Bad Religion

von Kai Bremer

Münster, 18. Mai 2017. Wie sehr das im Herbst anstehende Reformationsjubiläum jetzt schon künstlerisch herausfordert, zeigen Münsters Theater mit Facettenreichtum. Im Herbst feierte hier im Stadttheater John von Düffels Luther-Drama Premiere. Seine Pointe ist, dass es die Reformationsgeschichte im Kern ausspart und den jungen Mönch und den alten Wutbürger vorführt. Von Düffel nähert sich dem Phänomen Reformation nicht zuletzt sprachlich, indem er Luthers Frühneuhochdeutsch überzeugend nachahmt. Einen anderen Zugriff auf diese Zeit wählt Arna Aley, die die Geschichte des Münsteraner Täuferreichs für das private Wolfgang-Borchert-Theater in Münster unter dem Titel "Das neue Jerusalem" dramatisiert hat.

Radikale Reformatoren in Münster

In den 1530er Jahren errichteten radikale Reformatoren eine Art Gottesstaat auf westfälischem Boden. Dass der Stoff sich für die Bühne eignet, hat schon Dürrenmatt mit seiner Komödie "Die Wiedertäufer" (1967) erkannt. Anders als er geht Aley aber zu den Ereignissen damals nicht ostentativ auf ironische Distanz. Sie versucht auch nicht, wie von Düffel, sich der Reformationszeit durch präzise Psychologisierung und Nachahmung der Sprache anzunähern. Aley nimmt vielmehr zentrale Momente des Täuferreichs und konzentriert sie entweder so, dass historische Konstellationen deutlich werden oder sie übersetzt sie allegorisch.

So lässt sie zuletzt den aus der Stadt vertriebenen Bischof als Golem zurückkehren. Seine Lehm-Hülle wird in der Aufführung durch eine Christo-mäßige Papierummantelung angedeutet, aus der er schließlich ausgepackt wird, um in seinem Brokat-Gewand zu erstrahlen: Die wahre katholische Kirche ist zurück in Münster. Vielleicht war es auch das, was das Publikum zu langem Applaus und einzelnen Bravo-Rufen veranlasste (ungeachtet dessen, dass der historische Bischof von Waldeck weit weniger katholisch war als bei Aley).

DASNEUE JERUSALEM1 560 Klaus Lefebvre u"Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?" Im Vordergrund: Florian Bender, Hannah Sieh
© Klaus Lefebvre

Intendant Meinhard Zanger inszeniert den Abend selbst. Wenn man sich klar macht, dass in seinem Haus sonst präzise inszenierte Kammerspiele von Reza bis Rinke vorherrschen, ahnt man schon, dass die Bühne für historische Ereignisse mit zum Teil mehr als einem Dutzend Darstellern nur bedingt geeignet ist. Darko Petrovic hat sie als Halbrund eingerichtet, das sowohl Versammlungssaal als auch Stadtmauer sein und zudem durch Vorhänge noch elegant variiert werden kann.

Zeichen, keine Wunder

Gleichwohl hat die Aufführung ihre Haken. Das liegt zunächst daran, dass nicht alle Szenen derart überzeugend entwickelt sind wie das Schlussbild. Immer wieder, wenn's metaphysisch werden soll, erklingt das Agnus Dei als Choral. Wenn hinter der Gaze-Wand Christus auftritt, plingt es hell aus den Lautsprechern, als habe ein Priester just das Wunder der Wandlung vollbracht. Das sind akustische Zeichen, die ein Theaterpublikum im katholischen Münster bestens kennt. Aber wenn man ehrlich ist, ist das eher die Semiotik des in den 1990ern ausgestrahlten ZDF-Zweiteilers "König der letzten Tage" (immerhin mit Christoph Waltz und Mario Adorf) als die radikaler Protestanten im 16. Jahrhundert.

DASNEUE JERUSALEM2 560 Klaus Lefebvre uVersammelte Gemeinde © Klaus Lefebvre

Vor allem aber ist das Niveau der Schauspieler, bei allem Verständnis für die Grenzen einer solchen personalstarken Produktion, überschaubar. Stärke bringen vor allem die Frauen ein: Insbesondere Jannike Schubert als Prophetin und erste Geliebte des Täufer-Königs Jan van Leiden, Monika Hess-Zanger als Bischof und Alice Zikeli als vom Bischof geschwängerte Anne sorgen für bleibenden Eindruck. Bei den Männern aber tun sich schlicht handwerkliche Begrenztheiten auf. Die werden noch dadurch betont, dass Zanger offenbar keinerlei pop-kulturelle Phantasie hat. Sonst wäre ihm gewiss aufgefallen, dass der – wie alle Täufer – bleich geschminkte (warum eigentlich?) Jürgen Lorenzen, der gegen Ende als zum Hofnarr mutierter Bürgermeister durchaus überzeugt, lange Zeit mit seinen grauen zurückgegelten Haaren und seinen starren Bewegungen wie eine verrenteter Data aus Star Trek herumwackelt.

Solche Inkonsistenzen in der Inszenierung wären kein Problem, wenn Aley schlicht einen Historienschinken geschrieben hätte. Aber ihr Stück ist ein großer Wurf: Anders als Dürrenmatt lässt sie in der Schwebe, ob das Täuferreich letztlich nur eine Männerphantasie zwischen Kopf-ab und Vielweiberei war oder ein utopisches Projekt. So verhandelt "Das neue Jerusalem" ohne jede Oberlehrer-Geste das weiterhin aktuelle Verhältnis von Religion und Politik. Aber die Aufführung findet dafür nur punktuell überzeugende Bilder.

 

Das neue Jerusalem
von Arna Aley
Uraufführung
Regie: Meinhard Zanger, Bühne & Kostüme: Darko Petrovic, Dramaturgie: Tanja Weidner, Silvia Drobny.
Mit: Florian Bender, Rosana Cleve, Thekla Viloo Fliesberg, Heiko Grosche, Sven Heiß, Elena Hollender, Monika Hess-Zanger, Raphaela Kiczka, Johannes Langer, Jürgen Lorenzen, Bastian Müller, Moritz Otto, Tatiana Poloczek, Alina Rhode, Jannike Schubert, Tobias Schwieger, Hannah Sieh, Alice Zikeli.
Dauer:  2 Stunde 30 Minuten, eine Pause

www.wolfgang-borchert-theater.de

 

Kritikenrundschau

Harald Suerland schreibt in den Westfälischen Nachrichten (19.5.2017): Arna Aleys "Das neue Jerusalem" sei "eher ein Lehrstück als ein Spektakel", es zeige, wie "Verführung und Machtergreifung funktionieren, wie sich religiöse und politische Überzeugungstäter eines charismatischen Menschen bedienen, der die Massen sektengleich in den Bann schlägt". Womöglich liege es an den "allbekannten starken Bildern über das Täuferreich", dass Aleys Stück doch "ein bisschen papieren" wirke. Meinhard Zanger versuche, "dem pädagogischen Sinn der Sache gerecht zu werden und zugleich sinnliches Augen- und Ohrenfutter zu bieten". Neben distanzierenden Stilmitteln fänden sich "satte Dramatik.

 
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