Die blaue Blume, genormt

von Thomas Rothschild

Heidelberg, 23. April 2017. Er ragt nach einem kurzen Vorspiel an der Bühnenrampe einen halben Meter und transparent in der Kulisse hoch: der blaue Würfel, den der Titel ankündigt. Singend wollen die Personen des Stücks wissen: "Was ist das für ein Würfel?", und die Zuschauer im Heidelberger Theater wüssten es auch zu gerne.

Dass der Würfel blau ist, verweist auf die Romantik – eine moderne geometrisierte Variante der blauen Blume sozusagen, ein vages Symbol für Hoffnung, Traum, Utopie. Das fügt sich in eine Umgebung, in der sich eine Figur (Marco Albrecht) mal als Blau, mal als Gelb, mal als Grün vorstellt und entsprechend gekleidet ist. Ehe Blau/Gelb/Grün auf den Plan tritt, gehen Livia (Dorothea Arnold) und Cedric von Horst (Andreas Uhse), plötzlich zu Geld gekommen, mit ihrer Tochter Nicole (Sheila Eckhardt) auf die Suche nach einem Domizil in der Heidelberger Innenstadt. Sie kriegen es mit der Beraterin Cilly Schiller (Nicole Averkamp), der Maklerin Claudia von und zu Bergen (Christina Rubruck) und dem Nachbarn Brinckhorst (Andreas Seifert) zu tun. Denn in der neuen Immobilie befindet sich ein Würfel, dessen Funktion rätselhaft bleibt. Auf dem Würfel hockt Bob (Martin Wißner), der offenbar aus einer anderen Zeit stammt und als einziger halbwegs normal aussieht. Es entspinnt sich ein Kampf um das Haus mit dem Würfel, das jeder "haben, kaufen oder mieten" will.

"Der Würfel ist ein Katalysator" wird zwei Mal verkündet, aber so recht klug werden wir nicht daraus. Einmal heißt es: "Ich habe das Konzept nicht ganz verstanden." Schielt der Autor da nach zustimmendem Applaus? Er blieb bei der Premiere an dieser Stelle aus. Will sagen: das Publikum verharrt auf der Spur des Würfels, der en passant mit Kategorien wie der Zeit oder einer Wolke gleichgesetzt wird und in den einzelne Akteure wie für eine Zeitreise vorübergehend hineinkriechen, selbst als dieser Würfel von einer maskierten Brigade in raumanzugähnlichen Overalls mit einer riesigen Kanone erschossen werden soll und sich Typen aus unterschiedlichen Epochen ins Spiel mischen.

Geschwindigkeit als Methode

Dies ist bereits die dritte Zusammenarbeit des Autors David Gieselmann mit dem Regisseur Christian Brey. Was Shirin Sojitrawalla anlässlich der Uraufführung von Container Paris bemerkt hat, gilt auch diesmal: "In Brey hat Gieselmann einen idealen Regisseur gefunden, der enorm auf Tempo achtet, sich für keine Blödelei zu schade ist, Humor-Klassiker zitiert, den Slapstick aber auch immer mal wieder neu erfindet." Es trifft auch zu, was Kai Bremer anlässlich der Phobiker bemängelt hat: "Gerade weil Brey die Schauspieler fast die gesamte Inszenierung hindurch in einem Wahnsinnstempo dampfplaudern lässt, geht dem Ganzen die Luft aus." Wer sich freilich an Breys eigene atemberaubende Auftritte beim damals noch taufrischen René Pollesch erinnert, darf vermuten, dass das Ausgehen der Luft ein beabsichtigter Effekt ist. Dass Geschwindigkeit weit über die Konvention der Farce hinaus Methode sein kann, beweisen nicht nur Stilrichtungen des Jazz, sondern etwa auch die Fernsehserien von Aaron Sorkin. Im Übrigen bringt diese Technik die Pausen, die Brey im "Blauen Würfel" zwar nicht häufig, aber gezielt setzt, umso stärker zur Wirkung.

Wuerfel 085 560 Annemone Taake uErschießt den blauen Würfel! © Annemone Taake

Christian Brey lässt die Darsteller überdreht agieren, entscheidet sich bei Gestik und Mimik sowie bei den Kostümen (Anette Hachmann) für die jeweils schrillste Möglichkeit. Das körpersprachliche Repertoire hat er sich bei den Animationsfilmen von Fernsehsendern à la Super RTL abgeschaut. Er lässt kurze Passagen wiederholen und bevorzugt so, auch darin ein Schüler von Pollesch, das Mechanische gegenüber dem Natürlichen. Tochter Nicole zum Beispiel darf eine schier endlose Reihe von "Neins" in allen denkbaren Tonlagen vortragen und aus dem Handstand, Kopf nach unten, ihren Text deklamieren.

Ohne das Unheimliche

Die von Anette Hachmann ziemlich zugebaute Bühne fördert die Bewegung in der Vertikalen, die Kommunikation von oben nach unten und umgekehrt, verzichtet aber auf die genrespezifischen Türen. Rokokohaft verzierte rosafarbene Tortenstücke bilden die Kulissen. Gelegentlich taucht jemand zwischen ihnen auf, angedeutete Nebenräume gibt es nicht. Man vermisst sie auch nicht. Die obligatorische Videoprojektion beschränkt sich auf das Vorspiel. Mehr wird nicht benötigt. Genau genommen ist auch diese Doppelung überflüssig.

Schon der Beginn – Livia und Cedric von Horst sowie Cilly Schiller bemühen sich redlich, die Vorderbühne zu erklimmen – stimmt den komödiantischen Grundton an. Das macht Spaß. Ob es dem Stück notwendig eingeschrieben ist, könnten weitere Inszenierungen zeigen. Es ließe sich eine Auffassung denken, die das Unheimliche der im Text enthaltenen negativen Utopie betont. Der blaue Würfel hat nach der Uraufführung noch nicht ausgedient.

Der blaue Würfel
von David Gieselmann
Uraufführung
Regie: Christian Brey, Bühne und Kostüme: Anette Hachmann, Musikalische Leitung: Matthias Klein, Dramaturgie: Jürgen Popig.
Mit: Dorothea Arnold, Andreas Uhse, Sheila Eckhardt, Nicole Averkamp, Christina Rubruck, Martin Wißner, Andreas Seifert, Marco Albrecht.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.theaterheidelberg.de

 

Kritikenrundschau

Optisch mache der Abend was her, darstellerisch auch, schreibt Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (25.4.2017). "Christian Brey treibt seine Truppe zum überdrehten Pollesch-Tempo an. Kein Wunder, hat der Regisseur früher doch selbst an den bunt-chaotischen Abenden René Polleschs im Staatstheater Stuttgart mitgewirkt." Ein Mann vom Fach, der sich aufs Überdrehte verstehe. "Zu Gieselmanns Masche gehört es, alles durch einen pseudophilosophischen Fleischwolf zu drehen."  Mal funktioniert sein Sprachwitz, mal weniger. "Mal soll's tiefsinnig sein, aber kaum lässt man sich auf eine vermutete Doppelbödigkeit ein, schon landet man in flachen Gewässern." Formal säusele der Klamauk in einigen Szenen am Musical-Genre vorbei. "Was also erwürfeln sich Gieselmann und seine Mitstreiter mit dem 'Blauen Würfel'? Der knapp zweistündige Abend läuft auf eine Drei hinaus."

Die Uraufführung findet im großen Haus statt, denn "Heidelberg will Neues prominent präsentieren. Ein halbes Stündchen geht das flott vonstatten", schreibt Stefan Benz in der Allgemeinen Zeitung (26.4.2017. Doch dann finde sich im neuen Horst-Heim jener blaue Würfel, "der eine Zeitmaschine ist und den Gang der Geschichte derart durcheinanderbringt, dass Comedy-Chaos entsteht". Christian Brey, der schon mehrfach Gieselmann-Uraufführungen inszenierte habe, "geht auf im Klamauk, setzt auf Klimbim. Falls im Stück noch mehr drin steckt, erfährt man es hier nicht, denn die Regie forciert Schnellsprech mit gelegentlichen Musicaleinlagen." Bei einer Länge von 100 Minuten sei das eine Herausforderung, "die das Ensemble bravourös meistere". Die Schauspieler seien es denn auch, die in der Konfusion dieses Würfel-Spiels erst die Komik herbeizaubern.

 

 
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