Tageblatt (10.4.2017). Geschickt ziehe das Team die Geschichte des Stücks als doppelten Boden ein. Die Inszenierung setze aufs Komische im Tragischen: "dass dies nicht zart, sondern deutlich und gelegentlich mit Hilfe Slaptick-ähnlicher Einlagen geschieht, schadet nicht." Überhaupt ordne Rupprecht kräftige Konturen an: "Man spricht nicht von Langeweile und Schwermut, man schreit."

 

 
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