Revue der wilden Natur

von Alexander Jürgs

Darmstadt, 29. April 2017. Es ist kalt am Klondyke River. Die Windmaschine pustet den Kunstschnee durch den Raum, das Licht flackert. Auf der Bühne ein Berg aus Eis. Schemenhaft erkennt man die Darsteller, die über den Bühnenboden krabbeln. Sie fauchen, sie brüllen, auf allen Vieren kämpfen sie sich den Eisberg hinauf. Da oben liegt ein Mann. Um sich zu verteidigen, zückt er die Pistole und zielt auf die Angreifer. Ein Schuss, noch einer, dann ist seine Waffe leer. Die Tiere erklimmen den Berg, machen sich über ihn her, zerfleischen den armen Tropf. Und dann fällt schon, nach kaum mehr als einer Minute, zum ersten Mal der Vorhang. Zwei Musiker treten an den Bühnenrand, mit Muppet-Show-Strubbelhaarfrisuren, im Frack, mit Fliegen in Knallrosa. "Golden green" summen sie. Dann geht der Vorhang wieder hoch.

Sehnsucht nach heiler Welt

Der Abenteuerroman "Ruf der Wildnis" von Jack London, 1903 unter dem Titel "The Call of the Wild" erschienen, spielt in der Zeit des amerikanischen Goldrausches. London erzählt darin, aus der Sicht des Hundes Buck, von der Härte des Überlebenskampfes der nach Amerika Aufgebrochenen, von der Rohheit der Menschen. Aus der kalifornischen Sonne wird dieser Buck entführt und als Schlittenhund nach Alaska gebracht. Denn dort wurden Goldvorkommen entdeckt. Die nach Glück und Reichtum schürfenden Männer brauchen Tiere, die sie sich zu Untertanen machen und die ihnen helfen bei ihrer Suche.

RUF DER WILDNIS 4 Ensemble 560 Robert Schittko u 2Zottelwesen: das Ensemble in "Ruf der Wildnis" © Robert Schittko

Mit immer neuen Herren durchlebt Buck eine Menge Leid und eine Reihe an Abenteuern. Nur zu einem seiner Führer, einem Mann namens John Thornton, baut er ein Vertrauensverhältnis auf. Doch nachdem Thornton schließlich Gold findet, wird ihm der Hund unwichtig. Buck macht sich auf, folgt dem "Ruf der Wildnis", schließt sich einem Wolfsrudel an. Es ist eine Erlösung nach all der Pein. Londons Roman speist die Sehnsucht nach einer rettenden, unberührten Natur. Und er wird zu einem Bestseller. Noch im Erscheinungsjahr übersetzt die Ehefrau des norddeutschen Heimatdichters Hermann Löns das Buch ins Deutsche, mehrfach wird es verfilmt. "Ruf der Wildnis" wird zu einem bleibenden Stück Popkultur.

Skelette in Fell

Was man heute daraus machen kann? Am Darmstädter Staatstheater hat man sich für sozialistisches Cabaret entschieden. All die Natursehnsucht spielt in der Inszenierung von Christian Weise keine Rolle mehr. Der Fokus liegt auf der Ausbeutung und Versklavung der Tiere. Diese, wie es in dem Stück heißt, Skelette in Fell, die zum Sinnbild für die Unterdrückung der "Working Poor" wird. Aus Londons "Ruf der Wildnis“ ist ein herrlich überdrehtes Lehrstück über den Raubtierkapitalismus geworden, eine schrill-kämpferische Revue. Das dürfte tatsächlich im Sinn des Erfinders sein: Jack London, geboren in einem Armenviertel von San Francisco, der Vater machte sich direkt nach der Geburt des Sohnes aus dem Staub, war ein Verehrer von Karl Marx. Für die Socialist Party kandidierte er einmal – erfolglos – als Bürgermeister in Oakland.

Die neue Textfassung, die in Darmstadt uraufgeführt wird, hat Soeren Voima geschrieben. Dem originalen Titel hat er, durch einen Querstrich abgetrennt, den Zusatz "Stimme des Kapitals" verpasst. Hinter dem Autorenpseudonym steckt Christian Tschirner, Dramaturg am Hamburger Schauspielhaus. Der "Stuttgarter Zeitung" offenbarte er einmal, dass es sich bei Soeren und Voima um zwei Knäckebrotsorten handelt, die er im Finnland-Urlaub kennenlernte.

Halb Mensch, halb Tier

Alles ist künstlich und überdreht in dieser Inszenierung. Der Eisbrocken sieht aus, als stamme er aus Disneyland, die Darsteller treten in enganliegenden, fleischfarbenen Kostümen, die mit Zottelhaar bestickt wurden, auf. Es gibt live gespielten Rummelplatztechno und Countryschmalz, blinkende Lichterketten und viel Geschrei. Hölderlin und Shakespeare werden zitiert, die Doors, Obama und Trump. Die Schauspieler sind halb Mensch, halb Tier. In einem Moment schlürft man kultiviert Tee, im nächsten Moment wird das Bein gehoben und in die Ecke gepinkelt.

RUF DER WILDNIS 4 Ensemble 560 Robert Schittko u 1Im gläsernen Sarg: Samuel "The Star of the Theatre" Koch © Robert Schittko

Die Geschichte des Hundes Buck wird mal heruntergeleiert, mal gesungen, mal proklamiert – meistens im Chor. Das Elend ist hier eine bizarre Farce. Oscar Olivo gibt einen Cowboy-Kapitalisten, einen neoliberalen Motivationstrainer, einen "Wolf of Wall Street". Dauergrinsend springt er zwischen Englisch, Deutsch und Denglish hin und her, die Hundetruppe treibt er mit Tiraden aus Floskeln an.

Germans like Nachhaltigkeit

Zwischendurch klingelt sein Handy und er ordert Aktien – auch von der Bio-Supermarktkette Alnatura, denn "the Germans like Nachhaltigkeit". In einem gläsernen Sarg liegt, wie Schneewittchen, der Schauspieler Samuel Koch (als "The Star of the Theatre" stellt ihn Oscar Olivo vor), sein Gesicht voller Kunstblut, die Haare stehen steif und schräg vom Kopf ab. Schlaff kommentiert er den Verlauf der Geschichte. Irgendwann packen ihn die anderen Darsteller, zerren ihn aus dem Glaskasten und betten ihn auf einer Tischplatte.

Am Ende werden sie, nun in lackledernen Sadomaso-Kostümen gekleidet, Koch mit Nudelsalat füttern, ihn mit den Füssen an Seile fesseln und kopfüber in die Luft ziehen. Er wird in diesem Moment zu Bucks Lieblingsherr John Thornton, knapp unter der Bühnendecke hängend fiebert er nach dem Gold. Es ist ein starkes, ein groteskes Bild für die Gier. Die Überzeichnung ist hier das Mittel, um die bis heute funktionierenden Mechanismen der kapitalistischen Produktion bloßzulegen. Das funktioniert – und ist unterhaltend: So aufgedreht, so wunderbar albern wie hier bekommt man Agit-Prop nur selten.

Ruf der Wildnis / Stimme des Kapitals
von Soeren Voima nach Jack London
Inszenierung: Christian Weise, Bühne und Kostüme: Jana Findeklee, Joki Tewes, Komposition und Live-Musik: Jens Dohle, Falk Effenberger, Dramaturgie: Maximilian Löwenstein.
Mit: Christoph Bornmüller, Gabriele Drechsel, Christian Klischat, Samuel Koch, Robert Lang, Oscar Olivo, Stefan Schuster, Katharina Susewind
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-darmstadt.de

 

Kritikenrundschau

"Vorsicht, bissiges Ensemble, könnte man am Einlass warnen. Denn die Schauspieler haben mit einer Hundetrainerin geprobt, damit es glaubwürdig wirkt, obwohl es gar nicht realistisch sein soll. Aber wie im hingeknurrten Prolog ein Mensch im Schneesturm von Bestien zerrissen wird, ist schon mal ein eindrucksvoller Einstieg", schreibt Stefan Benz inm Wiesbadener Kurier (2.5.2017). Die Regie treibe diese Rotte zur Musik zweier Country-Clowns durch eine schräge Revue der Ausbeutung. Christian Weises sprunghafte Fantasie treffe  auf ein Ensemble mit so großem Körpereinsatz, dass es jeden Sprung locker mitmacht. Samuel Koch, der im Staatstheater offenbar immer seltener mit dem Rollstuhl auf die Bühne komme, "liegt zunächst als Gletschermumie in einem Schneewittchensarg und gibt sich als Leiche zu erkennen." Später schnallen sie ihm Schlingen an die Beine, ziehen ihn in die Höhe und Samuel Koch rezitiert das Ende der Geschichte kopfüber. Fazit: "Auf solche Ideen zu kommen, ist verwegen, es mitzumachen, ist mutig. Wow, denkt man nach 100 Minuten. Oder besser: Wau!"

 

 

 
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