Sprache kein Problem

von Eva Biringer

Berlin, 18. Mai 2017. Selbst die Wände tragen Trauer. Schwarz flittert das Lametta im Zuschauerraum der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Bald wird sie Volksbühne Berlin heißen. Note to self: In diesem Text bitte keine a) In-die-Röhre-schauen-Witze b) keine "heute nur Achtel"-Weinwitze c) kein Dercon-Putsch. Gar nicht so einfach bei einem von der Nacherzählung der Handlung befreiten Theatertreffen-Shorty. Nicht, dass es bei "Pfusch" eine Handlung zum Nacherzählen gäbe. Jene nach Narration gierenden Zuschauer setzt Herbert Fritsch auf Fastenkur. Alle anderen hungern sich glücklich. Nach der Vorstellung stocken sie ihren Vorrat an Volksbühnen-Devotionalien in Form von Streichhölzern auf wie Eichhörnchen ihre Nussration im Angesicht des drohenden Winters.

Ähnlich wie am Abend zuvor das aus Mainz angereiste Stück Traurige Zauberer fördert auch "Pfusch" in seiner konsequent-nicht-dramatischen Form eine beinahe meditative Haltung. Kopf aus, Augen auf: Zu sehen gibt es schließlich genug. Im ersten Teil des Hundertminüters strapaziert das zwölfköpfige Ensemble eine Vielzahl kleiner und großer Klaviere. Von Zeit zu Zeit versinken diese im Bühnenboden; der dadurch entstehende Luftzug umweht die schwitzenden vorderen Reihen aufs Angenehmste (endlich Sommer in Berlin).

Heiterkeit vor dem Ende

Um einen herum ausnahmslos heitere Gesichter. Anders als die vormaligen Sitzsäcke lädt die aktuelle Volksbühnen-Bestuhlung mit ihren elastischen Rückenlehnen zum Mitwippen ein. Gelacht wird eigentlich immer, verstohlen beim Hitlergruß, mitleidig beim Sprungbrettsturz. Szenenapplaus auch im zweiten Teil, in dem das Ensemble Viktoria Behrs wie immer grandios überdrehte Rokokogarderobe gegen fleischwurstfarbene Badeanzüge tauscht. 

Pfusch2 560 Thomasu Aurin uQuatsch machen für die Schönheit © Thomasu Aurin

Besonders gut passt auch der an ein nicht-deutschsprachiges Publikum gerichtete Programmhefthinweis "Sprache kein Problem". Zwar wird mehr gesprochen als etwa bei der 2013 eingeladenen Fritsch-Produktion Murmel Murmel, aber wenig genug, um dem Nonsens im Falle des Nichtverstehens keinen Abbruch zu tun. Wobei eine Übertitelung von "Pfusch" natürlich auch ihren Reiz hätte. "Heidi aus Heidelberg – Heidi from Heidelberg", "Wo ist Dave? – Where is Dave? (und wer ist eigentlich Dave?)", "Okay – Okay."

Von allen diesjährigen Theatertreffen-Inszenierungen ist "Pfusch" wohl die anschlussfähigste. Zum einen, weil deren Regisseur Politisches zugunsten der Kurzweiligkeit ablehnt. Zum anderen, weil die Volksbühnen-Produktion hier Heimvorteil genießt und sowieso alle Castorf-Jünger bangend und dementsprechend den letzten Zeugnissen seiner Ära milde gestimmt der beginnenden Hungersnot entgegensehen (Note to self: kein Abschweifen in die Berliner Kulturpolitik). Alle bis auf Herbert Fritsch, der alte Theatertreffenhase (sieben Einladungen bisher). Den Schlussapplaus nimmt er mit dem Gesichtsausdruck eines Trauerfeiergasts entgegen. Schwarz flimmert das Lametta: Tschüss (Bye bye).

 

Hier geht's zur Nachtkritik der Uraufführung von "Pfusch" an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

Alles zum Berliner Theatertreffen 2017 gibt's im Liveblog.

 

 
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