Lost in Polyethylen

von Cornelia Fiedler

Köln, 22. April 2017. "Das Einzige, was uns retten kann", proklamieren die drei Theatermacher im Manifest "Für ein Theater der Reise", "ist die "Bewegung, die zum Verlassen der eingeübten Perspektive führt". Mag sein, dass wir Social-Media-Fuzzis glaubten, mit der ganzen Welt vernetzt zu sein. Das helfe aber nicht, einfach weil der Mensch vor dem Computer mit der Welt nur "konfrontiert" werde, sich aber nicht "mit ihr verbinde". Also raus aus dem Theater, rein ins Unberechenbare, und dann ab auf die Bühne mit dem Erlebten.

Verfasst haben das Manifest im Programmheft Regisseur Jan-Christoph Gockel, Laurenz Leky und René Michaelsen. Gockel und Leky, Leiter des Theaters im Bauturm, reisten 2014 für ihre Fallstudie "Kongo Müller" in den Ostkongo und für "Coltan-Fieber" nach Burkina Faso. Da klingt das Projekt 2017 doch deutlich entspannter: Gockel, sein Dramaturg Michaelsen und ihr Team suchten die Konfrontation mit der Wirklichkeit diesmal an den Stränden von Hawaii.

057 DerSiebteKontinent 560 cMEYER ORIGINALS uLilith Häßle und Sébastien Jacobi  © MEYER ORIGINALS 

Kehrten Seefahrer nicht zurück, fand man sie oft hier, am Kamilo Beach. Irgendwann trieben ihre Leichen an, denn die hawaiianischen Inseln funktionieren in den Strömungen des Pazifik wie ein Abflussgitter. An ihnen bleibt hängen, was das Meer so mitschleppt, erläutert eine engagierte amerikanische Freiwillige im Video. Heute sind es vor allem gigantische Mengen Plastikmüll.

"Was machst Du hier im Magen eines Wals?"

Die Filmbilder von den Mülldünen und die Interviews mit Wissenschaftler*innen und NGO-Leuten sind eingebettet in eine herzzerreißende Liebesgeschichte: Lilith Häßle, ein Mensch in Jeans und T-Shirt, liebt Plastik, Sébastien Jacobi im schwarzen, langen Latex-Suit. Seinen selbstverliebten Auftritt im Spotlight beendet sie mit einem kühlen "würdest du dich kurz setzen", und dann legt sie los: Einerseits plagen sie Zweifel und Eifersucht, sie habe sogar Fotos: "Was machst du hier im Magen eines Wals, was in einem Albatros?". Andererseits hänge er ihr ständig auf der Pelle, wie solle sie ihn da jemals vermissen oder sich gar auf ihn freuen, und überhaupt sei er "nur noch billig". Er dagegen hält sich für den Retter der Welt, vor allem der Elefanten, die nicht mehr für Billiardkugeln getötet werden müssten.

SiebterKontinentReiseKamilo Beach, Hawai  © ProduktionDie beiden brüllen sich an, wie sich das gehört, bis sie beschließt, eine Auszeit zu nehmen. Ihre Versuche, im Youtuber-Style plastikfrei einzukaufen, kommentiert er höhnisch vom Sofa aus. Zur Versöhnung gibt’s dann den besagten Urlaub auf Hawaii.

Um die beiden herum stromert Michael Pietsch, mal als verzweifelter Zauberlehrling dem es, frei nach Goethe, nicht gelingt, den auf der Bühne selbstgemixten, aus einem Becher wallenden Bauschaum einzudämmen. Mal als Performer auf Reisen, der aus zerfaserten Kunststoffseilen und Plastikschrott ein wunderschön zerrupft wirkendes Albatros-Junges zaubert. Dieses hilflose Vögelchen, das sogar "Iron" von Woodkid singen kann und von Lilith Häßle liebevoll umsorgt wird, entpuppt sich als Versuch ihres Lovers Plastik, sie doch noch zu Tränen zu rühren. Das gelingt.

Als Plastik dann aber zu einem Gutmenschenmonolog über Recycling anhebt, um seinen Wert als Rohstoff herauszustellen, platzt ihr der Kragen. Sie lasse sich die Verantwortung nicht aufhängen, nicht für den Vogel, nicht für Kamilo Beach, nicht für all die Tiere, die am Kunststoff in ihren Mägen verrecken. Schuld sei immer noch der Kapitalismus, 58 Milliarden Euro Umsatz würden pro Jahr mit Kunststoffen gemacht, 15 Patente pro Woche auf Polymere angemeldet, aber die entstehenden Probleme, die würden dann vergesellschaftet.

Als Angstszenario ein Loser

"Du bist einfach nicht Plutonium", dieser gebrüllte Vorwurf bringt das Dilemma des Abends auf den Punkt. Der "siebte Kontinent", dieser Strudel aus Mikroplastik und Kunststoffmüll, ist bekannt. Dass er größer ist als Indien, ebenso. Auch, dass Plastik nicht verrottet, sondern in immer noch kleinere und noch gefährlichere Kleinteile zerbricht. Doch als Angstszenario kann er weder mit Atomkatastrophen noch mit dem Klimawandel mithalten. Und auch dem Abend, in dem die ganze Katastrophe, die wir da angerichtet haben, entfaltet wird, mangelt es an Dringlichkeit. Trotz eindrücklicher Bilder und trotz des Manifests vom Anfang mit seinem Aufruf zum Aufbruch, besitzt er mehr den Effekt einer Internetrecherche als den einer Reise.

 

Der siebte Kontinent. Reise zur größten Mülldeponie der Erde
Ein Projekt von Jan-Christoph Gockel und Ensemble
Regie: Jan-Christoph Gockel, Ausstattung: Julia Kurzweg, Puppenbau: Michael Pietsch, Film: Christian Hennecke, Dramaturgie: René Michaelsen, Kerstin Ortmeier.
Mit: Lilith Häßle, Sébastien Jacobi und Michael Pietsch.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Eine Produktion von Theater im Bauturm und Staatstheater Mainz in Koproduktion mit africologneFESTIVAL

www.theater-im-bauturm.de

 

Kritikenrundschau

"Der lustige Teil ist der schwächere des Abends", schreibt Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (24.4.2017). Denn letztlich sei das Thema bitterernst. Und der Köln/Mainzer Abend habe auch einen "erkennbar melancholischen Zug. Einer der Spieler, Michael Pietsch, hat aus dem Schädel eines Albatros-Kükens, aus Federn und Mageninhalten eine Fetzenpuppe gebaut, die an Marionettenfäden über die kleine Kölner Bühne schwebt. Es ist ein bewegendes Bild."

 

 
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