Rabranza zawirzl klunulf!

von Eva Maria Klinger

Wien, 24. Mai 2008. Das trippelnde Zwillingspaar hätte auch von Händl Klaus stammen können, dessen Stück "Die Sammlung Marianne Bosch" an diesem Abend zur Uraufführung vorgesehen war. Sie kam nicht zustande. Da im Burgtheater nach Absagen von Dimiter Gotscheff und Falk Richter schon Lücken klafften, musste Gert Jonke wohl als Uraufführungsersatz einspringen.

Der wundersame Poet hat es mittlerweile auf 14 Stücke gebracht, obwohl er im Grunde kein Dramatiker ist. Handlung, Dialog und Charaktere gelten in der österreichischen Theaterliteratur nicht mehr als Voraussetzung für ein Bühnenwerk, seitdem Textflächen (Elfriede Jelinek) und Monologe (Thomas Bernhard) ihre dramatischen Möglichkeiten erwiesen haben. Gert Jonke ist der Schöpfer der phantastischen, ironischen Schelmennovelle.

Plastiksäckchen gegen die Lebensmüdigkeit

Erich, Ex-Therapeut in einer Psychiatrie, hat die Suizidrate zu sehr verringert, weshalb er vom Klinikchef entlassen wurde. Dahinter steckt Jonkes verschmitzte Perfidie, wonach Selbstmörder für die Psychiatrie eben lebensnotwendig sind. Erichs Methode ist simpel: er verteilt an die Patienten Plastiksäckchen, die, über den Kopf gestülpt und zugebunden, eine sichere und schmerzfreie Suizid-Methode  garantieren. Mit diesem Beruhigungsmittel in der Tasche, gelingt es den Patienten plötzlich, ihre Lebensprobleme zu lösen.

Markus Hering als "Engel der Selbstmörder", ist nun schon zum dritten Mal eine fabelhafte, beglückende Jonke-Figur. Er hat die naive Ernsthaftigkeit, an die absolute Echtheit der krausen Phantasien zu glauben, er erdet den Überschuss an surrealen Einfällen in der Realität. Als Spezialist für Selbstmorde erzählt er von eigenen Versuchen des freiwilligen Abgangs: Tiefseetaucher in der Jungsteinzeit, Sprengmeister eines Fluchttunnels aus der DDR oder wie er in den Alpen unbedingt vom Blitz erschlagen werden wollte.

Und dann ist der Mann auch noch Künstler. Brennende Zündschnüre sollen den Stuhl, auf dem er sitzt, in den Bühnenhimmel schleudern. Das Experiment gelingt irgendwie, doch Erich sitzt gerade nicht auf dem Stuhl. Diese Feuer-Explosion ist eine verspielte theatralische Idee, wie Jonke sie gerne erfindet. In seiner Lieblingsregisseurin Christiane Pohle hat er eine Vollstreckerin, die mit Witz und Aplomb solche Überraschungseffekte erzeugt und die zu Jonkes Humor die richtige Affinität besitzt.

Plötzliches Erscheinen von Sinnsprüchen

Erichs lange Ansprachen ans Publikum münden in eine romantische Liebesgeschichte. Die für ihn bestimmte Frau Siedu (Libgart Schwarz) hat er durch ein Straßenbahnfenster erkannt. Während der Umarmung erscheinen plötzlich Sinnsprüche auf ihren Körpern, sie lesen buchstäblich von einander ab, malen schwarz den Tod der Natur, ein immer wiederkehrendes Jonke-Mantra.

Als sie nach langer Umarmung erwachen, stehen Soldaten aus einer fernen Zukunft vor ihnen und kommandieren in einer Phantasiesprache. "Zakurgla klasetzka plurunz/Rabranza zawirzl klunulf!" Michael Masula ist der Gedächtniskünstler, der seitenlang und buchstabengetreu diese Referenz an den von Jonke verehrten H.C. Artmann und die Wiener Gruppe auswendig beherrscht. Zuletzt flieht das Liebespaar vor den Usurpatoren im "Freien Fall" mitten ins Publikum.

Da das alles noch nicht abendfüllend ist und Jonkes Phantasie ohnehin grenzenlos, gibt es noch schrullige und makabere Einschübe. Eine junge Frau (Adina Vetter: vor allem blondmähnig) beweint ihren dann doch nicht toten Freund, ein innovativer Bestattungsunternehmer (kabarettistisch: Branko Samarovski) hat Zeremonien erfunden, die so beliebt geworden sind, dass er Eintrittskarten verkaufen muss. Zwischendurch wird Klavier und Geige gespielt, schön, aber im Verdacht der Stückverlängerung stehend.

So sind viele einzelne Blöcke um Erich komponiert, die keinen zwingenden Zusammenhang ergeben. Es ist nicht leicht, eigentlich nicht möglich, mit Sprachkunst, Ironie und Phantasie zwei Stunden lang Spannung zu halten. "Das, was am Burgtheater gemacht wird, ist doch meistens Weltklasse, auch wenn's schief geht", feixte Jonke schon im voraus. Schief ging's wahrlich nicht, nur etwas schleppend. Gert Jonke und das gesamte Team wurden vom Publikum gefeiert.

 

Freier Fall
von Gert Jonke, Uraufführung
Regie: Christiane Pohle, Bühne: Maria Alica Bahra, Kostüme: Katrin Lea Tag.
Mit: Sven Dolinski, Markus Hering, Gerrit Jansen, Johannes Krisch, Michael Masula, Claus Riedl, Branko Samarovski, Libgart Schwarz, Adina Vetter, Georg Wagner.

www.burgtheater.at

 

Mehr von Christiane Pohle: im April 2008 inszenierte sie an den Münchner Kammerspielen Horváths Zur schönen Aussicht. Im vergangenen November entwickelte sie in Basel zusammen mit Robert Lehninger, Miriam Ehlers und Malte Ubenauf den Abend Zones of my exclusions.


Kritikenrundschau

Im Standard (26.5.2008) meint Margarete Affenzeller, Gert Jonke sei "der größte Utopist, den dieses Land hat, und der präziseste Umstürzungstechniker am Theater". In "Freier Fall", das im Wiener Akademietheater zur Uraufführung kam, seien "Zeit und Figuren wie immer schon bei Jonke in Auflösung begriffen". Der Protagonist und "ewige Wiedergänger" Erich sei ein Abkömmling jenes Mannes aus Jonkes Roman "Der ferne Klang", "den der missglückte Selbstmord in ein Leben voller Überraschungen zurückgeworfen hat." Der Abend sei "eine einzige Kette von nicht zur Gänze aufzuzählenden Parodien: auf den Selbstmord, auf das Landleben, auf die Kunst (also Selbstparodie), auch auf das Theater". Und Regisseurin Chrisiane Pohle sei des Stückes "parodistische Dienerin": "Vergnügen unter besonderer Berücksichtigung von Weltauflösung: darauf verstehen sich Jonke und Pohle."


Barbara Petsch von der Wiener Presse (26.5.2008) "sitzt ja, speziell zu dieser Jahreszeit, recht viel im Theater – doch selten erlebt" sie "so eine Sternstunde": Die Uraufführung von Jonkes "Freier Fall" sei "über alle Maßen hinreißend", obwohl Christiane Pohles Inszenierung noch "eher glättend und pragmatisch" ausfalle. Aber der Text: "Wer Jonke ein bisschen kennt, weiß nicht, ob er bei seinen Geschichten, die auch immer schonungslos das Künstler-Elend schildern, lachen oder weinen soll." "In musikalischen Eruptionen" werde "die Apokalypse beschworen." Jonkes Texte seien "nicht weit entfernt von der Realität, obwohl die Prophezeiungen höchst fantastisch wirken." Und dann ist da noch der Hauptdarsteller Markus Hering: Der erfülle "den gewaltigen Text mit Leben und Energie. Wenn man die sich auftürmenden Wortkaskaden liest, weiß man erst, was das für eine gewaltige, auch physische Leistung ist. Sie ist umso eindrucksvoller als Hering keine Minute sinnlos brüllt, tobt oder sonst wie Aufmerksamkeit heischt. Er ist einfach ein überragender Schauspieler."

"Jonkes bis zur Unschuld phantasievolle Stücke" seien "Gegen-Kunst, der Versuch, das Theater vor dem Selbstmord der Einfallslosigkeit zu bewahren", schreibt Paul Jandl in der Neuen Zürcher Zeitung (26.5.2008). "Wer mit Gert Jonke den Sprung in die Tiefen seines Stücks 'Freier Fall' wagt, der wird sich erhoben fühlen. Weil auch die Regisseurin Christiane Pohle mit von der Partie ist, ist es Himmelfahrt mit Kommando." "Wenn die surreale Rede von Jonkes Figuren zwischen Wirklichkeit und Phantasie oszilliert, zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, dann hat Christiane Pohles witzige Regie dafür das passende Bild gefunden." Und Markus Hering sei "ein glaubhaft zwischen Leben und Tod gespannter Künstler, ein fahriger Vor- und Nachfahr seiner selbst. Ein Mann jedenfalls, der unsagbar verschlungene und poetische Monologe hält."

Wie alle Jonke-Stücke lebe auch "Freier Fall" vom Wortwitz und der Absurdität der Welt, meint Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen (26.5.2008). Christiane Pohle habe das Stück "schwunghaft in Szene gesetzt", und Hauptdarsteller Markus Hering trage "den ganzen Abend beinahe mühelos": stets bleibe er "gelassen, geistreich, witzig. Kaum einmal versiegt sein Redefluss, erst als er seine Seelenverwandte Siedu, erfreulich textgetreu und fast neckisch von Libgart Schwarz verkörpert, erkennt, sinken einander die beiden in die Arme." Es kämen auch "die ältesten Bühneneffekte, etwa Seilzug und Feuer, ... schamlos zum Einsatz. Hier wird das Theater sicher nicht neu erfunden, aber für immerhin zwei Stunden kann man ganz entspannt abschalten und einen weitgehend sinnfreien, ungetrübten schwarzen Humor genießen."

In der Frankfurter Rundschau (26.5.2008) schreibt Stephan Hilpold: Unter den österreichischen Autoren sei Jonke der "Wortjongleur", der "den Alltag verpoetisiert und die Poesie veralltäglicht und der am Handlungslauf so lange dreht, bis die Schraube irgendwann nur mehr lose in ihrer Windung hängt". Die beiden letzten Jonke-Uraufführungen, "Chorphantasie" und "Die versunkene Kathedrale" seien "Abende mit beträchtlichem Humor und ziemlich viel Poesie" gewesen. Das klappe diesmal nicht "so recht". "Der freie Fall" entpuppe sich als "Theater gewordene Poetologie". Das sei eine schöne Pointe, käme aber im Akademietheater "recht überspannt daher". Christiane Pohle gehe "Jonkes zwiespältiger Idylle auf den Leim". Vom "eigenwilligen Witz, dieser Kombination aus Nestroy und Wes Anderson", sei zuletzt nicht mehr viel spürbar. "Aus dem ironischen Universalpoeten wird ein hoffnungsfroher Romantiker".

Helmut Schödel hat aus dem Wiener Theaterabend den "praktischen Tipp" mit nach Hause genommen, dass falls Selbstmord jedenfalls ein Plasticksackerl benutzt werden sollte, das man sich, "wenn es mal ganz hart kommt, über den Kopf ziehen und um den Hals herum zubinden kann." In der Süddeutschen Zeitung (28.5.2008) erzählt er weiter animiert von den Selbstmorden des Herrn Erich, deren Dokumentation im Sackerl-Archiv, dem dadaistischen Sonderkommando und anderen Rätseln, die Jonke aufgibt. Bei den Stücken von Gert Jonke handele es sich um "ein Theater poetischer Hilfestellung, Jonke der Flügelausleiher in traumlosen Zeiten. Ein Beschwichtiger ist er aber nicht." Markus Hering, "sowieso ein großer Schauspieler", sei, "ohne großes Theatergedöns" ein "Meisterstück" gelungen. Die Rolle des Erich, im Grunde ein fast zweistündiger Monolog, spiele er so, dass "man diesem Mann seine wilden Storys abkauft. Er hat nicht den Wahn gespielt, sondern das nüchterne System dahinter."




 
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