Die Falschen und die Richtigen

von Martin Pesl

Wien, 13. April 2017. Alle paar Spielzeiten muss ein Nestroy her, in jedem großen Sprechtheater in Österreich. Schließlich will man Publikum, und fürs heimische Publikum en gros sind die Possen aus der Zeit des Vormärz das Non plus ultra: weise und witzig, ohne in die Tiefe zu gehen, immer jugendfrei und mit diesem Tonfall zwischen "tiafem" Slang und poliertem Bühnendeutsch. Österreichische Schauspieler (kaum *innen), die in Nestroy-Hauptrollen glänzen, verteidigen so das Terrain gegen die Deutschen, derer es ja im Theater eh viel zu viele gebe. Die Plots, in denen gierige wie gütige Menschen ihr Lebensglück suchen, halten jedem Regiekonzept stand – zumindest will das Wiener Publikum das gewusst haben. Wehe, jemand lässt sich zu viel einfallen! Als der deutsche Regisseur David Bösch textliche Eingriffe in den "Talisman" des großen Johann Nepomuk wagte, jagte ihn der Großteil der Kritik, wie man in Wien sagt, mit einem nassen Fetzen davon.

Georg Schmiedleitner aus Linz passiert so was nicht. Was er sich an konzeptueller Energie erlaubt, fließt ins rein Ästhetische. An der Burg inszenierte er 2001 legendär erfolgreich den "Zerrissenen" mit Karlheinz Hackl, die Premiere fand drei Tage nach dem 11. September statt. Ein sich traurig drehendes Karussell im Neonlicht ist von diesem Abend noch vage in Erinnerung. Es hat sich wohl in "Liebesgeschichten und Heiratssachen" herübergerettet, obwohl statt Katrin Brack diesmal Volker Hintermeier die Bühne verantwortet. Man stelle sich vor, ein ausgeflippter Architekt hat das alte Prater-Teil zu einer Outdoor-Bar umgebaut und mit einem rotierenden Kitschherz gekrönt. Zu ebener Erde schenkt ein abgerocktes altes Wirtsehepaar (Peter Matic und Elisabeth Augustin) Schnäpse aus, im ersten Stock wohnt das Streichquintett, das die Handlung schwungvoll begleitet.

Mehr Geld als Geschmack

Besagte – selbst ziemlich karussellige – Handlung lässt sich schwer zusammenzufassen, ist aber sowieso geklaut. Nestroy wienerte 1843 eine Verwechslungsfarce von John Poole ein, die den wunderbaren Titel "Patrician und Parvenu, or Confusion worse confounded" trug: Falsche Väter denken, dass ihre richtigen Kinder mit den falschen Menschen verheiratet werden wollen, wodurch immer die Falschen bestochen werden, die Richtigen zu becircen.

Liebesgschichten1 560 Georg Soulek uGregor Bloéb (Florian Fett), Robert Reinagl (Georg), Markus Meyer (Nebel), Stefanie Dvorak (Ulrike), Alexandra Henkel (Philippine), Martin Vischer (Anton Buchner), Marie-Luise Stockinger (Fanny)
© Georg Soulek

Mehr als für die Scheinmoral materialistischer Heiratspolitik interessiert sich Georg Schmiedleitner heute für die Auswüchse unverhofften Reichtums. Seit der Emporkömmling Fett ein "von" Fett ist, verfügt er über ein Imperium an vulgärem Too-Much, wie es nur jemand ansammeln kann, der mehr Geld als Geschmack hat: einen annähernd goldenen Anzug, einen knallgelb livrierten Diener, malvenfarbene Plüschschnürvorhänge, ein Fahrsofa wie Stefan Raab in "TV total" und ein "schauerliches Salettl" mit illuminierbaren Flamingobrunnen.

Ausgemalte Oberflächlichkeit

Darüber hinaus lässt der Regisseur Nestroy Nestroy sein. Bei der Figurengestaltung agiert jeder nach seiner komödiantischen Façon – und jede nach ihrer, wobei die jungen Möchtegernbräute (Marie-Luise Stockinger, Stefanie Dvorak) leider geradeheraus als willenlose, dämliche Trampel dargestellt werden. Einzig das Stubenmädel (Alexandra Henkel) darf Hirn haben. Und Regina Fritsch überzeichnet die Fett-Schwägerin Lucia Distel so stark, dass es wieder ein Vergnügen ist: Die ihr von Su Bühler aufgesetzte Frisur-Brille-Kombination harmoniert perfekt mit dem unvergleichlich proletoiden Geknarze, mit dem sie den ihr mitgiftbedingt zugeneigten Hochstapler Nebel anschmachtet.

Liebesgschichten3 560 Georg Soulek uMarkus Meyer (Nebel), Regina Fritsch (Lucia Distel) © Georg Soulek

In ebendieser Hauptrolle bleibt Markus Meyer ausnahmsweise eher blass. Viele seiner beiseite gesprochenen Weisheiten verpuffen oberlehrerhaft, auch der sparsame Coupletgesang scheint ihm nicht wirklich Freude zu bereiten. Gregor Bloéb drückt dagegen massiv auf die Tube, wenn er als Parvenü und Analphabet Fett einem echten Noblen imponieren will ("Er soll mich in Lectür überraschen!") und sich erst recht danebenbenimmt. Am meisten holt Martin Vischer aus einer undankbaren Rolle des heiratswilligen Anton heraus, indem er (anders als Meyer) aus der Not des Nichtwienertums eine Tugend macht und auf den eigenen Dialekt zurückgreift: Er mag zwei Jahre die Welt bereist haben, ist aber trotzdem ein herrlich verklemmtes Schweizer Büblein geblieben.

Georg Schmiedleitner versucht nicht, Nestroys geschliffene Oberflächlichkeit zu durchbrechen, er malt sie – in abscheulich grellen Farben – genüsslich aus. Die Pointen sitzen, die Bühne rotiert, die Farce flutscht. Wien tobt und bejubelt seine Schauspieler. So wie das eben ist.

Liebesgeschichten und Heiratssachen
Posse mit Gesang in drei Akten von Johann Nepomuk Nestroy
Regie: Georg Schmiedleitner, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Su Bühler, Musik: Matthias Jakisic, Licht: Norbert Joachim, Dramaturgie: Hans Mrak.
Mit: Elisabeth Augustin, Gregor Bloéb, Stefanie Dvorak, Regina Fritsch, Alexandra Henkel, Dietmar König, Peter Matic, Markus Meyer, Christoph Radakovits, Robert Reinagl, Marie-Luise Stockinger, Martin Vischer und den Musikern Melissa Coleman, Lena Fankauser, Matthias Jakisic, Claus Riedl, Nikolai Tunkowitsch.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

Ronald Pohl spricht im Standard (15.4.2017) von einer "absolut zeitgemäßen Nestroy-Unternehmung" und einer "wunderbaren Aufführung". Die Nachwirkung ihres Gehalts – "erst kommt das Fressen, dann die bürgerliche Sexualmoral" – nehme man "gern in Kauf". Regisseur Georg Schmiedleitner habe "'unseren' Nestroy endgültig den heimischen Besitztümlern entwunden. Auf dieser Schlackenhalde gedeihen die giftigsten Neurosen. Jede Figur kultiviert Tics und Tricks, um sich der totalen Kapitalisierung der Verhältnisse (erfolglos) zu erwehren."

"Modern und klamaukig – aber diesmal angemessen – komme der Abend daher", schreibt Martin Lhotzky in der Neuen Zürcher Zeitung (15.4.2017). Das Publikum tobe "vor Begeisterung. Spätestens jetzt weiss man: Nestroy kann der Schmiedleitner."

Einen "Riesenerfolg" nennt Guido Tartarotti vom Kurier (14.4.2017) den Abend. "Georg Schmiedleitner inszeniert dieses ins Biedermeier ebenso gut wie ins Neo-Biedermeier passende, sehr brutale Stück sehr komisch, manchmal derb, manchmal nahe am Kabarettismus, aber gleichzeitig abgründig und düster."

"So herzlich gelacht hat man schon länger nicht mehr im Haus am Ring", schreibt Martin Lhotzky in der FAZ (19.4.2017). Zu Nestroy falle Georg Schmiedleitner so einiges ein, "oft schrill, aber meist – oder auch: gerade noch – angemessen". Dass er mit der stimmigen musikalischen Untermalung ein fabelhaftes Quintett unter der Führung von Matthias Jakisic betraut habe, das noch den ärgsten Schlenker mit ungeahnter Leichtigkeit beschrammele und pizzikatiere, sei ihm hoch anzurechnen.

 

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