Zu kritisch?

24. Mai 2017. Laut Berichten mehrerer Medien sind am Dienstag die Moskauer Wohnung des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikow sowie das von ihm geleitete Gogol-Theater durchsucht worden. Serebrennikow selbst sei mehrere Stunden vernommen worden. Er habe sich verpflichten müssen, zu weiteren Vernehmungen zu erscheinen.

Die Maßnahmen seien Teil einer Ermittlung wegen Unterschlagung öffentlicher Gelder, so eine Sprecherin des Ermittlungskomitees laut den Medienberichten. In dem Verfahren werde Serebrennikow als Zeuge geführt. Kollegen des Regisseurs und weitere Unterstützer hingegen argwöhnen einen Einschüchterungsversuch seitens der Behörden und solidarisierten sich mit dem als unangepasst und regimekritisch geltenden Künstler.

Serebrennikow erarbeitet am Bolschoi derzeit das Ballett "Nurejew" über den gleichnamigen Startänzer. Es heißt, er wolle in der Inszenierung auch die Homosexualität des Startänzers thematisieren. "Ich kann mir nur vorstellen, dass Kirill, der viele Aspekte unseres Lebens offen kritisiert, deshalb ins Visier der Staatsmacht und der Sicherheitsbehörden geraten ist", sagte sein Regie-Kollege Wladimir Mirsojew im Interview mit dem Radiosender Echo Moskwy.

Unterstützung aus Berlin

Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper Berlin, zeigte sich in einer Pressemitteilung "besorgt über das Vorgehen und die Vorwürfe gegen das Moskauer Gogol Zentrum und seinen künstlerischen Leiter". Kirill Serebrennikov inszenierte bereits zwei Mal an Koskys Haus, zuletzt 2016 "Der Barbier von Sevilla". Barrie Kosky: "Wir haben Kirill Serebrennikov während der Zusammenarbeit in Berlin 2012 und im vergangenen Jahr als inspirierte, engagierte und integre Künstler­persönlichkeit und als aufrichtigen Menschen kennengelernt und haben weitere Projekte mit ihm verabredet. Vor dem Hintergrund der sich verengenden Freiräume für kritische und unabhängige Kunst und Kultur im heutigen Russland hoffen wir auf eine baldige und faire Aufklärung der erhobenen Vorwürfe."

In der nächsten Spielzeit bringt Serebrennikow in Stuttgart die Oper "Hänsel und Gretel" auf die Bühne.

(Der Standard / shz.de / WDR / Komische Oper / miwo) 


30. Mai 2017. In einem Offenen Brief kritisiert der Deutsche Bühnenverein das Vorgehen gegen Serebrennikow: "Angesichts bedrohter Freiräume für unabhängige und kritische Kunst in Russland hoffen wir auf eine umgehende und faire Aufklärung der erhobenen Vorwürfe und die uneingeschränkte Fortsetzung der kreativen und mutigen Arbeit von Kirill Serebrennikov in Moskau und im internationalen Kontext."

Mehr zu Kirill Serebrennikow:

Nachtkritik: Tote Seelen – Kirill Serebrennikow gastiert mit seiner Gogol-Bearbeitung bei den Wiener Festwochen (5/2015)

Festivalbericht: Serebrennikows Inszenierung von Lars von Triers "Idioten" beim F.I.N.D. Festival an der Berliner Schaubühne (4/2014)

 
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