100-Millionen-Dollar-Totenschädel

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 17. Mai 2008. Am Ende umschlingt Tasso sein Gegenüber Antonio wie ein Ertrinkender den rettenden Felsen, so dass man den Eindruck haben könnte, er umarme ihn. Der Dichter Torquato Tasso, verkörpert von Florian Hänsel und der Staatssekretär Antonio Montecatino, gespielt von Zlatko Maltar, sind waschechte Antagonisten, äußerlich wie innerlich. Während Tasso sein Hemd aus der Hose hängen lässt und lässig bis nachlässig über die Bühne schlurft, buckelt, kriecht und turnt, trägt Antonio, stets körpergespannt und gerade, sein blütenweißes Hemd ordentlich in der Hose verstaut.

Lust und Last des artist in residence

Der Künstler und der Vernunftmensch - Goethe lässt sie in seinem Künstlerdrama aufeinander los wie Kampfhunde, die nur spielen wollen. In Mainz hat sich jetzt der Regisseur Dieter Boyer der beiden unterschiedlichen Seelen angenommen und dafür erst einmal die Bühne freigeräumt. Lediglich ein fahrbares Gerüst und eine schmale Galerie mit den Büsten einstiger Geistesgrößen lässt er stehen. Wir sind nicht mehr nur in Belriguardo, im Lustschloss des Herzogs von Ferrara, sondern befinden uns in der zeitlosen Unwirtlichkeit unserer Tage.

Am Anfang des Abends stehen aber keine Bilder, sondern Worte. Tassos letzte dramatischen Sätze werden auf den Vorhang projiziert, bevor das erste Bild den Blick auf die beiden Leonores freigibt. Im Hintergrund windet sich derweil schon Tasso und kritzelt sein neuestes Werk auf den Bretterboden. Die Prinzessin, Schwester des Herzogs, zu der Tassos Zuneigung entflammt ist, zeigt sich bei Verena Bukal als ein meerjungfrauengleiches ätherisches Wesen, das sich zuweilen in eine flirrende Hysterie hineingeistert. Blass, dünn und anständig schlafwandelt sie durchs Leben und herzt höchstens tote Dichterfürsten.

Schmückendes Beiwerk

Ganz anders - handfest, praktisch, intrigant - die Leonore Sanvitale der Monika Dortschy, der mit ihrem großen Monolog ein sehenswertes Solo gelingt. Doch selbst das bringt sie ihrem Ziel, Tasso und seine Kunst für sich zu gewinnen, nicht näher. Der fühlt sich ohnehin von Anbeginn nicht recht wohl; den aufgedrückten Lorbeerkranz trägt er wie eine Dornenkrone.

Als artist in residence weilt er am Hof des Herzogs, den Marcus Mislin als geschmacksunsicheren Zuhälter spielt: ganz in Weiß, im langen Pelzmantel, mit nacktem Oberkörper sowie weißem Schlips. Insgeheim lacht er über seinen angestellten Künstler-Spinner, doch dient der ihm auch als schmückendes Beiwerk seines Machterhalts. Als Tasso mit Antonio aneinandergerät, verordnet der Herzog aber, ganz strafender Vater, Stubenarrest. Schnell wird aus der italienischen Idylle ein Gefängnis, in dem Tasso naturgemäß nichts zu melden hat. Das Sprichwort "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" kennt er nicht einmal vom Hörensagen.

Hitzkindskopf, über den der Hof lächelt

Auf der Bühne blickt Regisseur Boyer mit kühlem Kopf auf sein Personal und führt Tasso als komplexbeladene Kreatur vor, die auch mal jähzornige Diva sein darf und nur um sich selbst kreist. Der Dichter als Egozentriker und großer Hitzkindskopf. Seinem Herzog kann er, wenn überhaupt, nur buckelnd gegenübertreten, und erst reichlich spät merkt er, wie abhängig er von ihm und seinen Gnaden ist. Wenn er Antonio zum verbalen Duell herausfordert, kommt aber in erster Linie die Sprachmacht Goethes zur Geltung und nicht die Spielkraft der beiden Akteure.

Boyer baut auf den Text, den er zwar gekürzt hat, aber dennoch sehr ernst nimmt. Mit einer stimmigen Lichtdramaturgie sowie einer effektvollen Szenenmusik umrahmt er das Geschehen. Das ist alles handwerklich sauber gelöst, wenn auch nicht besonders aufregend, einschließlich der im Bühnenbild verankerten Andeutungen auf die Fels-und-Wellen-Symbolik in den Schlusszeilen Tassos.

Felsen, Wellen, Totenkopf

Für den Bezug zur Gegenwart öffnet der Abend jedoch keinen klaren Blick. Auf der Bühne warnt nur ein funkelnder Totenschädel zwischen den Büsten in der Galerie: Damien Hirsts Millionendollarding als Hinweis auf die Ware Kunst in unserer Gegenwart, in der der Markt längst den Herzog gibt. Zum Schlussapplaus kommen dann nicht nur wie üblich die Regie- und Ausstattungsverantwortlichen zu den Schauspielern auf die Bühne, sondern zahlreiche Menschen mehr. Wahrscheinlich haben sie irgendwie und irgendwo (Requisite, Kascheure, Schreinerei) an der Inszenierung mitgetan. Wir deuten das mal als hübsches P.S. des Regisseurs zu den Produktionsbedingungen seiner eigenen Kunst.

 

Torquato Tasso
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Dieter Boyer, Bühne: Hugo Gretler, Kostüme: Susanne Maier-Staufen, Musik: Susanna Ridler.
Mit: Verena Bukal, Monika Dortschy, Florian Hänsel, Zlatko Maltar, Marcus Mislin.

www.staatstheater-mainz.com
 


Weitere Inszenierungen des Staatstheaters Mainz in der Spielzeit 2007/08: Requiem, die Bühnenadaption von Hans-Christian Schmids Film, hatte im vergangenen September Premiere. Mit Christmas setzte Matthias Fontheim im November seine Simon Stephens-Reihe fort. Schirin Khodadadian inszenierte Schillers Die Jungfrau von Orléans im Dezember, und im März brachte Hannes Rudolph Goethes Wahlverwandtschaften auf die Mainzer Bühne.


Kritikenrundschau

Ganz zufrieden bespricht Judith von Sternburg im Lokalteil der Frankfurter Rundschau (19.5.2008) den Mainzer "Torquato Tasso" von Regisseur Dieter Boyer. Die Schauspieler bringen das Genialische bis Jammerlappenhafte, das Künstler von der übrigen Gesellschaft gemeinhin abhebt, aus ihrer Sicht recht geglückt zur Geltung. Und auch die Peinlichkeit, die das Selbstbezogensein solcher Leute mitunter hat, das "Geflecht aus Empfindlichkeiten und Machtworten" zwischen Künstlern und ihren Auftraggebern inklusive. Auch der "kleine Gag" mit dem Damian-Hirst-Diamantschädel kommt an, ebenso die daran geknüpfte Botschaft. Man ahnt freilich: diesen Goethe hätte sie sich auch hintergründiger vorstellen können. Aber so scheint er auch zu funktionieren. Oder wie sagt es die Kritikerin selbst: "Die Inszenierung bietet nicht nur die passende Umsetzung für den Text, sondern auch den Effekt um des Effektes willen. Ein Theaterabend, der nichts anderes sein soll."

Angetan zeigt sich Michael Jacobs im Wiesbadener Kurier (19.5.2008) von diesem "Psychoduell" der empfindsamen Seelen. Boyer habe den Klassiker um die "künstlerische Selbstbespiegelung der Macht und die Ohnmacht unbedingten Kunststrebens" ohne "störendes Bühnenbeiwerk puristisch-elegant" dicht an Goethe entlang inszeniert. Auch die Schauspielleistung, allen voran die von Florian Hänsel, wird sehr gelobt. Dass die "weltfernen, in rauschhaftem Schöpfergefühl verstrickten Entäußerungen des Dichter-Helden" mitunter auch einen "sehr vitalen Hang zur Neurose und unfreiwilliger Komik entwickeln" würden, dafür könne die Inszenierung nichts. Das habe Goethe sich und seinem Tasso "selbst eingebrockt".

Eva-Maria Magel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.5.2008) hält die Inszenierung für nur "leidlich gut". Immerhin gingen Florian Hänsel und und Zlatko Maltar als Tasso und Antonio "souverän mit den Zumutungen der jambischen Verse um". Ob dieser Tasso allerdings durch die Kunst gerettet werden könnte, sei "mehr als fraglich". Vielmehr zeige Hänsel einen "narzisstischen Neurotiker", der dem Materiellen durchaus zugeneigt ist und sich trotzdem "für einen leidenden Künstler hält". Zusammen mit dem Diamantschädel und der "hübsch wabernden Elektromusik" von Susanne Ridler ergebe das insgesamt eine nur ungefähr zeitgemäße Inszenerung, der es an "Verve und Zugriff" fehle.



 
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