Explosion oder Implosion?

von Stefan Keim

Köln, 21. April 2017. Ein Haufen Mensch regt sich unter einem Tuch. Zwei Körper schälen sich heraus. Eine Mutter und ihr Kind. Djana und Gina. Djanas Streicheleinheiten gehen ins Sexuelle, sie will nicht Mutter genannt werden, das Kind soll ihren Vornamen sagen. Gina wird bei der Kölner Uraufführung von Magdalena Schrefels "Sprengkörperballade" von einem jungen Mann gespielt. Das irritiert zunächst, macht aber auch deutlich: Hier geht es nicht um realistische Psychodramen Einzelner. Sondern um eine Erkundung menschlicher Einsamkeit. Und vielleicht sogar hinterrücks um eine subtile Gesellschaftsbeschreibung.

Sprengkoerper1 560 ana lukenda u.jpgElias Reichert, Nicola Gründel als Gina und Djana © Ana Lukenda

Sechs Frauen, drei Paarungen wechseln sich im Lauf des Abends ab. Neben Djana und Gina treten Bine und Zabina auf, Ginas ältere Schwestern. Wobei der Plural nicht ganz stimmt. Eigentlich ist es eine Frau in zwei Körpern, die Namensähnlichkeit deutet es an. Die beiden stehen nicht für unterschiedliche Seiten einer Persönlichkeit, ihr Zusammensein ist deutlich schwieriger. Sie streiten um die gleichen Geschichten, klauen sich die Sätze aus dem Mund, bestehen darauf, dass sie und nicht die andere einen schnellen Fick auf dem Klo erlebt hat. Weil das der Höhepunkt ihres Lebens war. Lou Zöllkau und Marlene Tanczik stehen mit forderndem Blick vor dem Publikum, voller Körperspannung, bis kurz vor der Verkrampfung. Sie sind kampfbereit, lauern auf eine Chance, wissen selbst nicht genau, was das für eine sein könnte. Sie sind jung, da muss doch etwas sein, das Leben bedeutet. Bine und Zabina sehen sich danach berührt zu werden. Es wäre schlimm, wenn das nicht geschähe. Aber noch schlimmer wäre es, wenn die andere vorher Erfolg hätte. Das andere Ich, die Konkurrentin.

Cookie und Fuzzi Oder Bohren in alten Wunden

Magdalena Schrefel – Jahrgang 1984 – hat Förderpreise und Stipendien erhalten, war zum Heidelberger Stückemarkt und zur Europäischen Theaterbiennale nach Wiesbaden eingeladen. Das Schauspiel Köln bringt jetzt in seiner "Außenspielstätte am Offenbachplatz" – also direkt neben der Theaterdauerbaustelle – erstmals eine abendfüllende Inszenierung Schrefels heraus. Die junge Autorin ist eine Entdeckung, denn sie schert sich überhaupt nicht um Theatermoden. Eine dichte, oft schöne, manchmal auch sperrige Sprache hat sie entwickelt und verlangt von den Theatermachern, sich auf Zwischentöne einzulassen. Der Regisseurin Andrea Imler gelingt das mit ihrem ausgezeichneten Ensemble auf bewundernswerte Weise. In jeder Figur steckt die Möglichkeit einer Explosion, ein Feuer, ein Funken, ein Vibrieren. Gleichzeitig sind sie von Verlorenheit und Verzweiflung durchdrungen.

Sprengkoerper4 560 ana lukenda u.jpgMarlene Tanczik (vorne), Lou Zöllkau (hinten) sind Bine/Zabina © Ana Lukenda

 Zwei alte Tanten bilden das berührendste Paar. Cookie und Fuzzi sind eins dieser in jahrzehntelanger Hassliebe zusammenverwachsenen Duos, wie man sie auch im wahren Leben oft antrifft. Menschen, die sich lustvoll quälen, was Außenstehende erschreckt. Aber für das Paar selbst ist das Bohren in alten Wunden das einzige, was sie noch spüren, was eine Ahnung von Leben vermittelt. Cookie und Fuzzi schleichen zu Beginn einfach mal murmelnd über die Bühne. Die massige Sabine Orléans und die drahtige Kristin Steffen bilden schon optisch einen Gegensatz, der an klassische Komikerduos erinnert. Tatsächlich stellt sich schnell die Assoziation an die clownesk-grotesk durch apokalyptische Hoffnungslosigkeit schwankenden Figuren Samuel Becketts ein. Die beiden warten schon lange auf keinen Godot mehr, aber sie geben einander Halt, einfach nur im Noch-da-Sein.

Von der Sehnsucht in die Katastrophe

"Sprengkörperballade" ist ein Stück über den verzweifelten Versuch, der Einsamkeit zu entkommen. Hier liegt auch seine politische Dimension. Die Frauen, von denen Magdalena Schrefel erzählt, sind soziale Wesen. Aber es gibt keinen Kontext, in dem ein Kennenlernen möglich wäre. Sie sind viel zu verstört, zu gefangen in ihrer eigenen Welt, um Parshippen oder Speed Datings in Betracht zu ziehen. Djana (Nicola Gründel) missbraucht ihre Tochter (Elias Reichert) als Ersatz für den verschwundenen Ehemann, Zabina und Bine geben zu, dass sie auf ihrer Suche nicht mal tanzen, sondern eigentlich nur saufen. Auch die Alten dümpeln keinesfalls friedlich durch die Welt. Die verdammte Sehnsucht, berührt zu werden, treibt sie in die Katastrophe.

Sprengkoerper3 560 ana lukenda u.jpgCookie und Fuzzi (Kristin Steffen, Sabine Orléans) © Ana Lukenda

Jeden Anflug von Kitsch vermeidet Magdalena Schrefel, weil es ihr immer um das Spiel selbst geht, um die Konstruktion von Identität. Was Regisseurin Andrea Imler genau aufnimmt und umsetzt. Am Ende gewährt die Aufführung eine kleine, geisterhafte Andeutung von Trost. Oder sagen wir lieber: ein Augenzwinkern dem Nichts gegenüber.

 

Sprengkörperballade
von Magdalena Schrefel
Uraufführung
Regie: Andrea Imler, Bühne: Thomas Garvie, Kostüme: Franziska Harm, Musik: Doro Bohr, Licht: Hartmut Litzinger, Dramaturgie: Nina Rühmeier.
Mit: Nicola Gründel, Elias Reichert, Lou Zöllkau, Marlene Tanczik, Sabine Orléans, Kristin Steffen, Doro Bohr.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspiel.koeln

 

Kritikenrundschau

Hoffnungslosigkeit durchziehe alle drei Beziehungskonstellationen, schreibt Norbert Raffelsiefen im Kölner Stadtanzeiger (24.4.2017), "aber der Text von Schrefels erstem großen Bühnenstück ist viel zu lebendig und durchdrungen von pointiertem Witz und nuancierten Zwischentönen, um den Abend in Agonie zu tauchen. Getragen von der flirrend schönen Live-Musik von Doro Bohr bricht sich beim Spiel der Sprengkörper die Ballade Bahn."

"Der Stoff und die seismografische Regie von Andrea Imler fordern von allen Darstellern ein Höchstmaß an Verwandlungsfähigkeit, gepaart mit Bereitschaft, das Innerste ihrer Rollen auszuloten und sich ein Stück weit selbst preiszugeben", schreibt Susanne Schramm in der Kölner Rundschau (24.4.2017). Es gebe Szenen in dieser großartigen Uraufführung, die man nicht anschauen möge, und man tue es doch. Schön und traurig zugleich sei diese 'Sprengkörperballade'.

 
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