Angst sells

von Stefan Schmidt

Hamburg, 22. April 2017. Erschreckende Dinge erfahren wir an diesem Abend im Hamburger Thalia Gaußstraße: Wenn etwa der Boden der Studiobühne nachgeben würde, könnte am Ende das gesamte Ensemble samt Publikum sechs Meter hinab in die Tiefe stürzen. Denkbar ist das. Ein Statiker hat die Nebenspielstätte jedenfalls angeblich schon lange nicht mehr durchgeprüft. Alternativ könnten wir von einem Scheinwerfer erschlagen werden. Oder eine Möwe könnte hereinfliegen und jemandem ein Auge aushacken. Es gibt schließlich Möwen in Hamburg.

Die Macher des "Atlas der Angst" kennen sich aus. Erstens weil Autor Dirk Gieselmann im Sommer 2016 tatsächlich mit dem Fotografen Armin Smailovic auf Recherchereise durch die paranoide Republik gereist ist. Zweitens weil das Inszenierungsteam ganz augenscheinlich Ur-Ängste auch popkulturell hat auf sich wirken lassen, etwa in Form des viral durchgehypten US-Schockers "Snakes on a Plane" (der Name ist das ganze Programm). Und drittens indem die Schauspieler und ihr Regisseur Gernot Grünewald – wie wir alle – ganz offensichtlich selbst gerne mal ein bisschen panisch sind.

Postdramatisches Dokumentartheater

Nun liegen Inszenierungen und Durchdringungen von Angst gerade auf ganz unterschiedlichen Ebenen mal wieder schwer im Trend. Erst vor wenigen Tagen lief im Ersten eine viel besprochene Doku über "Die nervöse Republik". In Frankreich ließ sich noch bis zum Tag vor der Hamburger Premiere mit Ängsten aus aktuellen Anlässen vortrefflich Wahlkampf machen. Und nur wenige Stunden bevor sie im Thalia Gaußstraße ihre theatrale Deutschlandreise uraufgeführt haben, entschied sich die AfD auf ihrem Bundesparteitag lieber weiter markig mit den altbekannten Ängsten zu spielen, statt es auch nur in Ansätzen mal mit so etwas wie Realpolitik zu versuchen.

Was also soll nun dieser "Atlas der Angst" auf der Hamburger Bühne dieser multimedial schon länger geführten Debatte noch hinzufügen können? Wie sich herausstellt: einiges! Und das ist schon einigermaßen erstaunlich. Zumal es anfangs dann doch erstmal oft gehörte Geschichten sind, die da mit den Mitteln des postdramatischen Dokumentartheaters erzählt werden. Durchaus gekonnt, aber wenig überraschend: von Gerdi, die als Mädchen den Untergang des NS-Kreuzfahrtschiffs "Wilhelm Gustloff" überlebt hat, von dem afghanischen Jungen, der es unter Todesangst vor den Schleppern nach Europa geschafft hat, vom kurdischen Flüchtling, der sich in Sachsen nicht willkommen fühlt und dort mit Gewalt konfrontiert wird.

Wie funktioniert Weltuntergang?

Einfühlsam gibt die Inszenierung diesen Menschen eine Stimme, ein Gesicht (teils auch nur ein mutmaßlich authentisch fotografisches). Schauspieler erzählen die Geschichten oder übernehmen für einzelne Momente die Rollen derjenigen, die Autor Dirk Gieselmann besucht hat. So weit, so erwartbar. Richtig stark wird der Abend aber dort, wo er eine Distanz schafft zur viel zitierten German Angst, wo er sich selbst hinterfragt, große Paranoiaerzählungen wie beiläufig demontiert und Leerstellen im altbekannten Diskurs schafft: "Wir reproduzieren hier die ganze Zeit Weltuntergangsszenarien. Warum eigentlich?" fragt etwa der ungemein energetische Schauspieler Julian Greis an einer Stelle. Die Antwort liegt möglicherweise auf der Hand, denn: "In den Atlas der Zuversicht wären Sie vermutlich auch nicht gekommen. Ich auch nicht." German Angst sells. Und das Thalia Gaußstraße macht mit. Und dann eben auch gerade wieder nicht.

Atlas2 560 ArminSmailovic hDas Theater als Angst-Projektionsfläche. Marie Jung (im Hintergrund Julian Greis, Dejan Bućin)
© Armin Smailovic

Wie eigentlich nehmen wir als Zuschauer im Zusammenhang mit Flucht, Einwanderung, Terror und Silvestergeschichten von der Kölner Domplatte den Schauspieler Dejan Bućin wahr, geboren in Belgrad, dichter schwarzer Bart, braune Augen, tiefschwarzes Haar? Der Mann kann großartig gucken, aber stimmt es, dass in der Inszenierung immer dann auf ihn verwiesen wird, wenn es um Täter und Angstbilder geht, wie er irgendwann behauptet? Vermutlich nicht, aber für einige Momente steht diese angenehm unangenehme Frage im Raum, den Ausstatter Michael Köpke so genial raffiniert einfach gebaut hat: fünfzehn menschenhohe Kästen in der Größe von Umkleidekabinen, zu einer Seite offen, so dass sich die drei Schauspieler und die Mitglieder des Bürgerchores in sie hinein zurückziehen können, aber von drei Seiten mit milchig transparenten Wänden versehen, so dass immer noch zumindest die Schatten der Darsteller zu sehen sind. In manchen Szenen sorgt das für gespenstisch atmosphärische Effekte. In anderen Szenen dienen die Wände dieser Kabinen genau wie die schwarze Bühnenrückwand als Einspieler für Projektionen.

Angstfreiheit als Jahrmarktillusion

Zu Beginn und dann wieder am Schluss sehen wir schwarz-weiße Bewegtbilder von Kindern an einem Strand. Auf Trampolinen dürfen sie die Illusion haben, frei und leicht zu fliegen, dem Himmel vermeintlich ganz nah. Dabei hängen sie in Wirklichkeit schwer gesichert in Seilen und Gurten. Die Sehnsucht, die an diesem Abend manchmal durchscheint, nach einem schwerelosen, einem angstfreien Leben – sie ist vielleicht schon in der Kindheit nur als Inszenierung realisierbar, als Jahrmarktillusion, die die Erwachsenen manchmal zu reproduzieren versuchen. Sei es alljährlich im Herbst auf der Münchner Theresienwiese oder in hedonistisch fatalistischen Popsongs à la "Save tonight" von Eagle-Eye Cherry. Auf beides spielt dieser "Atlas der Angst" an.

Regisseur Gernot Grünewald gelingt mit diesem Abend ein gleichermaßen poetisches wie kluges Kunstwerk: Er thematisiert die großen Themen unserer Zeit, ohne sich selbst und die tagesaktuellen Debatten übermäßig ernst zu nehmen. Er zwinkert mit allen zur Verfügung stehenden Augen, ohne sich lustig zu machen. Er hinterfragt und kann trotzdem berühren. Sein Ensemble geht dabei konzentriert mit: ein durchweg konsequent choreographierter Bürgerchor, eine nuanciert nonchalante freche, manchmal aber auch überraschend zerbrechliche Marie Jung, ein ausdrucksstarker, einfühlsam scharf skizzierender Dejan Bućin und ein vehement spielfreudiger, kraftvoll auftrumpfender Julian Greis. Der Bürgerchor nimmt im Laufe des Abends verschiedene Rollen ein – mal als Geburtstagsfeiergesellschaft, mal als versunsicherte Einzelne, die verloren über die Bühne taumeln oder dann wieder als Schattengestalten diffus im Halbdunkeln stehen. Hier manifestiert sich weniger die viel beschworene Stimme des Volkes als vielmehr der Glaube ans Individuum in der Gruppe. Am allerbesten ist der "Atlas der Angst" da, wo er die Hauptrouten verlässt und sich Zeit nimmt für die Nebenstraße. Da, wo man noch Menschen mitnehmen kann. Das macht Mut!

Atlas der Angst
Dokumentation von Dirk Gieselmann und Armin Smailovic
Regie: Gernot Grünewald, Ausstattung: Michael Köpke, Musik: Daniel Sapir, Dramaturgie: Susanne Meister.
Mit: Dejan Bućin, Julian Greis, Marie Jung und einem Bürgerchor.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

"Drei Schauspieler und ein Chor, Schwarz-Weiß-Aufnahmen auf den Außenseiten mannshoher Zellen, aneinandergeschnittene Protokolle, die Angst als das Gefühl unserer Tage bestätigen", schreibt ein ungenannter Autor im Hamburger Abendblatt (24.4.2017). Und so flapsig der Abend auch mit dem Durchschauen des eigenen Konzepts spiele und damit Distanz zu womöglich drohender Gefühligkeit schaffe, so unvermittelt träfen einen immer wieder einzelne Passagen. "Woher einer ein Gewehrsalvengeräusch kennen will, wenn der Soldat nie geschossen hat? 'Aus meinen Träumen, da schießt er jedes Mal.' Oder: 'Er passe auf, dass ihm nichts geschehe. Das sagt der Vater zum Sohn. Erst dann erkennt der Sohn, dass er überhaupt in Gefahr schwebt." Solche "nicht nur emotionalen, sondern literarischen Sätze" verhinderten, so die Rezensentin des Abendblatts, "dass aus starken Texten allzu therapeutisches Theater wird".

Mehrmals "an diesem sehr betulich geratenen Abend" fragt sich Katrin Ullmann in der taz (24.4.2017) nach dem Warum. "Vergeblich sucht man einen Fokus. Noch vergeblicher einen originären Gedanken. Die Geschichten, die erzählt werden, sind allzu vertraut. Es sind Klischees aus dem Osten der Republik, präzise erzählte Erfahrungsberichte nah an Anschlägen und völlig unbestimmte, umso menschlichere Beschreibungen einer allgemeinen Unsicherheit". Im Laufe des Abends entfaltet Gernot Grünewald ihrem Eindruck zufolge "ein sehr breites, schier wahlloses Portfolio, das allzu häufig die Grenze zum Betroffenheitstheater überschreitet."

 

 
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