Land der Rückschau

von Andreas Klaeui

Basel, 23. Mai 2008. Es ist ja nun einmal nicht davon auszugehen, wenn wir, sagen wir, einen Deutschen darum bäten, typische Schweizer Eigenschaften aufzuzählen, dass ihm dann zum Beispiel die Unbeschwertheit, die Leidenschaftlichkeit und die Eleganz des Ballspiels einfielen. Insofern hat es in Zeiten einer in der Schweiz stattfindenden Europameisterschaft und eidgenössisch diesbezüglich verordneter Fußballfestesfreude in der Tat einen gewissen Reiz, einmal nachzufragen, was es denn wirklich ausmache, das besonders Schweizerische.

 


Wie es jetzt das Theater Basel tut unter dem Kräuterzuckertitel "Wer hat's erfunden?" "Wir suchen nach dem, was eine gute Geschichte zum Schweizer Mythos macht, nach dem, was an Schweizer Mythen heute noch stimmt oder immer schon gut erfunden war, wir klauen im Ausland und erinnern uns an unsere Wiegenlieder" etc. pp. – große Fragestellungen verspricht die Programmankündigung. Wir rechneten nicht mit Antworten; aber damit, dass in der Veranstaltung dann nicht einmal mehr weitergefragt würde, hätten wir nun auch nicht gerade gerechnet.

 

Helvetische Melancholie 

Ganz vieles wird da angerissen, nichts miteinander verklammert oder fortgedacht. Der Abend stellt sich, ohne groß auf helvetisches Understatement zu machen, als "Schweiz-Revue" vor, also: die Schweiz revisited, das Land in der Rückschau. Er tut so, als wolle er sich an ganz vielem reiben. Aber kein Funke springt. Gewiss ist es vergnüglich, den in- und ausländischen Schweiz-Klischees wiederzubegegnen. Dem in der Schweiz so beliebten "Grützi!" mit preußischem Zungenschlag wie dem "Apéro" (Apéritif), den die Deutschen hier so niedlich zu finden pflegen.
Natürlich ist es reizvoll, die helvetische Langfädigkeit, diese Umständlichkeit, die alles immer ganz genau nimmt, ins Theater zu bringen, und einer wie Christoph Marthaler hat dies ja auch mit eigener Präzision zu den Hoch- und Tiefdrucklagen einer helvetischen Melancholie geführt. Freilich macht es Spaß, wenn der Kontrabassist mehr Power vom Technikpult verlangt und dies umgehend zu einer Volksabstimmung auf der Bühne führt (Ergebnis sechs zu sechs Stimmen; alles bleibt beim Alten).

Ist das kleine Land am Ende doch zu groß? Schillers "Tell", das "Heimweh", "la nostalgie", die einst Schweizer Söldner in französischen Diensten erfanden, der "Diskurs in der Enge", den Paul Nizon prägte, die "freie Sicht aufs Mittelmeer", welche einst eine rebellische Jugend forderte – vieles klingt hier an.

Wenn ich mol Gäld ha
Nichts findet einen Echoraum. Ein einsamer Raucher steht vor seiner rauchfreien Beiz im Regen und träumt von wärmenden Armen (Raphael Traub); ein wendiger Kellner singt spanische Liebesschwüre zwischen Kuchitüechli und Abfalltrennung (Jan Bluthardt); ein "Tschingg" (wie in der Schweiz die italienischstämmigen Einwanderer genannt wurden) philosophiert darüber, dass wir "tutti chlini Fischli" sind (Andrea Bettini). Das sind schöne Momente. Aber was war schon wieder das Thema?

Die Erkenntnis jedenfalls, die als einzige wiederholt wird, schön einprägsam am Anfang und am Schluss, ist dann als Klammer doch etwas dünn: "Wenn ich mol Gäld ha will ich i d Wält / Furt vo deheime nur mit em Zält", hebt das Liedlein an, um so zu enden: "Wenn ich wiit furt bi, immer am Meer / Tokyo, Manhattan, truureni seer / … / Wott wider hei." (Schweizerdeutschkenntnisse für den Vorstellungsbesuch empfohlen. Die Übersetzung: Wenn ich mal Geld habe, will ich in die Welt, weg von zu Hause nur mit dem Zelt… Wenn ich weit fort bin, immer am Meer, Tokyo, Manhattan, bin ich sehr traurig, will zurück nach Hause…).

Acht Sänger-Schauspieler; acht Songs. Ein hübsches Projekt, auf jeden Fall für die Beteiligten. – Es tut manchmal so, als ob es mehr wäre als hübsch und amüsant. Aber hübsch und amüsant ist es zwischendurch durchaus. 

Wer hat's erfunden?
Eine Schweiz-Revue
Regie und Liedtexte: Elias Perrig, Kompositionen und musikalische Leitung: Biber Gullatz, Bühne: Wolf Gutjahr, Kostüme: Katharina Weissenborn. Mit: Andrea Bettini, Jan Bluthardt, Martin Hug, Lorenz Nufer, Linda Olsansky, Jörg Schröder, Raphael Traub, Nikola Weisse, und den Musikern: Ines Brodbeck, Daniel Fricker, Ulrich Pletscher, Bernadette Soder.

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau 

"Worum geht es?" fragt Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (26.5.) mit Blick auf die Schweiz-Revue des Theaters Basel "Wer hat's erfunden?" von Elias Perrig. "Schwer zu sagen an diesem Abend ... Sicher ist nur: Das Basler Ensemble vergnügt sich fabelhaft und steckt das willige Publikum alsbald an. Fröhliches Lachen bei jeder der vielen Nummern, die zusammenhanglos aufeinanderfolgen." Es gebe subtile Momente, "aber sie zerplatzen wie Seifenblasen." Perrig habe zwar "durchaus ein Feeling für die hübsch-unheimliche Schweiz, unter deren Bilderbuchoberfläche sich Schründe öffnen. Freilich kultiviert er es nie, wie Christoph Marthaler das kann, bis zur Schmerzgrenze, sondern schiebt lieber die versöhnliche Unterhaltungskomponente davor mit schmissigen Songs". Und so münde "der ironische Ton des mit seinem Thema postmodern kokettierenden Liederabends immer wieder in selbstverliebte Harmonie."

 
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