Ein Planschbecken voll Menschlichkeit

von Maximilian Pahl

18. April 2017. Es ist zu helfen. Denjenigen zumindest, die ein Boot übers Mittelmeer trug. Die Helfer-Bewegung der letzten eineinhalb Jahre, das Hochkrempeln der Ärmel und Umkrempeln Europas beschäftigt das Theater. Nun blicken Renata Burckhardt und Lorenz Nufer tief in die humanitäre Verworrenheit. Nahrung verteilen und die Hungrigen dabei voreinander schützen – unsere Bewältigungsstrategie heißt da Management. Und es sind Abertausende, die Hilfe muss anstecken, viral gehen, Einzelne widerspiegeln. Kein Problem dank Social Media. Doch dann die Fragen: Wem ist hier zu helfen? Päppelt sich nicht manch einer eher an Idomeni auf, als andersrum? Können wir noch richtig helfen? Nun, darauf kann uns unter anderem Theater antworten.

In diesem Fall Nufers Uraufführung von Renata Burckhardts Stück "Träges Herz". Oder ist es eine Diagnose? Da steht Julia Schmidt mit silbernem Koffer in der griechischen Ägäis und versucht, zwischen ein paar Meetings mal eben ihren verschollenen Bruder wiederzufinden. Silbern auch die Wände des trockengelegten Planschbeckens, um das die Zuschauer herumsitzen. Die Suche wird ernste Angelegenheit. Obwohl sie die Familie als kleinhaltend und Geschwister als Furunkel empfindet, folgt die Geschäftsfrau dem stets vorausflüchtenden Bruder.

traegesherz 1 560 Christian Knoerr x Anfängliche Skepsis: Julia Schmidt © Christian Knörr

Der ist mittlerweile der Star unter den Helferlein, ein Fürst im autonomen Volunteeristan, das sich den trägen NGOs zum Trotz in Griechenland errichtet hat. Von ihm und seinesgleichen dringen nur Legenden und Videobotschaften in den Raum. Projektionsfläche ist eine Containerwand, die Filme stammen von den Künstlern selbst und anderen. Sie zeigen Elendsszenen in den Camps oder verfolgen einen Mann, der den Strand abläuft und ohne zum neonfarbenen Strandgut hinabzublicken einem weiteren ankommenden Boot entgegensteuert.

Und natürlich muss das sein, diese Bilder, denkt man im Nachgang, zielte dieses Projekt doch darauf. Für die Kaserne Basel haben Renata Burckhardt und Lorenz Nufer die eigenen Erfahrungen von vor Ort aber auch stark fiktionalisiert. Damit schaffen sie manch wirksame Gegenüberstellung: etwa von Hilfsbereitschaft und -losigkeit. Oder von dem idealistischen Bruder und seiner pragmatischen Schwester, die beide als jeweiliges Klischee wenig, in Bezug zueinander aber viel Stoff hergeben. Daraus entsteht zwischen den Videos ein rollentauschfreudiges Off-Theaterstück auf den Rändern sowie im Äußeren und Inneren des besagten Beckens, siehe Wirklichkeit.

traegesherz 4 560 Christian Knoerr u Suchende und Helfende © Christian Knörr

Die Klänge dazu – minimale Tonreihen, ansetzende Feiermusik oder Störsignale – stammen von Dominik Blumer. Er spielt auch mit Pascale Pfeuti zusammen diverse mondäne Hippie-Enkel, die die Schwester von ihren Geschäften abhalten. Mit Klampfe und offenbar dem Great American Songbook im Gepäck ist Lesbos tröstlicher. Aufregend ist es sowieso. Pfeuti als Modedesignerin auf der Suche nach einer neuen Ästhetik, später als it-girlige Exfreundin des Bruders, noch später als diabolische Schimpfmutter am Telefon – dünn geschnitten wurden die Stilmittel nicht. Die Schwester löscht ein Baby und hält dabei einen dieser bedruckten Spendensäcke voller Plüschtieren in der Hand – ein schonungslos rührseliger Anblick. Warf Sie dem Bruder anfänglich noch "unüberlegten Aktivismus" und "Leidenspornographie" vor, so steht sie jetzt sichtlich verändert da. Dass aus ihrer vehementen Skepsis eine irgendwie glaubhaftere, weniger selbstbezogene Humanität losbricht, ist ein bemerkenswerter Vorgang.

Wahre Demut

Ein merkwürdiges Tierchen, das Pfeuti-Blumer-Geflecht, weiß plötzlich, wo der Bruder ist, stirbt aber vor der Preisgabe dieses Geheimnisses. Dann zieht sich die Containerwand auf und Nufer, vorher schon hie und da zu sehen, schafft es gerade noch in den mit Kartonschachteln ausstaffierten Rahmen (Chasper Bertschinger). Bis auf Licht und Bühne wirkt alles Weitere improvisiert: ein Geschwisterdialog, wie prima vista vom Blatt gelesen. Sie spricht sich aus für wahre Demut bei der richtigen Hilfe und er für den fundamentalen Umbruch. Dann ruft ihr Chef an.

Die Fiktion von Burckhardt und Nufer mag an vielen Stellen überreizt sein und gerade in den stilisierten Passagen, etwa beim Volunteer auf Lesbos, der mit seinem Engagement auf Tinder prahlt, hätte ein dokumentarischer Ansatz tiefer gesessen. In dem Graubereich dazwischen gleiten Rollen und Spielende dahin. Nur ist es irgendwie seltsam schön und widerspiegelnd, dass dieser Versuch des Theaters, direkt auf die Welt zu reagieren, so überfordert ist. Und dass er zugelassen wurde, als Dokument der Hilflosigkeit, das man eher nicht postet.

 

Träges Herz
von Renata Burckhardt
Uraufführung
Regie: Lorenz Nufer, Bühne: Chasper Bertschinger, Kostüme: Eva Butzkies, Musik: Dominik Blumer, Dramaturgie: Renata Burckhardt, Licht: Thomas Kohler.
Mit: Julia Schmidt, Pascale Pfeuti, Dominik Blumer, Lorenz Nufer.
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause

www.kaserne-basel.ch

 

Kritikenrundschau

"Das Bühnenprojekt schafft es, dass man als Zuschauer sehr rasch tief in das Geschehen hineingezogen wird. Auf eingängige Art wird dargelegt, wie sich die anfängliche Hilflosigkeit der Schwester in Empathie umwandelt, wie sie mit der Zeit ihre Distanz ablegt und selber vom Helfer-Virus befallen wird", schreibt Dominique Spirgi in der Tageswoche (19.4.2017). Doch könne der Abend diese Eindringlichkeit nicht bis zum Schluss halten. "Immer mehr verlagert sich das Geschehen auf der Bühne von der Spiel- auf die Erzählebene, bis der Abend gegen Schluss im Diskurshaften versandet. Es bleibt der Eindruck, dass die engagierte Theatercrew rund um Lorenz Nufer selber nicht richtig wusste, worauf das Ganze hinauslaufen soll."

Nufer, Burckhardt und ihrem Ensemble sei ein formidabler theatraler Crashkurs zum Europa der Flüchtlingsdiskussion gelungen und ein Beweis dafür, wie aktuell Theater sein kann, schreibt Michael Baas in der Badischen Zeitung (20.4.2017). Das Stück nehme nicht nur Europa, dessen sogenannte Werte und seine Doppelmoral aufs Korn, sondern auch die freiwilligen Helfer und deren Motive – "bis hin zu der These, dass auch runter diesen Gutmenschen die nicht fehlen, die vor allem an der persönlichen Performance interessiert sind, via Flüchtlingshilfe an Online- und Karriereprofilen feilen".

"Die Reise der Schwester aus dem sicheren Teil Europas in die dunkle, schmerzvolle Welt des Bruders hat ein literarisches und cineastisches Vorbild. Joseph Conrads Roman 'Herz der Finsternis' und dessen Adaption von Francis Ford Coppola in 'Apocalypse Now', merkt Mathias Balzer in der Basellandschaftlichen Zeitung (20.4.2017) an. 'Träges Herz' sei ein klug gebautes Stück über unsere Ratlosigkeit angesichts des Flüchtlingselends. "Es verhandelt die Motive der Helfer ebenso wie die Argumente, die gegen dieses Engagement in Stellung gebracht werden." 

 

 
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