Wie ein misslungener Purzelbaum

von Christoph Fellmann

Zürich, 20. Mai 2017. Die vier Absolventen dieser Schule tragen je eine graue Hose, ein weißes Hemd, eine schwarze Krawatte und darüber eine rote Strick- oder vielleicht auch Signalweste. Denn ja, man könnte sagen, diese Zöglinge strebten nach Rettung, nämlich vor einer Zukunft, die für sie nur Konkurrenz, Weiterbildung und Optimierungsprogramme bereithalten wird.

"Ich werde eine reizende, kugelrunde Null in meinem späteren Leben sein", sagt Jakob von Gunten im gleichnamigen Roman des Schweizers Robert Walser von 1909. Und so sagt es jetzt auch Michael Maertens im Schiffbau, wo die Intendantin Barbara Frey das Buch gemeinsam mit der Dramaturgin Amely Joana Haag erstmals für das Zürcher Schauspielhaus adaptiert hat.

JvGunten1 560 MatthiasHorn uWir wollen immer artig sein: Hans Kremer, Michael Maertens, Stefan Kurt, Iñigo Giner Miranda © Matthias Horn

Es ist in der Tat eine Schule der Selbstminimierung, dieses Institut Benjamenta, in dem sich Jakob von Gunten eingeschrieben hat, um seiner gutbürgerlichen Herkunft zu entsagen. Der Mitschüler Kraus (Hans Kremer), den er hier antrifft, hat es in seinem "eichhörnchenhaften" Wesen bereits zum "eilfertigen Diener" und "anmutlosen Meisterwerk" gebracht und ist für den Neuankömmling das Vorbild, dem er nacheifert. Schüler Heinrich (Iñigo Giner Miranda) sitzt derweil an Klavier oder Celesta und stimmt Popsongs von Kate Bush, Amy Winehouse oder den Beatles an, während Schüler Fuchs (Stefan Kurt) noch im mutwilligen Scheitern scheitert und "wie ein misslungener Purzelbaum" durch seine Schulzeit rollt. Was nichts macht, denn gelehrt wird hier nichts, aber das mit großer Ausdauer und Sorgfalt. Nur einmal täglich kommt es zu einer Lektion zur Frage, wie sich ein Knabe zu benehmen hat: "Das gute Betragen ist ein blühender Garten." Der Satz geht wie ein Refrain durch die Inszenierung von Barbara Frey.

Beeindruckende Millimeterarbeit

Der Roman ist eine großartige Satire auf den bürgerlichen Normcore und seinen Bildungspathos. Und sogar bis in die verschnörkelt-subtile Schilderung erotischer Übergriffigkeit, bei der man sofort an aktuelle Fälle denken muss, ist er es bis heute geblieben. Mit dem einen Abstrich vielleicht, dass das dienende Fachpersonal im 21. Jahrhundert auf Rutschbahnen zur Arbeit fährt, den Gratis-Smoothie der Firma in der Hand. Und das ist der Punkt, an dem der Theaterabend die Provokation des Romans verfehlt. Dass Barbara Frey gemeinsam mit ihrer Ausstatterin Bettina Meyer das Institut weiterhin um 1909 ansiedelt, in einem muffigen, nussfarben hochgetäferten, darüber bieder tapezierten Bühnenraum: geschenkt. Dass sie darin vier synchron buckelnde Zöglinge so choreografiert, als betreibe sie selbst eine Zuchtanstalt: gelungen (wirklich eine beeindruckende Millimeterarbeit). Dass der Unterricht an diesem Abend aber so gar keine utopische – oder wenigstens: bartleby'sche – Verweigerungslust und -kraft entwickelt: Das ist denn doch ein entscheidendes Handicap dieser Romanadaption.

JvGunten 560 MatthiasHorn uEine Welt so hölzern wie hohl. Ausstattung: Bettina Meyer © Matthias Horn

"Der Entwürdigte nimmt alles ernst, aber auch leicht." Die Leichtigkeit, die Robert Walser in seinen Roman eingeschrieben hat, sie ist bei Barbara Frey nie zu spüren. Im Gegenteil. Der burleske Gedanke, dass die Freiheit gerade im bedingungslosen Dienen zu finden sein könnte, er wird erstickt, indem die Geschichte konsequent als Dystopie erzählt wird: Im Bühnenbild, im langsamen Rhythmus und im gedrechselten Spielstil erzeugt der Abend eine Stimmung von bleierner Gefühlskälte und von Gefangenheit. Das ist notabene in sich konsequent und sehr gut gemacht, und das Ensemble ist von unheimlicher Präsenz. Aber ist es auch stimmig? Wie Hans Kremer seinen Kraus als verklemmten Streber geben muss, ist er jedenfalls kein Vorbild – sondern nur der kümmerliche Auswuchs seiner geisttötenden Umgebung. Seine freiwillige Unterwerfung hat nichts Befreiendes, Anarchisches oder sogar Glamouröses.

Und das Gleiche gilt leider für den ganzen Theaterabend. Der ist geradezu staatstragend darin, wie er Walsers maliziöse Provokation in muffiger Stillstandsästhetik ins Leere laufen lässt. Barbara Frey macht aus ihrem Helden, der doch eine kugelrunde Null werden wollte, eine senkrechte Eins.

 

Jakob von Gunten
nach Robert Walser
Regie: Barbara Frey, Ausstattung: Bettina Meyer, Licht: Rainer Küng, Dramaturgie: Amely Joana Haag. Mit: Michael Maertens, Stefan Kurt, Hans Kremer, Iñigo Giner Miranda.
Dauer: ca. 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

Daniele Muscionico schreibt auf nzz.ch der Webpräsenz der Neuen Zürcher Zeitung (22.5.2017): Wenn "Gefälligkeit" kein "Schimpfwort" sei, sondern "Zustandsbeschreibung", müsse man sagen: "Zürich hat einen gefälligen Walser bekommen. Und gefallen hat er dem Premierenpublikum rasend." Das sei verständlich. Wer sehe nicht gerne einem Ensemble zu, das "funken und funkeln könnte wie hier Stefan Kurt und Michael Maertens und endlich auch der selten sichtbare Hans Kremer". Allerdings bliebe "ihre Könnerschaft unter Eis". Eine "kindlich komische Altherren-Riege ohne Drama und ohne Schmerz". "Stark" sei der Abend in seinen Kostümen und "gestochen scharf in der Präzision, mit der man gehemmte Gänge und Körperhaltungen exemplifiziert".

Alexandra Kedves schreibt auf tagesanzeiger.ch, der Web-Plattform des Tages-Anzeigers aus Zürich (22.5.2017): Das "düstere Ballett de Bravheit" zu Beginn sei bereits ein "Highlight", in "ihrem Format" sei überhaupt die "gesamte Arbeit platterdings glänzend". Frey führe hier ihre Stärken zusammen: "das Gehör der Musikerin, das Rhythmusgefühl der Schlagzeugerin, das Faible für Abstraktion und die Lust an der Gaudi." Die Schauspieler spielten "saukomisch, superschaurig, ernsthaft und trotzdem als Clowns eines Daseins, das, von nicht allzufern, auch das unsere spiegelt".

"Es ist ein Fest für ihre vier Schauspieler, das die Zürcher Intendantin Barbara Frey hier angerichtet hat", schreibt Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.5.2017). Aber: "Ein wenig mehr Verzweiflung hätte (…) der Inszenierung gutgetan. Walsers Programm der souveränen Selbstminimierung ist keine Antwort auf die Zumutungen der Moderne, den heutigen Optimierungswahn eingeschlossen, sondern eine Studie in bitterer Untergangsheiterkeit."

 

 
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