An den
ehemaligen Regierenden Bürgermeister
und Kultursenator der Stadt Berlin
Herrn Klaus Wowereit

 

Berlin, den 22.4.2017

Sehr geehrter Klaus Wowereit,

Vor einigen Tagen las ich Ihr Interview mit der FAZ zu Fragen der Berliner Kulturpolitik, des traurigen Schicksals der Volksbühne, zu Claus Peymanns Ausscheiden als Direktor des Berliner Ensembles usw.

juergen holtz 280 theresa becherer uJürgen Holtz  © Theresa Becherer Ich habe Ihre Antworten mit Interesse gelesen. Was Sie als ehemaliger Bürgermeister und Kultursenator der Stadt Berlin zu sagen haben, klingt vernünftig. Sie zeigen Verständnis für die sozialen Härten, die sich aus der Auflösung des Castorf-Ensembles an der Berliner Volksbühne ergeben.

Die gängige Praxis

Zyniker zucken die Achseln und sagen: "Wo gehobelt wird, fallen Späne." Es ist die Praxis bundesdeutscher Theater, mit dem Vertrags-Ende eines Theaterleiters oder seines Spartendirektor wie im alten Indien eine Witwenverbrennung vorzunehmen, d.h. mit ihm seine Leitung, seine Regisseure, Dramaturgen und Künstler zu entlassen, oft in die Wüste zu schicken. Manchmal wird der ehemalige Intendant oder Direktor der Sparte zur Bienenkönigin, fliegt mit seiner Truppe davon, zu einem neuen Ort, wo dann mit anderen Leitern mitsamt Ihrer Crew das gleiche geschieht wie vorher mit ihm. Diese Verfahrensweise gilt im Bundesgebiet allgemein als normal.
Jedes Mal entstehen natürlich soziale Härten, wie jetzt in Berlin durch die Entlassung zweier Ensembles, d.h. in der Folge Arbeitslosigkeit, oft genug sozialer Abstieg. Die Künstler fliegen aus dem System, indem die Theater seit den neunziger Jahren so angestrengt ausgedünnt und ihr Personal verkleinert wurde, oft auf ein Drittel ihrer vorherigen Ausstattung. Den Verantwortlichen gilt der Verlust für das Stadttheater-Publikum gegenüber ihren Einsparungen für "vernachlässigbar". Sie sind davon überzeugt, dass für sie dadurch bessere und preiswertere Lösungen entstehen, die dem Platz, den das Theater in der Finanzplanung der Stadt einnehmen soll, besser entsprechen.
Es gibt zahllose Beispiele, nicht nur aus den neuen Bundesländern, und nicht nur aus der Kultur, für solche Rechnungen, die durch erzwungene Einsparungen instabile Verhältnisse schaffen.
Das Ende der Ära Dorn im Münchner Residenz-Theater und die Schwierigkeiten Lilienthals in den Münchner Kammerspielen weisen exemplarisch auf eine tiefere Problematik.

Die Praxis im geteilten Deutschland

Früher, bevor der deutsche Staat das neoliberale Modell für sich entdeckt hatte, Deutschland noch gespalten war und seine beiden Teile kulturell eifersüchtig konkurrierten, gab es längere Intendanzen in sichereren und ruhigeren Verhältnissen, von großen Intendanten geführt, die große Programme hatten. Auch die Praxis im Theaterland DDR war ruhig und für die Städte verlässlich. Die Ensembles, dort wo es sie wirklich gab, blieben am Ort und lange Zeit stabil. Seit den Neunzigern sind im wiedervereinigten Deutschland dagegen Fluktuationen und Unruhe zu bemerken, als wolle man auf irgendeine Weise einem Druck entfliehen, der allerdings überall herrscht.

Die Darstellende Kunst, wo sie nicht TV ist, hat seit der Wiedervereinigung Bedeutung und Wirkmächtigkeit eingebüßt. Dies hat sie ihrer verordneten Verschlankung nicht allein zu verdanken.

Stadttheater bergen Oper, Ballett, Musicals und Schauspiel unter einem Dach als Mehrsparten-Häuser und arbeiten für die Städte als deren kulturelle Versorgungsbetriebe. Wird eine Sparte ausgetauscht, meist bei Wechsel der Intendanz oder des Chefs einer Sparte, bleibt das Theater als Ganzes und seine Funktion in der Stadt bestehen. Anders verhält es sich, wenn Länder und Städte Sparten oder ganze Theater aus Sparzwang völlig schließen wollen. Dann rebellieren die Bürger, neuerdings. Sie tun es zu Recht. Man nimmt ihnen etwas, das ihre Identität als Bürger ihrer Stadt und ihrer Landschaft betrifft. Sie verhalten sich so auch, wenn man ihre Museen für unwichtig erklärt und deren Bestand plündert, um die Stadt- und Länderkassen aufzubessern. In den modern times, die ohne Gnade auch über sie hereinbrechen, wollen sie die Reste ihrer Identität verteidigen, die in der sog. Provinz mehr bedeuten als dort, wo die Provinz Provinz genannt und verachtet wird, nämlich in ihrer sehr provinziellen Metropole!

Berliner Theaterlandschaft

In Berlin ist, begonnen vor bald einhundertvierzig Jahren, eine ganze Theaterlandschaft entstanden, die sich auch über den Neubeginn 1945 und in zwei Deutschen Staaten, bis zur Wiedervereinigung Deutschlands und den Beginn der neunziger Jahre erhalten hat.
Die Schauspielhäuser Berlins haben, zusammenwirkend und jedes für sich, Ensembles und Traditionen ihrer Kunst entwickelt, die nicht zu übersehen waren. Und sie haben, in ihrer künstlerischen Eigenheit und Besonderheit, die Zeiten und Umstände bis gestern überdauert, (obwohl auch sie Tendenzen der Ermüdung erlagen, in denen ihre Besonderheit verwässert und abgelenkt wurde). Und sie hatten dies ihren langjährigen künstlerischen Leitern, Schauspieler- und Regisseurintendanten zu verdanken.
Jetzt ist, erst durch die hektische und instinktlose Schließung von Schillertheater und Freier Volksbühne Anfang der Neunziger Jahre, später durch den ebenfalls instinktlosen, sukzessiven Austausch erst des Ensembles des Deutschen Theaters Berlin und den Einzug des Thalia-Theaters Hamburg in das Deutsche Theater, dann durch die schon bösartige Entkernung des Ensembles der Volksbühne und durch den Austausch des Ensembles des Berliner Ensembles durch das Schauspiel Frankfurt, diese einmalige Theaterlandschaft substanziell verschieden definierter Schauspiel-Ensembles vernichtet worden. Und mit ihr eine große Zahl von bedeutenden und guten Theaterkünstlern, die nicht nur ihren Ensembles ihr Unverwechselbares gaben, die ohne ihre Ensembles ihre Beliebtheit, ihr Können, ihr Unverwechselbares so nicht entwickelt hätten. Sie sind für Berlin verloren. Es ist kein Platz für sie da. Sie fehlen ihrem Publikum als Träger und Objekte ihrer Identifikationen. Weder Thomas Langhoff, als scheidender Intendant des Deutschen Theaters, noch Claus Peymann als scheidender Direktor des Berliner Ensembles und auch der Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz haben beizeiten an einen Nachfolger gedacht, der ihr Werk, ihr Ensemble fortsetzen könnte. Sie haben vielmehr das Geschick ihrer Häuser dem Kultursenat der Stadt Berlin in die Hände gelegt. Und man könnte fast meinen, sie wollten die Verantwortung für Nachfolge und Erbe nicht.
Nun sind zwei Ensembles zweier wichtiger Städte Deutschlands für gut genug befunden worden, um ihnen mit ihren Intendanten den Weg in die Metropole und zwei gewichtige Schauspielhäuser zu eröffnen. Ein doppelter Verlust! Diese Städte verlieren ihre guten Ensembles und die Metropole kann sie als Implantat nicht gebrauchen.
Wenn Ensembles auf Reisen gehen, feiern sie Triumphe. Als Einkauf für die Stadt sind sie gut gemeint, aber inkompatibel. Sie und ihre Nachfolger bestätigen dem Publikum für lange Zeit ein Gefühl von Gleich-Gültigkeit, ehe es den Neuen gelingt, ihr Format und das Publikum für sich zu gewinnen. In diesem Format erst unterscheidet sich Ensemble von kultureller Stadtversorgung.
Die implantierten Ensembles, wie intakt sie zuhause waren, verlieren als das Ganze, als das sie nach Berlin berufen wurden, in Berlin ihren Charakter und zerfallen. Nur die einzelnen Künstler werden entweder nach einiger Vergeblichkeit weiterziehen oder Fuß fassen. So groß ist keiner mehr, dass er irgendwo erwartet wird.
So ist es den Hamburgern bereits in Berlin geschehen. Niemandem außer Claus Peymann ist es gelungen, sein Ensemble von Stuttgart nach Bochum, von Bochum nach Wien umzupflanzen. Von Wien nach Berlin ist ihm fast niemand mehr gefolgt. Er hat dort das klügste getan, indem er mit den vorhandenen Kräften vorlieb nahm und dann das Ensemble baute.
Steins Schaubühnen-Ensemble ist über die eigenen utopischen Beine seiner Mitbestimmung gestolpert, musste schließlich neu errichtet werden, weil es außer seinem Direktor niemanden mehr gab.

Ein Trümmerhaufen, den niemand sieht

Die hundertdreißigjährige Tradition des DT ist gebrochen, die für Berlin bedeutende politische Tradition der Volksbühne ist, nach Bruch durch die Nazis, nun endgültig Schrott, nachdem die Berliner SPD statt eines politischen Theaters lieber einen Gemischtwaren-Laden gehabt hätte. Ob es gelingt, am Berliner Ensemble die Linie Büchner/Brecht/Müller mit Intendant und Regisseuren fortzuführen, die aus der Linie Maxim-Gorki-Theater, DT und Schauspiel Frankfurt kommen, steht in den Sternen.
Ein Trümmerhaufen, den niemand zu bemerken scheint! Drei, vier der fünf noch bestehenden staatlichen Schauspiel-Bühnen (von ehemals sieben!) der Hauptstadt Deutschlands firmieren noch unter ihren alt- bekannten berühmten Namen, sie sind jedoch damit nicht mehr identisch. Sie folgen anderen Idealen, Vorbildern oder Zielen, oder vielleicht überhaupt keinen. Sie sind jetzt Stadttheater, kulturelle Versorgungseinrichtungen, die alle mit der gleichen mehr oder weniger glücklichen bunten Mischung mehr oder weniger glücklich um die Gunst des Publikums konkurrieren. Die Charakter-Losigkeit ist ihr Programm, ihr gemeinsamer Nenner und ihr gemeinsamer Charakter. Jeder will den anderen überbieten und ihm sein Publikum abjagen.

Gleichviel. Städte- und Länderverwaltungen schwärmen gerne vom Wettbewerb ihrer Stadt-Angebote. Und es wird ihnen fast alles zur Shopping-Mall zwischen McDonalds & Douglas rauf und runter. Vielleicht ist das genau auch gemeint. Und was kulturelle und Bildungsarbeit ist, weiß keiner mehr. Was in dem Theater-Land Deutschland seit den frühen Neunzigern geschehen ist, die maßlose finanzielle und personelle Einschränkung kultureller Einrichtungen und Prozesse, betrifft genau so die Bildung. Und beides ist eine Europa-weite Erscheinung seit dieser Zeit. Sie ist seitdem, wenn auch für die Verwaltungen und politischen Entscheidungsträger nicht so lautlos, wie sie es gewollt hätten, so doch sukzessive vonstatten gegangen, verteilt jedoch über fünfundzwanzig Jahre. Mit durchschlagendem Erfolg für die Privatisierung der öffentlichen Kultur, das Absinken des allgemeinen Bildungsniveaus und die Vereinzelung der künstlerischen Leistung. Anders als früher werden die daraus entstehenden Probleme eben mit der Keule gelöst! Nicht drei (oder vier) Schauspiel-Intendanten Berlins wurden durch Nachfolger für die Entwicklung ihrer Ensembles ersetzt. Nicht die drei (oder vier) Schauspielensembles wurden durch drei (oder vier) neue Ensembles ersetzt. Nein. Die einmalige Theater-Ensemble- Landschaft Berlins wurde durch die Landschaft beliebigen bunten Angebots ersetzt.

Niemand hat die Axt bemerkt

Die Stadt Berlin und ihre politischen Repräsentanten haben vergessen oder nie gewusst, dass ein Ensemble, das die Berliner staatlichen Schauspielhäuser waren, ein fließend sich verändernder, lebender Organismus ist, zu dem auch das Publikum, die Zuschauer, die Öffentlichkeit zwingend gehört. Sie haben vergessen, dass dieses Zusammenspiel ohne Publikum, ohne Zuschauer, ohne wirkliche politische Öffentlichkeit nicht existiert.
Drei Intendanten wussten sehr genau, was vom Neo-Liberalismus für die öffentliche Kultur, für die Schau-spiel- und Ensemblekunst zu erwarten ist und dachten trotzdem, sie hätten genug getan und bräuchten ihre Nachfolge nicht zu regeln, für ihre Ensembles nicht zu sorgen. Die Folge war, dass die Stadt, von Moment-Aufnahmen und Spekulation geblendet, die Axt an diese ihre Identität gelegt hat. Und niemand hat irgendwann etwas gemerkt und die Bremse gezogen!

Es war mir wichtig, dies zu Ihren Antworten auf die Fragen der FAZ zur Berliner Kulturpolitik und während Ihrer Zeit als Regierender Bürgermeister und Kultursenator ergänzend einzuwenden.

Mit freundlichem Gruß

Jürgen Holtz, Schauspieler des Berliner Ensembles

PS: Ich gebe diesen Brief als öffentlichen Brief an die Feuilletonredaktion der FAZ
und an den Senator für Kultur Herrn Dr. Klaus Lederer


juergen holtz ausschnitt 140 theresa becherer uDer Schauspieler Jürgen Holtz, geboren 1932 in Berlin, kam nach ersten Engagements in Erfurt, Brandenburg/Havel und Greifswald 1964 an die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. In Berlin spielte er in den siebziger Jahren auch in den Ensembles des Deutschen Theaters und des Berliner Ensembles. Nach Gastspielen in Hamburg und Bochum verließ er 1983 die DDR. Es folgten Engagements an den Münchner Kammerspielen, am Schauspiel Frankfurt, am Deutschen Theater Berlin, am Nationaltheater Mannheim und am Berliner Ensemble. Daneben war Jürgen Holtz auch regelmäßig in Film und Fernsehen zu sehen. 1993  erhielt er den Gertrud-Eysoldt-Ring, 2004 den Hessischen Kulturpreis, 2013 den Theaterpreis Berlin und 2014 den Konrad-Wolf-Preis der Akademie der Künste.

 

Wir danken Jürgen Holtz für die Genehmigung, seinen Text im Wortlaut zu veröffentlichen. Die Hervorhebungen folgen dem Original, offensichtliche Schreibfehler wurden stillschweigend korrigiert. Aus Gründen der Lesbarkeit haben wir Zwischenüberschriften eingefügt.

 
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