Wunden, lange nicht verheilt

von Kornelius Friz

Dresden, 22. April 2017. Alle reden davon, dass die Badeanstalt wieder aufmacht. Und wenn es am Sonntag noch immer so warm ist, können Emma und ihre Freundinnen endlich schwimmen gehen. Wobei, im Grunde hat Emma gar keine Freundinnen. Sie ist neu in der Stadt, nachdem eine krude Alte sich als ihre Oma ausgab und sie aus dem Waisenhaus abgeholt hatte. Dreizehn Jahre alt ist die Protagonistin Emma, aushalten muss sie jedoch eine Menge. Ceaușescu wurde vor kurzem gestürzt, und ihre Eltern sind bei einem Autounfall gestorben. Die Schuld hierfür gibt Emma natürlich sich selbst.

Drei Fassungen

"Der Scheiterhaufen", am Staatsschauspiel Dresden in einer Inszenierung von Armin Petras uraufgeführt, ist in einer außergewöhnlichen internationalen Kooperation entstanden. Auf Grundlage des Romans von György Dragomán, der als Angehöriger der in Siebenbürgen lebenden ungarischen Minderheit in Rumänien aufwuchs, erarbeitete der Stuttgarter Intendant eine, genauer gesagt: drei kammerspielhafte Bühnenfassungen. Nach gemeinsamen Proben auf Englisch mit je zwei Darstellerinnen aus Ungarn, Rumänien und Deutschland werden an den jeweiligen Theatern in Sibiu, Budapest und später auch in Stuttgart drei verschiedene Versionen des Werks zu sehen sein.

Scheiterhaufen2 560 DavidBaltzer u Viktoria Miknevich und Lea Ruckpaul  © David Baltzer

In der deutschsprachigen Fassung spielen Lea Ruckpaul und Viktoria Miknevich aus dem Stuttgarter Ensemble. Mit Verve werfen sie sich abwechselnd in die Rollen der Teenagerin, ihrer Großmutter, des Lauftrainers Pali oder von Lover und Bademeister Péter. Der Star hingegen ist, wie zuletzt schon bei Petras' Romanadaption "Kruso" am Leipziger Schauspiel, das minimalistisch angelegte Bühnenbild, diesmal realisiert von Olaf Altmann: ein flaches, ausladendes Bassin voller Eiswürfel.

Der vereiste See

Ständig versinken die Darstellerinnen im knirschenden Eis. Egal, ob sie staksen, stampfen, tanzen oder sich darin vor dem Stoff verkriechen wollen. Der hat es nämlich in sich: Emma fühlt sich nicht nur hässlich, weil sie den schlabberigen Badeanzug ihrer toten Mutter tragen soll. Sie wird zudem als Jüdin und Kommunistin beschimpft und hat als Fremde keine Chance auf die Freundschaft von Krisztina, ganz zu schweigen von der Gunst des schönen Ivan. Zu allem Übel wurde Emma in der Schule sogleich auf den leeren Platz von Krisztinas während der Revolution getöteter Schwester gesetzt.

Mit Petras müssen wir uns Erinnerung wie einen vereisten See vorstellen: auf viele Weisen schmerzhaft, stets flach und doch unergründlich. Recht hat die mysteriöse Großmutter, wenn sie sagt: "Es gibt nur das, woran wir uns erinnern. Alles Andere ist verschwunden." Aus Mehl, Sand, Lehm, Scherben und ihren Erzählungen erschafft sie Bilder der Vergangenheit. Doch für Emma bleiben nur zwei Fragen: War Großvater ein Spitzel? Und hat er sich selbst umgebracht?

Scheiterhaufen3 560 DavidBaltzer uIm Eissee der Erinnerung  © David Baltzer

Doch auch die vermeintlich banalen Wunden und Bedürfnisse seiner Figuren verwebt Dragomán elegant in diesen Stoff. So übt Emma auf dem Dachboden in den elf Nummern zu großen Schlittschuhen ihres Großvaters das Eislaufen um ihre Verabredung mit dem findigen Péter in der Eishalle auf die richtige Spur zu bringen. Beim Rendezvous jedoch stehen die Toten der Revolution wieder aus dem Eis auf und durchkreuzen Emmas Bedürfnis nach Nähe und Zuneigung. Die Wunden dieser rumänischen Gesellschaft sind noch lange nicht verheilt.

Showdown

Doch das ist nicht alles: Mit der Großmutter – von beiden Schauspielerinnen mal höhnisch, mal liebevoll bucklig verkörpert – ist schnell ein Sündenbock für den misssratenden Umbruch nach dem Tod Ceaușescus gefunden. Und schon richten die wütenden Arbeitslosen, also die gesamte Stadt, den Scheiterhaufen auf. Immer wieder fühlt man sich an die Rasanz heutigen Urteilens in Form von Shitstorms, Hatespeech und Fake News erinnert. Und das, obwohl die Inszenierung auch für die erzählte Zeit, die Neunziger, ästhetisch recht bieder daherkommt.

Weder die rumänische Volksmusik noch die allzu üppig gesetzten Lichtwechsel stören jedoch den intensiven Showdown. Mit Schlamm auf nackter Haut, Feuerschale und Ausdruckstanz neigen die insgesamt überzeugenden zwei Stunden gegen Ende allerdings zum Kitsch. Für die folgenden beiden Variationen von "Der Scheiterhaufen" bleibt etwas weniger Archaik zu wünschen. Die Würfel sind bis zum Schluss noch nicht geschmolzen: Beinahe trüge das Eis allein die Inszenierung.

 

Der Scheiterhaufen
nach dem Roman von György Dragomán, aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer
Theaterfassung von Armin Petras
Regie: Armin Petras, Bühne: Olaf Altmann, Kostüm: Katja Strohschneider, Musik: Jörg Kleemann, Übersetzerinnen: Judit Emödy (Ungarisch), Claudia Haluca (Rumänisch), Lichtdesign: Norman Plathe, Licht: Peter Lorenz, Dramaturgie: Anne Rietschel, Bernd Isele.
Mit: Viktoria Miknevich und Lea Ruckpaul, außerdem spielen in Sibiu: Arina Ioana Trif, Maria Tomoiagă; in Budapest: Patrícia Puzsa, Janka Kopek.
Dauer: 1 Stunde und 50 Minuten, keine Pause
Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart, dem Teatrul National "Radu Stanca" Sibiu (Rumänien) und dem Vígszínház (Vig Theater) Budapest (Ungarn)

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

Petras destilliere einzelne Szenen aus der gleichnamigen Romanvorlage von György Dragomán und nutze sie als Spielmöglichkeiten, so Thilo Körting auf Deutschlandfunk (24.4.2017). Der Regisseur versuche auch gar nicht erst, Illusion der Realität zu erzeugen. Damit "umgeht Petras die Gefahr, die rumänische Historie aus einer deutschen Sicht zu vereinnahmen. Er zeigt die Geschichte stattdessen als Fiktion auf der Bühne." Bei dieser Produktion sei das von besonderer Bedeutung, denn die Inszenierung wurde nicht nur für deutsche Bühnen erarbeitet. Doch leider könne diese feine Prosa auf der Bühne nicht die gleiche Wirkung entfalten. "Vor allem zu Beginn zeigt sich die Inszenierung schwach, stellt den Roman lediglich nach. Erst im Laufe des Abends entstehen Szenen, die das Publikum in ihren Bann ziehen." Fazit: Petras schafft mit "Der Scheiterhaufen" am Dresdener Staatsschauspiel zwar einen gelungenen Theaterabend, der jedoch nicht an die Romanvorlage heranreiche.

 
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