Die rosa Fassade des Bösen

von Matthias Schmidt

Halle, 6. Mai 2017. "Das ist einfach nur furchtbar", flüstert eine Dame vor mir ihrem Mann ins Ohr. Seit einer Stunde wird Rainer Werner Fassbinders "Bremer Freiheit" gespielt, nur ist von dem Stück um die Bremer Serienmörderin Geesche Gottfried, vom Autor eine bürgerliche Tragödie genannt, quasi nichts zu verstehen. Weil man erstens das Gefühl hat, hier wird, warum auch immer, in einer falschen Kulisse gespielt, einer rosaroten Papp-Burg. Stand wohl noch vom Vortag auf der Bühne. Weil man sich zudem daran zu gewöhnen hat, dass das Saallicht 45 Minuten lang brennt, und man, als es plötzlich doch noch ausgeht, erleichtert denkt, hat also endlich jemand den Schalter gefunden.

Weil auf der Bühne albern aufgetakelte Schauspieler mit aufgeklebten dicken Lippen ihre Texte aufsagen und dabei scheinbar am Stoff ziemlich desinteressiert sind. Die Morde der Geesche Gottfried kommen nur als putzige Slapstick-Nummern vor. Ständig werden geschlechterübergreifend die Rollen gewechselt, streckenweise alles zweimal gesagt. Jeder spielt jeden und die bürgerliche Tragödie keine Rolle. Jeder Dialog und jeder Handgriff werden aufdringlich von Musik untermalt, von großem Drama bis zu Billig-Techno. Einmal tanzen alle zusammen, die Mörder und die Ermordeten, eine Art Aerobic-Dance. Veralbern die nur uns oder Fassbinders Stück gleich mit? Hurz? Nein, das vielleicht nicht, aber ganz ehrlich, wer die im Programmblatt erläuterten Interpretationsansätze zum Thema "quer stehen von sexus und gender" auch ohne dessen Lektüre verstanden hat, bitte mal melden.

Auf den ersten Blick könnte man dieses offenbar vorsätzlich nicht ernst genommen werden wollende Schauspiel auf der Opernbühne für Sabotage halten. Zumal es ausgerechnet in einer Woche Premiere hat, in der die Oper Halle von Schlagzeilen über angeblich die gesamte Theater-, Opern- und Orchester-GmbH existentiell bedrohende sechsstellige Einnahmeverluste erschüttert wird.

Verbindende Abgründe

Wie schön, dass es den zweiten Blick gibt. Die meisten Zuschauer sind, was nicht ganz sicher schien, nach der Pause wiedergekommen, auch die Dame vor mir, und sie werden es nicht bereut haben. Nicht, dass Regisseurin Thirza Bruncken im nun gespielten Opern-Einakter "Herzog Blaubarts Burg" von Béla Bartók den Stoff ernster nähme, das nicht. Auch hier wird nicht gezeigt, was im Libretto steht, die sieben verschlossenen Türen der Burg nicht aufgeschlossen, geschweige denn hineingeschaut, schon gar nicht in die letzte, hinter der die drei toten Frauen des Herzogs und bald auch Judith, die vierte, lagern.

Blaubart bremer freiheit2 560 Tobias Kruse uTeil 1 – Bremer Freiheit (vorn: Thorsten Heidel, dahinter: Gerd Vogel, rechts daneben von oben nach
unten: Felicitas Breest, Mirco Reseg, Susanne Bredehöft) © Tobias Kruse

Aber mehr und mehr zeigt sich das Konzept hinter Brunckens expressionistisch angehauchtem Theater-Schabernack. Zugegeben, Bartóks sphärische, mal wuchtig pathetische, mal auch kitschige Musik und die grandiose Performance der Staatskapelle Halle machen es einfacher als die seltsame Sprechoper, die es vor der Pause auszuhalten galt.

Man kann nun nämlich genauer hinschauen und zum Beispiel erkennen, dass sich im Keller der sich drehenden Burg ein verstecktes Zimmer befindet, das an den Fall Natascha Kampusch erinnert. Und dass die Burg auf ihrer Rückseite einen Musterhaus-Einfamilienhaus-Giebel hat. Noch jemand Leichen im Keller? Man muss ja nur mal "Höxter und Haus" googeln. Versprochen, dabei erfährt man mehr, als einem lieb ist. Es sind die Abgründe, die beide Stücke verbinden, und mehr und mehr wird sinnfällig, dass es hier als ein Stück, gespielt von denselben Personen in denselben Kostümen gezeigt wird.

Kein historischer Einzelfall

Das Böse kann sich hinter jeder Fassade verstecken, selbst hinter rosaroten. Der frauenmordende Herzog Blaubart ist eben leider nicht nur eine Märchenfigur, und Geesche Gottfried, die zu Beginn des 19.Jahrhunderts in Bremen 15 Menschen mit Arsen vergiftete, unter anderem ihre Eltern und ihre Kinder, eben kein historischer Einzelfall. Natürlich wird ihr Morden nicht erträglicher, wenn man ihre Lebensumstände bedenkt, die brutalen Männer um sie herum zum Beispiel, aber man kann sich daraus den Grund dafür erschließen, warum Thirza Bruncken darauf verzichtet, die Morde als Vorgang ernst zu nehmen.

Blaubart bremer freiheit3 560 Tobias Kruse uTeil 2 – Herzog Blaubarts Burg (v.l.n.r.: Gerd Vogel, Anke Berndt, Thorsten Heidel, Susanne
Bredehöft, Felicitas Breest) © Tobias Kruse

Mehr noch, man kann sich nach der Pause daran erfreuen, dass es Schauspieler gibt, die Oper singen können. Felicitas Breest, eine der beiden Judiths im "Blaubart" zum Beispiel. Und Sänger, die schauspielern können. Anke Berndt und Gerd Vogel (als Herzog Blaubart) bestehen diesen Test schauspielerisch sehr anständig, musikalisch bravourös.

Opernchef Florian Lutz macht mit diesem Hybrid-Abend aus hochambitioniertem Regie-Theater und Oper weiter ernst mit seiner Vorstellung von einer Erneuerung der Oper. Beschwingte Samstagabend-Unterhaltung ist das nicht. Es ist Theater, das man aushalten muss, um es genießen zu können. Am Ende gibt es Bravorufe für Ensemble und Orchester und ebenso viele Buhrufe für die Regie.

Herzog Blaubarts Burg & Bremer Freiheit
Oper in einem Akt von Béla Bartók (Libretto von Béla Balázs in der deutschen Übersetzung von Wilhelm Ziegler) und Bürgerliches Trauerspiel von Rainer Werner Fassbinder
Regie: Thirza Bruncken, Musikalische Leitung: Josep Caballé-Domenech/Christopher Sprenger, Bühne und Kostüme: Christoph Ernst, Dramaturgie: Ilka Seifert.
Mit: Anke Berndt, Susanne Bredehöft, Felicitas Breest, Thorsten Heidel, Mirco Reseg, Gerd Vogel, Staatskapelle Halle.
Dauer: 2 Stunden 35 Minuten, eine Pause

buehnen-halle.de/oper

 

Kritikenrundschau

"In all dem Hüpfburg Slapstick muss man sich Mühe geben, um mitzukriegen, dass es um Mord und Gift und vielleicht auch einen pervertierten Drang nach Freiheit geht", schreibt Joachim Lange in der Mitteldeutschen Zeitung (8.5.2017) über den ersten Teil, der aber "als eigene Kunstanstrengung durchaus virtuos" sei. Und für "Herzog Blaubarts Burg" brauche ein Opernhaus sowieso "'nur' ein fabelhaftes Orchester und zwei ebensolche Sänger", so Lange: Und die seien in Halle mit der Staatskapelle unter der Leitung von Josep Caballé-Domenech und mit Anke Berndt und Gerd Vogel "natürlich vorhanden".

Einen "Musiktheaterabend der etwas anderen Art" hat Ute Grundmann gesehen und schreibe auf Deutsche Bühne online (8.5.2017): Fassbinders "doch etwas in die Jahre gekommenes, plakatives Stück" "Bremer Freiheit" komme "als bunter Karneval über, ach ja, Männer- und Frauen-Klischees daher". Der "Blaubart" pendele ständig zwischen gewollter und ungewollter Komik, "über die Figuren erfährt man wenig." Dass beide Werke zusammenpassten, "bleibt, was es ist: Eine Theorie", so Grundmann – immerhin: "Musikalisch gibt es wenig auszusetzen."

Dieter David Scholz veröffentlicht auf seiner Website den Beitrag, den er auf MDR Kultur gesprochen (7.5.2017) hat (zum Nachhören): Es sei ein "gewagtes Experiment" zwei "so gegensätzliche Formen von Theater, Schauspiel und Oper miteinander zu verbinden". Das Scharnier zwischen beiden sei Christopher Sprengers "rosarote Ritterburg wie aus dem Kinderbuch". Bruncken knete Trauerspiel und Oper "kräftig ineinander", mit "Figurenverdopplung", "Rollentausch", "chargierender Übertreibung", "Slapstick", "primitiven Blödeleien und holzhammerhaften Gender-Klischees". Sänger übernähmen Schauspielrollen, Schauspieler singen. Das habe etwas "von Kasperlspiel, von Komödienstadel und Schülertheater". "Sinn oder Mehrwert" vermag Scholz nicht zu erkennen. Er findet die Veranstaltung "geradezu leichtsinnig und abenteuerlich, um nicht zu sagen grotesk, da beide Stücke eigentlich demontiert werden". Beide Stücke verlören "ihr Grauen, ihre Faszination, vor allem aber ihren je eigenen Kunstcharakter". "Experiment" missglückt.

 
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