Zwischen den Kriegen

von Andreas Thamm

Bamberg, 19. Mai 2017. 1945: Der Krieg ist vorbei. 1990: Jugoslawien zerfällt. 2011: Kroatien tritt der Europäischen Union bei . Der Balkanstaat blickt auf eine Geschichte der Umbrüche zurück. Drei Winter von Tena Štivičić transkribiert, nach guter Tradition, die National- zur Familiengeschichte. In Bamberg ist das Stück in deutscher Erstaufführung zu sehen.

Das Haus

Videoschnee fällt zuckrig auf die Leinwand. Die Familie Kaiser / Kos erlebt drei Abende in drei schicksalhaften Jahren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stehen in Zagreb etliche Häuser leer. Die Nazikollaborateure haben sich abgesetzt. Rose Kaiser hat mit den Partisanen und ihrer Tochter Mascha in den Wäldern gelebt. Nun soll sie sich einen Schlüssel aussuchen. Sie nimmt das Haus, in dem ihre Mutter, Monika, als Dienstmädchen arbeitete und zieht mit ihr und Ehemann Alexander dort ein.Drei Winter4 560 Martin Kaufhold uKamin, Ledersofa, blinde Winter-Fenster, städtische Frisuren, Biedermeier-Gestühl - Zagreb im Bamberger Theater.
Iris Hochberger, Volker Ringe, Katharina Brenner, Ronja Losert  © Martin Kaufhold

Štivičić erzählt ihre Heimatgeschichte in diesem Haus. Es wird zum Symbol für die Frage nach dem richtigen System. Und zum Funken, an dem sich die Diskussionen um Menschlichkeit, Anstand und Prinzip entzünden. Eigentlich gehörte das Haus der Familie Amrus. Karoline Amrus setzte die schwangere Monika damals vor die Tür. Ihr Vater ist nach Argentinien geflohen, doch das Fräulein Karoline ist geblieben. Ihr Plan war simpel: "Ich lege mich auf das Bett und versuche zu sterben. Bisher ohne Erfolg."

Schwimmbaderbauer

Karoline wird Teil der Familie. Man lebt unter einem Dach und teilt das Haus selbstverständlich mit den Genossen. 1990: Rose wird beerdigt, Maschas Tochter Alisa baut Schneemänner mit Marko, der ein Stockwerk höher wohnt. Ihre Tante Dunja hat Karl dabei. Die beiden sind nach Deutschland ausgewandert, haben es dort zu etwas gebracht, bauen einen Pool. Doch Karl will in der Heimat etwas sein, mehr als ein Niemand: "Kroatien wird gemacht werden müssen!" Florian Walter plustert sich in der Rolle des Nationalisten zum lächerlichen Helden. Dunja ist eigentlich die Chefin, sie kann ihn nicht mehr respektieren, will die Trennung. Ihr Kopf schlägt hart auf die Tischplatte, neben dem teuren, deutschen Whiskey.

Es ist 2011 und alle, die anständig sein wollten, sind Verlierer. Zehn Jahre hat Dunja gegen Karl prozessiert, ohne Erfolg. Mascha und ihr Mann Vlado Kos können die Nebenkosten der Wohnung nicht mehr zahlen. Vlado muss in der Nacht vor der Heirat seiner jüngeren Tochter Lucija erfahren, dass seine Frau eigentlich nie glücklich gewesen ist. Alisa lebt mittlerweile in London, wo sie an ihrer Doktorarbeit schreibt. Marko ist vom Krieg traumatisiert. Damian, Lucijas Ehemann, hat ihn und seine Mutter für den Auszug entschädigt. "Verachtung ist eine erniedrigende Waffe", erklärt Marko Alisa, "ich bin nicht dein Verbündeter."

Das Ideal hoch halten oder das Haus behalten

Was ist Tradition? Wo fängt das an? Und ist die richtige Seite der Geschichte, die der Gewinner oder die der Gerechten? In einem Land mit dieser Geschichte, diesen Umbrüchen, vom Kommunismus zum Kapitalismus, in die EU, muss das anhand der Frage nach dem Privatbesitz verhandelt werden. Alisa hat das Land verlassen, das Ideal des alten Jugoslawien hält sie hoch. Lucija will das Haus der Familie erhalten, mit schmutzigen Mitteln, wenn es sein muss: "Ich bin als einzige schlau genug, mich anzupassen." Mit ihr drang der Kapitalismus endgültig in die Familie, aber ob der sich als Zersetzer oder Retter erweist, diese Fragen lässt Štivičić dankenswerterweise offen. Wie alle: Was ist die beste aller Welten? Wir wissen es nicht.

Dazwischen der Vater, Vlado, der sämtliche historische Ereignisse auf Band zuhause hat. In der Nacht sinniert er mit Mascha über Zeiten, in denen Solidarität altmodisch geworden ist. Wie Volker Ringe und Katharina Brenner sich allein in diesem brillant geschriebenen Dialog voneinander entfernen und aufeinander zubewegen, geht sehr nahe. Sie sind die, die es geschafft haben, leicht bitter und ironisch, aber eben wenigstens zusammen. Und allein wie Volker Ringe dann schwerfällig von der Bettkante aufsteht, ist großes Schauspiel. Szenenapplaus. Er wird in Bamberg vermisst werden. Wobei es unfair scheint, Einzelne aus der null verfremdenden Inszenierung von Sibylle Broll-Pape herauszuheben.

Starke Frauenfiguren

Pina Kühr als Lucija wäre noch zu nennen, der am Premierenabend eigentlich ein grippaler Infekt zusetzt. Davon ist nichts zu spüren, als sie sich bebend, im Brautkleid, gegen ihre Schwester Alisa (Ronja Losert) verteidigt. Das episch angelegte Stück mit seinen starken, konsequent auserzählten Frauenfiguren, scheint die Nerven der Schauspieler zu kitzeln.

Klar, bei über drei Stunden Spielzeit gibt es den ein oder anderen Anekdoten-Monolog der hätte gekürzt werden können. Und ärgerlich ist das immer gleiche Kitschgeklimper, das die telenovelahaften Videosequenzen – die Familie sitzt vorm Fernseher, Titos Begräbnis – und eine Postkarten-Diashow untermalt. Während die Schauspieler Kostüme wechseln, wird der Zuschauer kurz in eine Rosamunde-Pilcher-Hölle versetzt. Aber nur kurz. Dann ist er zurück in Kroatien, wo die Familie der Zukunft einmal hoffnungsfroh und zweimal düster entgegenblickt.

 

Drei Winter
von Tena Štivičić
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Sibylle Broll-Pape, Bühne und Kostüme: Tanja Hofmann, Dramaturgie: Remisi Al Khalisi, Video: Christopher Bonte. Mit: Ronja Losert, Pina Kühr, Katharina Brenner, Volker Ringe, Iris Hochberger, Daniel Seniuk, Florian Walter, Bertram Maxim Gärtner, Eckhart Neuberg, Regine Vergeen.
Dauer: 3 Stunden 10 Minuten, eine Pause

www.theater.bamberg.de

 

 

Kritikenrundschau

Im Fränkischen Tag (22.5.2017) schreibt Rudolf Görtler: "Was dieses Stück sehenswert macht, sind vor allem die Schauspielerleistungen."

 

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